Früher war mehr Lametta

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Jahresendgebinde 2016
Jahresendgebinde 2016
Bild: Bettina Wöllner-Reutershahn

Wie alle Jahre wieder ist die Zeit gekommen, da ich die Frankfurter Innenstadt meide. Es blinkt und glitzert verführerisch überall, es klingt so selig und duftet fein, feierlich geschmückt sind die Auslagen in den Schaufenstern und offerieren die Erfüllung aller Wünsche.

Es feiern die Christen die Ankunft ihres Erlösers, vor 2016 Jahren soll nämlich in einem Stall bei Bethlehem das Jesuskind geboren sein. Stiefvater Josef und Mutter Maria waren bettelarm und mit dem Neugeborenen auf der Flucht vor Gaius Iulius Herodes, dem Statthalter und Klientelkönig in Judäa, Galiläa, Samaria und angrenzenden Gebieten, der unter dem schrecklichen Ruf stand, die Ermordung aller Erstgeborenen befohlen zu haben. Nachdem also der kleine Araber Jesus geboren war, musste die Flucht fortgesetzt werden bis nach Ägypten. So nahmen die Dinge ihren Lauf, und es begann jene Geschichte, welcher der 1952 Jahre später in Bergisch Gladbach geborene CDU-Politiker, Rechtsanwalt und vormalige Leiter eines Supermarktes der COOP West, Wolfgang Walter Wilhelm Bosbach, als die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes wahrzunehmen sich zu eigen gemacht hat.

Wir müssen als Menschen unser Leben stets vorwärts leben, wo wir es doch immer nur rückwärts verstehen können. Wenn überhaupt. Das macht jeden Blick auf die Geschichte durchaus kompliziert. Geschichte ist etwas, das für unseren eurozentrisch kurzsichtigen Blick irgendwo in der Zeit zwischen Herrn Herodes und Herrn Bosbach stattgefunden hat. Somit tut es auch nichts zur Sache, dass ich die christlich-jüdische Tradition letztlich des Herrn Bosbach nicht verstehen kann, wo diese Traditionslinie doch auch durch Auschwitz verlief und auf dem Koppelschloss am Hosenbund der deutschen Wehrmacht-Soldaten mit der Gravur "Gott mit uns" eingeprägt war.

Irgendwo, so scheint mir, klafft eine Kluft unter dem Weihnachtsbaum. In weihnachtliches Geschenkpapier verpackt werden darunter die Weihnachtsgeschenke gestapelt. In diesem Jahr werden das so besinnliche Dinge sein wie beispielsweise die "Virtual Reality Brille", der "Heiland Doppelbockliqueur", das Gesellschaftsspiel "Zwei Doofe ein Gedanke", das LED-Stimmungskissen (inkl. Fernbedienung), der "I will survive"-Blumentopf, der Survival Roboter zum selber bauen "Der kleine Hacker", für Mutti der Spüllappen "Wisch you..." und für Vati die Kaffeetasse: "Alle sagten: das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat's einfach gemacht."

Mit dem Voranschreiten buchstäblich verrückt gewordener Fetischzusammenhänge lösen sich die Bedingungen von Geschichte auf. Die Welt wird mit dem Kapital identisch, die Herrschaft verewigt. Die Deutsche Presseagentur (dpa) meldete am 8. November die diesjährige Umsatzerwartung des Handelsverband Deutschland (HDE) im Weihnachtsrummel: "Selten war die Ausgangslage für das Weihnachtsgeschäft so günstig wie in diesem Jahr“, sagte Verbandschef Josef Sanktjohanser. Nach den Prognosen soll der Weihnachts-Umsatz 2016 auf die Rekordhöhe von 91,1 Milliarden Euro steigen. Das sind 1.109 Euro für jeden Deutschen vom Enkel bis zum Opa. Da soll nochmal einer von Kinderarmut und Altersarmut in Deutschland reden.

Sinndimensionen sind wahrlich ein schwer fassbares Phänomen. "Typisch ist ihr passiver Erlebnischarakter. Von Stimmungen wird man ergriffen, man kann sich ihnen nicht entziehen. Besonderes Interesse verdient dieser Umstand, wenn Stimmungen als Gruppenbefindlichkeit zum sozialen Phänomen werden", sagt der Soziologe Friedrich Pohlmann. Der Auslöser von Stimmungen könne die Kraft von Ritualen sein, "während es im Rahmen von Großgesellschaften an erster Stelle der Affektgehalt der politischen Rhetorik ist, der Stimmungslagen beeinflusst".

