Schwarmdummheit 4.0

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: kobinet/hjr

Als begeisterter Fußballfan kenne ich sehr gut aus intensiv erlebter Erfahrung jenen tief empfundenen Schwarmgeist, der mit einem Schwärmen von geistiger Erleuchtung nicht das Geringste zu tun hat. Vielmehr ist darin eine Anziehungskraft wirksam, die jeder mitfühlenden Seele den erhellenden Geist entzieht und das Gemüt einem rauschhaft wogenden Schwarm von Unverzagtheit hingibt, der sich die Gehobenheit zu tollkühner Verzauberung einbildet, bei der es scheinbar um nichts weniger geht als um alles. Man wird im großen Schwarm der Mitreisenden regelrecht mitgerissen und empfindet Größe, Bedeutung und Teilhaberschaft, getrieben vom Trubel in den auf und nieder sich bewegenden Wogen der Menge, dem Gewühl von Gefühl einer rasenden Herde, der man sich zutiefst angehörig macht, einer mächtigen Macht, der man sich nur durch Selbstaufgabe oder Resignation entziehen kann.

Nun bin ich seit meinem zwölften Lebensjahr ein bekennender Sechzger. Das sind die Anhänger der Münchner Löwen, die dem TSV 1860 München verschworen sind. Diese sind, um es auch den Unkundigen wissen zu machen, so etwas wie der dialektische Gegensatz zu den für mein Sprachvermögen Unaussprechlichen, welche sich als der FC Bayern München etikettieren, die Widersacher aus der anderen Welt in der gleichen. Mein von Herzen hoch geschätzter Redaktionskollege Ottmar Miles-Paul weiß wovon ich rede, gehört er doch ganz und gar den Roten an, während ich ein Blauer bin. Seine sind die Oberen, meine sind die Unteren. (Er sorgt sich, wenn auch wenig, um das kommende Ende der guten Zeiten, und ich warte ungeduldig auf bessere Zeiten.) Gemeinsam ist uns die Vorfreude auf ein schon so lange vermisstes Aufeinandertreffen im Münchner Derby.

Bei allem, was wichtiger und bedeutender ist im Leben: "So blöd sind wir nur gemeinsam" (so die Redakteurin des Handelsblatts Katrin Terpitz) und "gemeinsam sind wir nicht automatisch schlauer" (schreibt der deutsch-österreichische Journalist und Autor Wolf Lotter).

Doch für das Schwärmen und für die Dummheit ist jetzt nicht die Zeit.

Dagegen scheint die kollektive Intelligenz zu stehen, die man auch als Gruppen- oder Schwarmintelligenz bezeichnet, sie entspricht der politiktheoretischen These jenes Naturphilosophen Aristoteles, der 367 v. Chr. als 17-Jähriger in Platons Akademie in Athen eintrat. "Ihr zufolge kann die Entscheidung einer größeren Gruppe von Menschen besser sein, als die weniger Einzelner oder Fachkundiger. Die These ist bisweilen als ein aristotelisches Argument für die demokratische Staatsform gewertet worden", heißt es bei Wikipedia

In der Soziologie verstehen manche unter der Schwarmintelligenz die Fähigkeit zu einer gemeinsamen Entscheidungsfindung bei gemeinsamer Aufgabenstellung. Leider jedoch, so will mir scheinen, funktioniert die Schwarmintelligenz nicht immer und nicht überall und nicht zu jeder Zeit und nicht unter allen Bedingungen und schon garnicht in der Politik, wie wir sie kennen, wo das Dumm-Einfache immer gewinnt.

Schwarmintelligenz funktioniert nicht in der Politik. Unter den uns bekannten bestehenden politischen Verhältnissen wird die herrschende Politik beherrscht von der Inkompetenz, denn inkompetente Politiker klammern sich stets an die bestehenden Verhältnisse, aus denen heraus sie in die politische Macht gesetzt wurden. So stehen die herrschenden Politiker stets in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Weiterbestehen der politischen Verhältnisse. Kluge Ideen haben bei ihnen keine Chance, weil durch kluge Ideen ihre politische Existenz bedroht sein könnte. Schon deshalb sind sie außerstande, kluge, gerechte oder intelligent einfache Ideen als solche zu erkennen. So bevorzugen die Inkompetenten stets das Inkompetente. Politisches Versagen fügt auf diese Weise stets einer bestehenden Leere eine neu entstehende Leere hinzu, die durch weiteres politisches Versagen, Inkompetenz, Begriffsstutzigkeit und neue Untätigkeit wieder ausgefüllt wird. Die Sorge inkompetenter Politiker, auf diese Weise unbeliebt werden zu können, weicht stets der Furcht überflüssig zu sein.

