Panik im Haifischbecken

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: kobinet/hjr

Wilde Gerüchte, der islamistische Terror habe jetzt auch Deutschland erreicht. Die ARD-Tagesschau-Redaktion sendete mehr als 5 Stunden live vom Tatort in München, mehrere Terroristen hätten mit "Langwaffen" das Olympia-Einkaufszentrum in München überfallen. In der ganzen Stadt wurde der öffentliche Personennahverkehr gestoppt, der Münchner Hauptbahnhof evakuiert, öffentliche Plätze und Straßen gesperrt, von denen wilde Schießereien berichtet wurden. Die Sperrung der Autobahnen rund um München wurde verkündet, denn die GSG-9 sei im Anmarsch und dürfen nicht behindert werden. In der Millionenstadt rannten Menschen schreiend durch die Straßen, über die Radio- und Fernsehsender wurden sie dringend aufgefordert, zu Hause zu bleiben und Menschen in ihren Wohnungen zu beherbergen, die München über die gesperrten Bahnhöfe nicht mehr verlassen konnten. Panik und Angst in ganz München, Panik und Angst in den sogenannten "Sozialen Netzwerken", Panik und Angst überall in Deutschland. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Florian Hahn, Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestages, twitterte, man brauche für die nächsten Tage die Bundeswehr "zur Herstellung der Sicherheit im öffentlichen Raum".

Das passierte am späten Nachmittag des 22. Juli 2016. Kurz vor Mitternacht dann die "Entwarnung". Die Polizei informierte: es gibt keine "akute Terrorlage". Es war kein Terroranschlag und es habe sich um einen Einzeltäter gehandelt, einen "klassischen Amoktäter". Ein offensichtlich psychisch kranker 18-Jähriger hatte in dem Münchner Einkaufszentrum wild um sich geschossen mit einer Pistole, die er sich im Internet besorgt hatte. Er erschoss dabei neun Menschen und sich selbst, und er verletzte dabei dutzende Menschen schwer. Ein Jugendlicher, der seit Jahren im Internet sogenannte "Ego-Shooter-Spiele" konsumierte, mit denen in "lebensechter" Simulation Menschen massakriert werden.

Vorsicht! Dieser Dreck ist frei zugänglich im Internet: "Top 10 beste Ego-Shooter aller Zeiten".

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.
(...)
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

schrieb Paul Celan 1944/45 in seiner "Todesfuge".

Verteidigungsministerin von der Leyen wurde am Tag nach dem Amoklauf in München zitiert in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung": "Solange das Ausmaß des Anschlages am Freitag nicht klar war, war eine Feldjäger-Einheit der Bundeswehr in München in Bereitschaft versetzt." Man habe allerdings "noch nie geübt", dass "die Truppe auch bei terroristischen Großlagen die Polizei unterstützt". Das neue Weißbuch des Bundesverteidigungsministeriums sieht solche Übungen vor. Die "Süddeutsche Zeitung" fragte am 24. Juli: "Wollte von der Leyen das Thema nun auf diese Weise noch einmal auf die Agenda setzen und verdeutlichen, dass die Bundeswehr im Ernstfall auch ohne Grundgesetzänderung bereitstünde? Offensichtlich ja."

Die politischen Amokläufer spielen längst Ego-Shooter in der deutschen Regierungskoalition in Berlin. Für den CSU-Bundestagsabgeordneten Hahn scheint der Amoklauf eines Jugendlichen in München wohl eine gute Gelegenheit für einen "Testballon" gewesen zu sein. Die CDU/CSU will schon lange einen autoritären "Sicherheitsstaat" durch die Ausweitung des Einsatzes der Bundeswehr, nun auch im Inneren. Angestrebt wird eine Verfassungsänderung. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte in der "Welt am Sonntag", dass "wir in extremen Situationen" wie Terroranschlägen "auch in Deutschland auf die Bundeswehr zugreifen können". Die historisch begründeten Vorbehalte in der Bundesrepublik seien überholt.

Ein Schuft, wer Schlimmes dabei denkt? Die Opfer in Frankreich sollten Warnung genug davor sein, mit der Militarisierung des Staates und der Gesellschaft Sicherheit schaffen zu wollen. Militär ist Scheiße! Immer. Wer hitzig die Ausweitung der Bundeswehreinsätze im Inneren fordert, muss bei nüchternem Verstand begreifen, dass man damit genausowenig wie mit Auslandseinsätzen Terroranschläge verhindert oder die wachsende Angst vieler Menschen mindern kann. Die Ursachen der wachsenden Terrorgefahr finden sich auf der Blutspur der jahrhundertealten Kolonialgeschichte, in den schmutzigen Händen der Verursacher des Klimawandels durch den weltweiten Raubbau von Seiten der Industrieländer und ist zu verantworten im Namen des profitgierigen Welthandels, der als die tatsächliche Fluchtursache Hunderte Millionen Menschen aus dem Elend in ihren Heimatländern vertreibt.

"Der Täter von München war rechtsextrem eingestellt, erschoss Menschen mit Migrationshintergrund", meldete am 29. Juli die ARD-Tagesschau. Wir dürfen es nicht zulassen, dass diese jungen irregeleiteten Ego-Shooter und ihre beklagenswerten Opfer von politischen Amokläufern dazu missbraucht werden, unser Land zu einem autoritären "Sicherheitsstaat" aufzurüsten. Terror, Angst und Verelendung entstehen und wachsen auf im Haifischbecken des Profitterrors. Das lässt sich nur stoppen durch eine konsequente Politik der sozialen Aufrüstung. Dafür ist es längst höchste Zeit.

Moritat von Mackie Messer
(von Bertolt Brecht getextete und von Kurt Weill vertonte Moritat aus dem Theaterstück "Die Dreigroschenoper")

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.

An ’nem schönen blauen Sonntag
Liegt ein toter Mann am Strand
Und ein Mensch geht um die Ecke
Den man Mackie Messer nennt.

(…)

Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.

 

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