Du und ich – Einfach unverbesserlich

Veröffentlicht am von Harald Reutershahn

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Bild: Bettina Wöllner-Reutershahn

Was wir gerade jetzt in den vergangenen Wochen erlebt haben und uns wohl noch weiter bevorsteht, das ist die Einstweiligkeit der Politik im Rohzustand. Der neue Bundestag ist gewählt, eine neue Regierung noch nicht. Welche Musik ab jetzt gespielt wird, das wird nun von der schwarz-gelb-grünen experimentellen Reggaeformation The Wähling Wählers (vgl. The Wailing Wailers, auf deutsch: Die heulenden Heuler) als Jamaika-Rum versucht zusammenzumixen. Ein Rachenputzer, der bekanntlich pur fast nicht trinkbar ist und von jedem halbwegs zivilisierten Barmixer mit Wasser verschnitten werden muss. Unverdünnt brennt das Zeug normalerweise dermaßen im Hals, dass es selbst unter robusten Trinkern anerkanntermaßen als ungenießbar gilt. Der Toskana-Rotwein ist aus, das GroKo-Streichertrio hat fertig, und jetzt soll ein Berliner Streichquartett zusammengeschustert werden, denn die Reichen(tags)-Partie auf dem Folkloremusikdampfer muss ja irgendwie weitergehen.

"Hauptkennzeichen des Reggae ist neben der unablässigen Wiederholung der zentralen Textaussagen in sich gleichbleibenden musikalischen Passagen vor allem der aus dem Zusammenwirken aller Instrumente aufgebaute komplexe Rhythmus mit seiner auffälligen 2–4-Betonung und den vielfältigen synkopischen Brechungen" (Quelle: lernhelfer.de). Mit welchen Tanzschritten Schuhplattler mit Reggaerhythmus und plattdeutschen Schunkelliedern gestolpert werden soll, ohne dass sich die Vortänzer dabei gegenseitig auf die Füße treten, sich im Lärm der Kakophonie haltlos verzetteln und dabei gegenseitig alle Gliedmaßen brechen, verlangt alleine schon die Fähigkeit und Bereitschaft zu einer halsbrecherischen Phantasie, die ich nicht aufzubringen vermag. Es ist zu empfehlen, sich möglichst in der Nähe der Reling aufzuhalten, damit einem die mit Weißbier gemischten schwer verdaulichen Überhangsmandate nicht über Bord gehen.

FDP-Alleinunterhalter Christian Lindner sagte der "Blöd am Sonntag": "Wenn die Grünen sich bei den zukünftigen Gesprächen nicht bewegen, bleibt Jamaika ein Luftschloss". Wohin der stylisch schlechtrasierte Talkshow-Oberschlaubürger und Strippenzieher der Neoliberalen (nebst dem auch auf Zack als Mitglied des Reservistenverbands der Deutschen Bundeswehr) die grünen Weiblein und Männlein bewegen möchte, ist klar. Die Unionsparteien, die ihre rechte Flanke schließen wollen, und die FDP-Anwälte der Steuerhinterzieher liebäugeln zum Steinerweichen lieblich ineinander und in sich selbst verliebt mit einer geschlossenen Marschformation Richtung verschärftem Marktradikalismus und Klassenkampf von oben. Nach dem Motto: Wer nicht mitkommt, der bleibt zurück.

Die entscheidende Frage im Sondierungstauziehen ist wohl: Wie weit gehen am Ende die Grünen, getrieben von der lukrativen eitlen Lust auf Ministerposten mit Genderhintergrund und der Geschwisterlichkeit in der Gefühlswelt der Bionade-Bourgeoisie? Fifty Shades of Grey mit kuscheligen politischen Plüschfesseln hat doch auch etwas gänsehauterotisches. Keiner weiß, über welche Stöckchen am Ende die grüne Selbsterfahrungstherapiegruppe springt. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass sich die beiden Pastorentöchter Angela Merkel und Katrin Göring-Eckardt wohl bestens verstehen. Ob sich die Grünen für die Radikalvariante der marktkonformen Demokratie in die Zange nehmen lassen, scheint nach Lage der Dinge nicht ganz aussichtslos. Eine beklemmende Klammer ist das nur für all die Menschen, die sich zumindest gedämpfte Hoffnungen darauf machen, es könnte vielleicht ein wenig soziale Gerechtigkeit dabei als Krümel von den reich gedeckten Tischen fallen.