So erreicht die Schwarmdummheit in der Politik gegenüber jeder Schwarmintelligenz unter den entsprechenden politischen Verhältnissen immer wieder zyklisch neue Höhepunkte in Gestalt der nächst höheren Version. Nach dem totalen Zusammenbruch 1945 hat der Casinokapitalismus die Restauration, die Individualisierung und die Entsolidarisierung, nun die politische und gesellschaftliche Schwarmdummheit der Version 4.0 erreicht.

Nichts geht mehr. Rien ne va plus. Aus die Maus. Das Spiel ist aus.

Frustration und Unbehagen dominieren die Menschen in Deutschland, zunehmend werden sie skeptisch gegenüber ihren Politikern. Die Wolkenschieberei der "Trickle-down-Theorie", wonach ungebremstes endloses Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen nach und nach durch deren Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickern würden, ist schon seit langer Zeit ein stotternder Motor, der längst den Kolbenfresser hat.

Wo jetzt sogar die Rest-SPD als Krücke der wirtschaftsliberalen Unionsparteien durch ein betrügerisches Bundesteilhabegesetz die Enteignung behinderter Menschen verschärfen wird, um die Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben ungebremst fortsetzen zu können, ist der Offenbarungseid als Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit ausgesprochen. Statt dem Recht auf Teilhabe sollen wir uns weiter als Bittsteller der Wohlfahrt anstellen. Doch die "Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade", schrieb Ende des 18. Jahrhunderts der Aufklärer, Sozialreformer, Politiker, Philosoph und Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi.

Die bestehenden politischen Verhältnisse befinden sich in einem Zustand, in dem sie den Anforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten der Gesellschaft nicht mehr gerecht werden können und den gesellschaftlichen Fortschritt blockieren. Alle spüren, dass der Zeitpunkt heranreift für die grundlegende Systemwende.

Aber aufgepasst! Der Wähler legitimiert die Wahl, mit der die Entscheidungen der Politiker gegen ihre Wähler ermöglicht werden. "Um ein Volk so dumm als möglich zu machen und unempfindlich gegen jeden Druck ist nichts besser als tausenderlei Spektakel und Zeremonien. Dadurch wird die allerauswendigste Schaulust erweckt, wodurch der Mensch in den rein tierischen Zustand zurücksinkt und völlig verblödet", erkannte bereits vor 200 Jahren der österreichische Musiker Jakob Lorber.

Mehr denn je kommt es jetzt darauf an, den rechten Rattenfängern, die natürlich wieder gestiefelt und gespornt bereitstehen, um mit ihrem primitiven Rassenhass und Nationalismus die Verzweifelten und Bedrängten in ihrer wachsenden Not vom Erkennen der Ursachen abzulenken und sie zu verführen versuchen, sich mit "Sieg-Heil" in die braune Kloake zu stürzen, nicht auf den Leim zu gehen. "Es tut halt so sauwohl, keinen Verstand zu haben, dass die Sterblichen um Erlösung von allen möglichen Nöten lieber bitten, als um Befreiung von der Torheit", erkannte bereits 1509 der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam.

