Desaströse Budgetkonferenz beim Hessischen LWV

Veröffentlicht am von Gerhard Bartz

Rolf und Gisela Greiser
Rolf und Gisela Greiser
Bild: privat

Bad Sooden-Allendorf (kobinet) Im Nordosten Hessens wohnt eine kleine Familie mit einer autistischen Tochter. In diesen Tagen brachte ein Budgetgespräch beim Hessischen Landeswohlfahrtsverband (LWV) das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen. Gegenüber kobinet-Redakteur Gerhard Bartz schilderte die Mutter Gisela Greiser ihre Probleme mit diesem Kostenträger.

kobinet: Frau Greiser, Sie bezeichnen sich selbst als eine ziemlich aufmüpfige und unbequeme Mutter einer autistischen jungen Frau. Können sie uns erzählen, was den Donnerstag, 13. Juni für Sie so besonders gemacht hat?

Greiser: Zunächst mal möchte ich sagen, dass ich mir oft ein wenig mehr Beherrschung im Umgang mit Menschen wünsche, mit denen ich aus irgendeinem Grund kommunizieren muss, nicht will. Nach 35 Jahren Kampf um ein menschenwürdiges Leben einer Tochter mit besonderen Bedürfnissen ist das jedoch immer schwieriger geworden. Die Haut wird ja leider nicht dicker, man wird immer dünnhäutiger. Am Donnerstag war das jährliche Budgetgespräch im LWV, um das ich mich wirklich nicht reiße. Diesmal bin ich ziemlich lange ruhig geblieben. Aber die völlig emotionslose Ansprache des Sachbearbeiters hat so nach und nach den Ärger hochkochen lassen.

kobinet: Wie können wir uns das vorstellen?

Greiser: Unsere Tochter erschien dort mit ihren beiden persönlichen Assistentinnen. Zudem hatten diese alles mitgebracht, was zur schriftlichen Kommunikation über Facilitated Communication (FC = Unterstützte Kommunikation) notwendig war. Ein Laptop, einen Hocker, auf dem unsere Tochter beim Schreiben sitzen muss und eine besondere Tastatur. Eigentlich hätte dieser Aufwand doch dafür sorgen müssen, dass der Sachbeaarbeiter zunächst alles daran setzt, mit der Person, um die es bei diesem Gespräch ging, eine Kommunikation zu beginnen um irgendwie diesen Aufwand zu honorieren. Stattdessen erging er sich erstmal in einer absoluten Lobhudelei über die tolle Abrechnung, die mein Mann erstellt hat.

kobinet: Hat er ihre Tochter denn nicht direkt angesprochen?

Greiser: Wo denken Sie hin! Wir mussten ihn regelrecht nötigen, ihm wenigstens den Begrüßungssatz vorlesen zu dürfen. Er scheint ohnehin Probleme mit Menschen zu haben, die nicht um Mitleid bittend bei ihm eintreffen, die stattdessen unbequeme Fragen stellen.

kobinet: Wie verlief das Gespräch dann weiter?

Greiser: Wie immer ging es in erster Linie um Geld und bei jedem Wort stellte ich fest: dieser Mann will sein Konzept durchbringen. Er hörte gar nicht wirklich aufmerksam zu, als mein Mann ihm den Bedarf erläuterte. Unsere Tochter schrieb sich währenddessen die Finger wund. Unter anderem stellte sie ihm die Frage, was er denn gegen Autisten habe und wie leid es ihr tut, dass sie nicht sprechen kann. Spätestens in diesem Moment hätte er sich von seinen blöden Unterlagen lösen und sich ganz unserer Tochter zuwenden müssen – aber bei so eklatant fehlender Empathie ist das wohl zu viel verlangt.

kobinet: Hat er denn direkt mit Ihnen gesprochen?

Greiser: Nein, hat er nicht. Er wandte sich immer meinem Mann zu und ich spürte am Verlauf des Gespräches, dass es nur das Vorgeplänkel für eine Ablehnung der Erhöhung, die wir beantragt hatten, war. Als eine der Assistentinnen eine Frage stellen wollte, begann sie den Satz mit: Entschuldigung, darf ich etwas fragen? Einem aufmerksamen Gesprächsteilnehmer wäre das Motiv dieser Art der Fragestellung aufgefallen und er hätte sich gefragt, was in seinem Verhalten diese Unterwürfigkeit  bewirkt haben könnte, oder?

kobinet: Und schließlich kam es zur Eskalation?

