Wie lässt sich Behinderung verhindern?

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: kobinet/hjr

Am 18. August 2016 hat der "Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen" (G-BA) ein Prüfverfahren eingeleitet mit dem Ziel, dass zukünftig in Deutschland die Krankenkassen bei Schwangerschaften die Kosten für einen Bluttest mit dem Handelsnamen "Praena" finanzieren sollen, der die Kinder im Mutterleib daraufhin überprüft, ob sie als behinderte Menschen mit Down-Syndrom geboren werden. Dabei wird mit der Angst werdender Eltern gespielt, vielleicht ein Kind zu bekommen, das durch die gesellschaftlichen Verhältnisse ausgesondert, benachteiligt und durch Barrieren behindert wird. Mit der Phantasie eines lebenslänglichen "Sorgenkinds" werden neun von zehn dieser Schwangerschaften abgebrochen. Behinderungen werden verhindert – Barrieren bleiben bestehen. Das Wirtschaftssystem spart sich die Kosten der Inklusion.

75 Jahre vorher, am 24. August 1941, mussten die Nazis in Deutschland ihr Mordprogramm "Aktion T4" (benannt nach dem Sitz der Sonderbehörde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin) an behinderten Menschen offiziell stoppen wegen der zunehmenden Proteste in der Bevölkerung gegen die Euthanasie an behinderten Menschen. Inoffiziell ging jedoch der Vollzug des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" weiter, und bis 1945 hatten die Nazis laut Forschungsprojekt des Bundesarchivs mehr als 200.000 Behinderte ermordet.

Was hat das eine Datum mit dem anderen zu tun?

In Hitler-Deutschland war man der Auffassung, "dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Begutachtung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann". Ziel war der systematische Massenmord an Behinderten, die für die Volkswirtschaft als "Schädlinge", "unnütze Fresser" und "Ballastexistenzen" galten.

Heute ist man der Auffassung, dass man werdenden Eltern die Möglichkeit geben müsse, nach neun Monaten Schwangerschaft keine "erschreckende" Überraschung zu erleben. Ein Schrecken, der konstruiert und vollstreckt wird durch die soziale "Euthanasie", in der man die "Schädlinge", "unnützen Fresser" und "Ballastexistenzen" zwar nicht mehr so benennt, aber Behinderte als ineffiziente Kostenfaktoren für die Volkswirtschaft betrachtet, denen man die "Leiden" der gesellschaftlichen Aussonderung und Benachteiligung ersparen könne, indem man ihren Eltern, der Wirtschaft und den Staatsfinanzen bereits in vorgeburtlicher Verantwortung die Belastungen erspart.

Abstruse Verschwörungstheorie und alles Panikmache? Wir leben doch heute in einer zivilisierten Gesellschaft, blabla.

Von wegen. Investitionen müssen sich lohnen, und in der Wolkenschieberwelt der Blütenträume kommt es noch besser: In der zukünftigen Welt ohne Menschen mit Down-Syndrom und ohne andere Behinderte werden dann nach den Wertmaßstäben der Optimierungsgesellschaft die Eltern der nichtbehinderten Kinder endlich in einer buchstäblich herzlosen Welt leben können. Denn hochsubventionierte Forschungsinstitute arbeiten daran, dass Menschen in 20 Jahren Milliarden "Nanobots" in ihren Körpern haben werden, die das Herz und alle Organe ersetzen, Krankheiten bekämpfen und das Altern stoppen. Auch "Nano-Blut", so ist zu erfahren, ist bereits in Arbeit. Ein paar Versuchsratten hatten dieses Zeug sogar schon in ihren Adern. Ein Drittel ihres Blutvolumens, und die Behandlung, so heißt es, hätte keinerlei schädliche Wirkung gehabt.

Selbst alte Menschen werden bereits zunehmend als bedrohliche Belastungsfaktoren für die Gesellschaft definiert, weil sie mit einem Kosten-Nutzen-Faktor unterhalb einer Effizienzquote von 1.0 nicht mehr produktiv verwertbar sind und zu einer Kostenbelastung für das Wirtschaftssystem werden. Alte, chronisch Kranke und behinderte Menschen werden mit dem Makel einer geminderten Leistungsfähigkeit versehen und fallen unter die Kategorie der sogenannten "sozial Schwachen". Dieser schmuddelige Begriff ist längst zur gebräuchlichen Klassifizierung für eine niederrangige und minderwertige Menschengruppe geworden, die in Talkshows bereits zur Grundausstattung des Sprachmissbrauchs geworden ist. Wie auf Fingerschnippen fährt dem konditionierten Millionenpublikum ein Schauer über den Rücken, wenn von den "sozial Schwachen" die Rede ist. Kaum mehr traut sich noch jemand auf die Idee zu kommen, sich zu fragen, ob nicht vielleicht die sozialen Schwächlinge die rhetorisch geschliffenen Beutelschneider selbst sind.

Auf welchem Weg befinden wir uns?

Schauen wir uns um. Von 1939 bis 1945 wurden in Deutschland behinderte Menschen in Gaskammern, durch Medikamente und durch Verhungern ermordet. Damals sagten die meisten Leute, davon hätten sie nichts gewusst. Künftig soll die Selektionsrampe ein Bluttest sein. Ein Teelöffelchen Blut entscheidet über Leben und Tod. Die Karten liegen auf dem Tisch. Bereits in der Präimplantationsdiagnostik (PID) wird selektiert nach "Genmaterial" mit Nichtbehindertengarantie. Keiner wird jemals mehr sagen können, man habe von alldem nichts gewusst.

Hier kollabiert gerade etwas. Und wenn wir diesen Topf nicht schleunigst vom Herd nehmen, dann kocht da etwas über, was uns sehr schnell anbrennen kann. Eine Gesellschaft aus lauter jungen und topfiten "Leistungsträgern" wird dabei garantiert nicht herauskommen.

Der kritische Verstand im Lichte unserer historischen Erfahrungen lässt uns erkennen, dass wir nur so lange behindert sind, wie wir behindert werden. Nicht irgendwelche angeblichen genetischen Defekte oder krankhaften Mängel machen uns zu Aussätzigen. Alle Menschen haben die unterschiedlichsten Veranlagungen. Sie machen jeden von uns zu einem besonderen Menschen - in einer inklusiven Gesellschaft, wo wir zusammen Behinderungen verhindern können.

Alle unsere Besonderheiten zu achten und zu schützen, das macht uns Menschen zu einem kooperativen Lebewesen. Unter den Wolfsgesetzen im Wolfsrudel haben nur die Wölfe etwas zu erwarten. Sie müssen Beute machen oder verhungern. Mag auch der ein oder andere sagen: "Dann geh doch zu Rotkäppchen, du Spinner." Na schön. Gute Idee. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.

Ballade vom verlorenen Sohn
(Franz Josef Degenhardt)

 

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