Die selbsternannte Sozialegerechtigkeitspartei SPD macht derweil selbstbeweinende Schmolllippen aus dem Winkel der zurückgewiesenen Liebhaber an der Bettkante der reichen Schönen. Trotzig grollt es aus der SPD-Baracke, bei einem Scheitern der Jamaika-Sondierungen müsse es aus Sicht der SPD Neuwahlen geben. "Wir werden nicht in eine große Koalition eintreten“, bekräftigte der SPD-Vorsitzende Martin Schulz in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Und die vormals noch fröhliche Bundesgleichstellungsgesetz-Verhinderungsministerin Andrea Nahles ist schneller als erwartet in ihr neues Kostüm der Oppositionsführerin geschlüpft. Aus der quietschvergnügten Pippi Langstrumpf wurde über Nacht Ronja Räubertochter, die ihr neues SPD-Strategiepapier rotzig in die Manege warf mit den Worten: "Ab morgen kriegen sie in die Fresse". (Das hat sie wirklich so gesagt, dafür kann ich nix - es ist Chronistenpflicht, Gesagtes und Geschriebenes nicht zu verschweigen.) In meinem politischen Leben staune ich nicht oft, aber wenn, dann umso mehr darüber, zu was Sozialdemokraten doch fähig sind, wenn sie statt gebohnertem Parkett plötzlich das raue Pflaster unter den eigenen Füßen spüren.

Quo vadis Deutschland? fragen sich gerade jetzt Millionen Behinderte im Land. Eines der Hauptkampffelder dürfte sicherlich die Schule für Alle werden. Die Schule zu einer inklusiven Gesellschaft. Wo ist beim Thema Inklusion am Ende für die Grünen die Obergrenze des Erträglichen, über die hinaus der politische Verrat beginnt?

Nordrhein-Westfalen lässt grüßen. CDU und FDP haben das bevölkerungsreichste Bundesland in Deutschland seit der gewonnenen Landtagswahl vom 14.05.2017 fest in gemeinsamer Hand. Man könnte auch sagen: im Würgegriff der großspurigen Exklusivisten, die in der NRW-Landesregierung die Inklusion und den Bau barrierefreier Wohnungen in einem Moratorium auf Eis gelegt haben. Stets gerne schreibt für dieses elitäre Klientel Merle Schmalenbach in der liberal-konservativen Monatskampfschrift Cicero und als Redakteurin für die Extraseiten Christ & Welt in der Wochenzeitschrift Die ZEIT. Dort schrieb sie einst heulsusig gerührt unter der Überschrift Inklusion - das Leiden an der Utopie: "Immer, wenn die Schülerin zur Toilette muss, dann wird es für sie unangenehm. Ihr Rollstuhl passt nicht durch die Schultoilettentür. Deshalb muss sie draußen von ihrem Helfer ausgezogen und in den Lüfter gesetzt werden. Vor aller Augen. Ihr Mitschüler, ein Autist, hat ein anderes Problem: Jedes Mal, wenn für ihn die Reizüberflutung im Unterricht zu groß wird, muss er sich in den Flur hocken. Er wird von allen angestarrt, die vorbeigehen. Einen anderen Rückzugsort gibt es in der Schule nicht. (…) Leider muss man mittlerweile sagen: Inklusion kann schädlich sein. Wer Inklusion um ihrer selbst willen propagiert, schadet den Beeinträchtigten am meisten." Wer bekommt bei solch einem Reportagentext keinen Schüttelfrost aus Mitleid? Und Frau Schmalenbach als Sprecherin der Mitleidigen, nachdem sie sich den Ball selbst vorgelegt hat, schreibt weiter: "Nur wenige Lehrer trauen sich, öffentlich darüber zu sprechen. Denn sie kennen ihn schon, den unterschwelligen Vorwurf: Wer Inklusion hinterfragt, der will sich in Wirklichkeit nicht mit beeinträchtigten Kindern auseinandersetzen. Der hat verwerfliche Motive. Diese Argumentation unterbindet Kritik schon im Ansatz." Und am Ende kommt das Credo: In der Sonderschule (auch vornehm Förderschule genannt) kümmern sich ausgebildete Sonderpädagogen um die behinderten Kinder und fördern ihre Stärken. Die Politik wird aufgerufen, sich das Bewährte noch einmal anzuschauen. Denn wenn die Sonderschulen weiter so ausgedünnt würden, wie es bereits vielerorts geschieht, könnte das noch zum Problem werden. "Dann ist irgendwann der Rückweg versperrt, falls die Inklusion weiter so krachend scheitert."

Liebe Frau Schmalenbach, möchte ich der Mitleidigen sagen, manchmal lasse ich mir von meinem Assistenten in aller Öffentlichkeit die Hose aufmachen und pinkele mit Publikum in meine Urinflasche. Denn es gibt zwar eine Menge öffentlicher Toiletten, aber die sind meistens nicht barrierefrei. Weil das zu teuer ist. Soll ich deswegen den Rückweg in ein Behindertenheim suchen? Oder wie wäre es stattdessen, wenn einfach alle Klos barrierefrei sein müssten?

Die 14-jährige Hannah aus Hamburg hat sich als Ersatz für ihren Schwerbehindertenausweis einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis gebastelt und an Kids - das Magazin zum Down-Syndrom geschrieben (siehe Nr: 36 / Herbst 2017 / Seite 16).

Liebe Hannah,
ich zupf Dir ein Wölkchen vom Himmel, denn Du bist supervolle Kanne schwer in Ordnung!

Filmmusik aus: Ich – Einfach unverbesserlich
(Originaltitel "Despicable Me"; engl. für "Ich Verabscheuungswürdiger")

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