Ist das immer so? Wohl eher nicht, sondern mehr eine Folge bestimmter Umstände. Denn: "Die Beständigkeit ist oft nur eine Form der Ohnmacht", erkannte bereits im 19. Jahrhundert der französische Philosoph Théodore Simon Jouffroy. Die Ohnmacht verfällt dem Konsumrausch, der zur Eintrittskarte wird für die himmlische Seligkeit zu erschwinglichen Preisen. Zwar glaubt keiner wirklich an die Ersatz-Eintrittskarte zum Glück, findet jedoch Vatis Kaffeetasse und trinkt daraus den geistigen Fusel der transzendentale Macht des Geldes. "Die Weltgesellschaft beginnt eine Identität auszubilden, vor der man nur erschrecken kann. Das Ich, das alles haben will, erweitert sich zum Wir der Menschheit, die in universaler Kollektivität dem Warenfetischismus verfällt", schrieb 1985 der deutsche Philosoph Heinz Kimmerle in seinem Buch "Versuche anfänglichen Denkens".

Herr Bosbach sinkt unter den Weihnachtsbaum … - pardon: singt unter dem Weihnachtsbaum "O du fröhliche … freue, freue dich, o Christenheit", weil nach seinem Glauben vor 2016 Jahren ein arabisches Kind geboren wurde, dessen Eltern nebst dem Neugeborenen Verfolgung litten und flüchten mussten. Hätte es Stiefvater Josef oder die Kopftuchträgerin Mutter Maria von Ägypten aus über das Mittelmeer bis nach Deutschland geschafft, sie hätten vielleicht hier Asyl bekommen. Vielleicht. Herr Bosbach und seine Parteifreunde wären mit ihrer Asylpolitik jedoch strikt dagegen gewesen, dass der kleine Jesus und sein Stiefvater oder seine Mutter Maria nach Deutschland hätte nachreisen dürfen. Von wegen Hosianna oder Kreuziget ihn. Nein, so viel Familienzusammenführung für Einwanderer in den Sozialstaat verträgt das Weltbild der deutschen christlichen Partei und ihrer Koalitionspartner nicht.

Genug ist genug. Jetzt werden auch noch die Behinderten im Land aufsässig und verlangen die uneingeschränkte Teilhabe. Die Wohlfahrt und die Eingliederungshilfen sind denen nicht mehr genug. Statt ermäßigtem Eintritt, Ausflüge mit Sonderfahrdiensten und aufopfernder Fürsorge wollen diese bedauernswerten Menschen die Gleichstellung überall und wollen auch noch Sparbücher anlegen dürfen, ihr Erspartes für sich selbst behalten und ihr Einkommen nicht mehr ans Sozialamt abliefern. Wo sind wir denn jetzt gelandet? Das wird sogar dem Grünen Bürgermeister von Freiburg zu bunt. Behinderte, die täglich Assistenz und Pflege brauchen sind dem jetzt schon zu teuer, und nach Weihnachten will er sie ins Heim stecken. Punkt – Basta – Aus.

Erstmal ist jetzt Weihnachten. Himmel, Herrgott, Dunnerkeil.

Da haben wir die Bescherung.

Es zählt allein der schöne Schein.

Wir leben in einer Zeit, in der der Reichtum genauso unvorstellbar groß ist wie die Armut, beides wächst und wächst unvorstellbar schnell. Hinter dem schönen Schein erkennen wir durch alle konsumberauschten Trugbilder hindurch die kannibalische Weltordnung, die uns ängstigt. "Ich schäme mich meiner Ohnmacht", schrieb der schweizer Soziologe Jean Ziegler über das Massaker des Hungers. Können wir etwas ändern an der Macht unserer Ohnmacht? Ziegler sagt, das könne schnell gehen. Man müsse nur imstande sein, das Gras wachsen zu hören. In Deutschland und Europa wachse das Gras.

Lesermeinungen zu “Früher war mehr Lametta” (2)

Von Ulrike

Und: Herr Berger, wird wie alle Anderen, den Rechtsweg bestreiten müssen, weiterhin kämpfen müssen, wie alle von Behinderung betroffene Menschen in Deutschland auch.

Von Ulrike

Ob in Freiburg nach Weihnachten jeder, der gleichzeitig auf Pflege und Assistenz angewiesen ist, ins Heim gesteckt wird, wage ich zu bezweifeln. Die Freiburger Ratsherren und Obrigkeiten im Eingliederungshilfemanagement werden nicht als Erste solche unwürdigen Aktionen durchsetzen wollen. Zumal das BTHG noch nicht rechtskräftig ist.

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