Lesermeinungen zu “Schwarmdummheit 4.0” (3)

Von Signe

Hier schert einer aus der Schwarmudmmheit aus, war offensichtlich zu keiner Zeit Teilnehmer bei der Schwarmdummheit, siehe https://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article113209479/Buergermeister-von-Jobcenter-Besuch-schockiert.html
Und der Genosse schert noch mehr aus, da er der SPD (nach 45 Jahren der Mitgliedschaft) als Parteimitglied valét gesagt hat, siehe http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/nord/alt-bezirksbuergermeister-plueckelmann-hat-die-spd-verlassen-id12330764.html.
Diese Entscheidung, der SPD valét zu sagen, finde ich sehr nachvollziehbar.
In Berlin hat ein Kandidat (SPD) fürs Abg.-Haus von Berlin während des Wahlkampfes sich lauthals erheitert über Leichte Sprache und darüber hinaus hämisch sich über Auszubildende geäußert. Diese läsen seine Wahlkampfbroschüren sowieso nicht. Na ja, der Wahlkampfkandidat ist seines Zeichens Rechtsanwalt.
Vielleicht sollte sich dieser Typ mal einkriegen und erden.

Von Sven Drebes

Sorry, Herr Reutershahn, aber hier gehen Siw deutlich zu weit!!!!

Ja, der Entwurf des BTHG entspricht nicht dem, was menschenrechtlich geboten ist, und es drohen Verschlechterungen. Und ja, viele Abgeordnete der Regierungskoalition haben sich in den letzten Monaten mit vielem, aber nicht mit Ruhm bekleckert. Das ärgwer mich auch.

Daraus aber die Konsequenz zu ziehen, das ganze demokratische Sysstem so runter zu machen und implizit einer Diktatur oder Cliquenherrschaft das Wort zu reden, ist allerdings sachlich, logisch und politisch falsch.
Es ist sachlich falsch, weil Wahlen hier tatsächlich Wahlen sind und keine Alibi-Veranstaltung wie in Russland.
Es ist logisch falsch, weil einzelne Herrscher oder eine kleine Gruppe viel wahrscheinlicher daneben liegen und viel mehr Angst vor ihrer Ablösung haben.
Und es ist politisch falsch, weil Sie damit ins gleiche Horn stoßen wie AfD, Pegida und andere. Ich weiß, dass Sie ein Linker sind und in fast allen Punkten ganz andere Ansichten haben, in der Verächtlichmachung der "Politischen Klasse" treffen Sie sie aber. Eine Forderung nach einer breiteren Demokratie kann ich aus Ihrer Kolumne nicht herauslesen, da Sie den "Schwarm" ja für dumm halten.

Von Signe

Warum ausschließlich auf die politisch rechtslastigen in der Gesellschaft zurückgreifen und auf die mit dem Finger zeigen, wenn deren Gedankengut längst die Bundesregierung ergriffen hat? Der Schwarm ist der Bund zwischen den Neolibs in der BundesreGIERung, den bürgerlichen Parteien, die um ihre Pfründe fürchten und den politisch Rechtslastigen. Die Bürokrat/innen (Stifteschieber/innen und Computertastendrücker/innen auf den Ämtern) tun ihr Übriges hinzu.

Zitat, das zwar Zustände in den USA darstellt, in denen sich hiesige, deutsche Verhältnisse durchaus widerspiegeln:
"Über die Moral der Begründer der heutigen amerikanischen Riesenvermögen hat sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts kurz und treffend einer dieser "Räuberbarone", Cornelius Vanderbilt geäußert. Als sich liberal gebärdende Politiker Vanderbilt, um diesen besonders unverschämten Profitmacher zur Vernunft zu bringen, schüchtern seine Gesetzesverletzungen vorhielten, antwortete er mit der klassisch gewordenen und für die Moral der ungekrönten Könige Amerikas noch heute kennzeichnenden Bemerkung: "Das Gesetz? Was soll mir das Gesetz? Bin ich nicht mächtig?" ...". - In:
Die ungekrönten Könige der USA / V. S. Sorin. - Dietz : Berlin, 1963. - Seite 7.
Die ungekrönte Königin der BRD samt ihrem Hofstaat, tja die gehen offensichtlich in der Weltpolitik (die sich dann im Kleinen auswirkt) wohl ebenso vor.
Und erst recht in der Türkei-Frage, da sei auf das folgende Buch (Neuerscheinung) verwiesen:
Sevim Dagdelen: Der Fall Erdogan. Wie uns Merkel an einen Autokraten verkauft. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2016, 219 Seiten, 18 Euro
(https://www.jungewelt.de/2016/10-31/066.php)

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