Greiser: Irgendwann, als mir mein Gefühl sagte, dass wir in diesem Gespräch, das eigentlich kein Dialog war, keine Chance hatten, schaltete ich mich ein. Laut und mit den Emotionen, die ich als Mutter nun einmal mitbringe, schilderte ich ihm die Situation unserer Tochter und der momentanen Hilfe. Ich wies ihn darauf hin, dass deren Wohnsituation (eigene, abgeschlossene Wohnung in unserem Haus) genau das sei, was unsere Tochter wünscht. Dass dazu qualifiziertes Personal nötig sei, das auch entsprechende Fortbildungen besuchen müsse, besonders was die unterstützte Kommunikation betrifft. Leider brachte ich auch einen Vergleich zwischen den Heimkosten und Budget ins Gespräch. Die Unterbringung unserer Tochter würde in einer halbwegs qualifizierten Wohneinrichtung mit 1:1 Betreuung und unter Rücksichtnahme auf ihre Stoffwechselstörungen und Nahrungsmittelallergien ca. 6.500,00 bis sogar 6.900,00 EUR kosten. Diese Aussage hat mich danach einen ganzen Tag Recherche gekostet, damit ich diese Angabe schwarz auf weiß beweisen konnte. Irgendwann fragte ich den Sachbearbeiter, worum es ihm überhaupt ging – keine Antwort. Zweite Frage: Sind sie der Ansicht, dass das Budget für unsere Tochter zu hoch ist? Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: JA! Damit war für mich das Gespräch beendet.

kobinet: Sie haben Sie den Raum verlassen. Warum?

Greiser: Es gab spätestens zu diesem Zeitpunkt nur zwei Alternativen: entweder, ich stehe auf und schlage mich mit dem Sachbearbeiter – da hätte er bei meiner Wut im Bauch wenig Chancen gehabt. Oder ich verlasse den Raum, damit hatte er noch die Möglichkeit seinen Gesprächsstil zu überdenken und evtl. Nachbesserungen vorzunehmen.

kobinet: Welchen Ausgang nahm danach das Gespräch ohne ihre Anwesenheit?

Greiser: Mein wunderbar ruhiger und harmonischer Ehemann hat sich auf einen Betrag eingelassen, der 500 EUR unter dem von uns beantragten Budget war. Mittlerweile hat er diese Zustimmung mit der Begründung "Meine Frau ist gleichberechtigte, offizielle Betreuerin und ein zu niedriges Budget trifft vor allem sie, da ich beruflich den ganzen Tag außer Haus bin" zurückgenommen. Wir werden ein Budget beantragen, das mir die Möglichkeit gibt, einfach nur nach 35 Jahren Kampf um meine Tochter – und gelegentlich auch mit ihr – Zeit für ein ganz normales Leben zu haben. Unsere Tochter braucht die Chance, sich abzunabeln. Wie jedes andere Kind, hat auch sie den berechtigten Wunsch, nicht auf ihre Eltern angewiesen zu sein und sich die Menschen um sich herum zu suchen, die sie bei sich haben möchte.

kobinet: Geschichten wie die Ihrige haben wir schon zahlreich vernommen. Selten jedoch wurde die Enttäuschung so zielstrebig in Tatkraft umgesetzt. Wir wünschen Ihrer Familie viel Erfolg und danken für das Gespräch.

Lesermeinungen zu “Desaströse Budgetkonferenz beim Hessischen LWV” (2)

Von sabine

ich bin im März auch aus der Budget Konferenz geflüchtet und habe meinen Sohn dort mit seinen Assistenteinnen alleine sitzen lassen. Nun läuft die Weiterbewilligung direkt über meinen Sohn (wir hatten im Januar die Betreuung beendet). Das klappt gut. Bei den Behörden hat er nun Unterstützung durch seinen Einzelfallhelfer der dafür bezahlt wird sich mit den Sesselpupsern rumzuärgern. Das Budget wurde für weitere 6 Monate bewilligt. Das bedeutet in 3 Monaten dürfen wir wieder Berichte schreiben - aber naja...
Ärgerlich daran ist, dass die Erfolge die das Budget für uns gebracht haben überhaupt nicht berücksichtigt und respektiert werden. Außerdem sparen Sie verdammt nochmal einen Haufen Geld!

Von Inge Rosenberger

Respekt für diesen Mut und diese Hartnäckigkeit. Unsere behinderten Töchter und Söhne sind keine Almosenempfänger, sondern haben gesetzlich einklagbare Rechte, die ihnen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Es geht dabei nicht um Sonderrechte, sondern um einen Nachteilsausgleich zur Erreichung der Gleichstellung behinderter Menschen. Und diese Fakten sollten endlich auch in der Politik und in den Verwaltungen angekommen sein.



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