Bei Bildung und Arbeit diskriminiert

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Hubert Hüppe
Hubert Hüppe
Bild: kobinet/rba

Berlin (kobinet) Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen hat heute die Diskriminierung im Bildungsbereich und im Arbeitsleben kritisiert. Hubert Hüppe verwies darauf, dass die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und die Beauftragten der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages  zum zweiten Mal einen gemeinsamen Bericht zur Diskriminierung vorgelegt haben. Die Schwerpunkte des Berichts über Bildung und Arbeit wurden zusammen mit ihm ausgewählt. In diesen beiden Feldern erhält der Beauftragte eine Vielzahl von Beschwerden. Auch vier Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention spiegeln sie nach wie vor die massive Diskriminierung behinderter Menschen in Schule und Beruf wider.

Hinsichtlich Hubert Hüppe, dass auf dieser Grundlage das gemeinsame Lernen für alle Kinder und Jugendlichen eine Selbstverständlichkeit wird: „Nach wie vor wird es Eltern sehr schwer gemacht, einigen sogar verweigert, ihr behindertes Kind zu einer allgemeinen Schule gehen zu lassen. Die UN-Behindertenrechtskonvention spricht aber allen Kindern das Recht zu, gemeinsam mit allen anderen die Schule zu besuchen. Schulen und Schulämter haben die Pflicht die Teilhabe zu ermöglichen. Dabei ist es auch wichtig, die notwendige Unterstützung an den Schulen zu gewähren."

Im Bereich Diskriminierung im Arbeitsleben ist der Übergang von der Schule in den Beruf häufig Anlass für Einzeleingaben. Junge Menschen mit Behinderungen haben oft schlechte Perspektiven und bewerben sich eher selten auf betriebliche Ausbildungsplätze. Der Beauftragte für die Belange behinderter Menschen möchte, dass auch behinderte Jugendliche bei betrieblichen Ausbildungen zum Zug kommen.

„Für Jugendliche mit Behinderungen führt der Weg viel zu oft von der Förderschule direkt in eine Sonderwelt des Arbeitsmarktes", so Hüppe. Gerade Jugendlichen mit dem Lernschwerpunkt „Geistige Entwicklung" werde oft keine Alternative zur Werkstatt für behinderte Menschen geboten. Auch hier müssten neue Möglichkeiten geschaffen werden, um Wünschen und Fähigkeiten des Einzelnen auch in Ausbildung und Arbeit im allgemeinen Arbeitsmarkt mehr gerecht zu werden.

Der Behindertenbeauftragte sieht aufgrund der Einzeleingaben auch Defizite bei der Vermittlung arbeitsuchender behinderter Menschen. In den Eingaben wird oft beklagt, es fehlten spezifische Kenntnisse und die Bereitschaft, in einem Netzwerk mit anderen zuständigen Stellen nach beruflichen Möglichkeiten zu suchen.

Bei der Bewusstseinsbildung zum Thema Menschen mit Behinderung muss nach Ansicht Hüppes die Wertschätzung für die Leistungsfähigkeit behinderter Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden. Statt einer defizitorientierten Betrachtungsweise müssen die Fähigkeiten und Talente stärker im Fokus stehen und darauf aufbauend nach Beschäftigungsmöglichkeiten gesucht werden Die konkreten Arbeitsbedingungen seien häufig Anlass für Einzeleingaben.  Zwar könne der Behindertenbeauftragte hier keine Anweisungen erteilen, häufig aber zwischen Arbeitgebern und behinderten Beschäftigten vermitteln und so eine Lösung finden.

Lesermeinungen zu “Bei Bildung und Arbeit diskriminiert” (3)

Von axelsanger

Ich will mich nicht in gängigen Schlagworten ergehen. Nach meiner jahrzehntelangen Erfahrung entspricht es dem deutschen Voksgeist, Menschen aktiv zu behindern, die aus irgendeinem Grunde Merkmale des Andersseins aufweisen. ein ganz leidiges Thema ist die Medikation mit Psychopharmaka, die in aller Regel unnötig ist und nur zu einem frühen Tod führt.
Die Ursachen für Unmut, Nervösität und anderen Reaktionen auf äußere Verhältnisse werden uminterpretiert und sollen durch depersonalisierende Medikamente, wie eben Psychopharmaka, kaschiert werden. Dies ergibt dann das verfälschte Bild einer durch Medikamente depersonalisierten Person. Genau dieses verfälschte Bild ist es, das zu latenten Reaktionen der Gesamtbevölkerung auf stereotype Wahrnehmungen führt, die allesamt nur durch die Übereinkunft der Menschen in der deutschen Gesellschaft zu Bedeutung kommen.
Frankreich, die Niederlande und Schweden sind von derartigen Phänomenen weitgehend frei. Das Problem ist urdeutsch und kommt aus der Hörigkeit der Menschen hervor, die sie gegenüber den Zwängen des industriellen Arbeitsmarktes entwickelt haben. Der gesamte Nationalsozialismus war ein Produkt dieser Ressource.
Dass einkommen und Berufsausübung gerade im Kontext des Arbeitsmarktes in Deutschland ein Problem für die Behinderten bleibt, liegt vorrangig darin begründet, dass die Greueltaten des Nationalsozialismus noch nicht wirklich geistig reflektiert wurden. In der Nachkriegszeit begann unmittelbar die Flucht in den Konsum, man unterwarf sich wieder den Zwängen des Marktes, wenn man nun auch keine Matratzen mit Menschenhaaren mehr füllte. aber die Menschen, die man wegen irgendeines Leidens ausgrenzen wollte, behinderte man nach wie vor.
Wenn sich dies ändern soll, so wird dies nur durch den Druck internationaler Organisationen auf Deutschland bewirken lassen. Aus sich selbst heraus ist der deutsche Volksgeist unheilbar, solange er sich immer wieder den Zwängen des Marktes und der industrieimmanenten Ideologie unterwirft, die beide voll industriealisierte Weltkriege und das nationalsozialistische System hervorgebracht haben. Es fehlt hier eindeutig an der kollektiven sozialen Intelligenz dazu, den in diesem Kontext bestehenden Mißstand zu erkennen und ihm abzuhelfen.

Von Inge Rosenberger

Meine ganzen bisherigen Erfahrungen gehen dahin, dass – im Widerspruch zu den Leitgedanken der Inklusion – Menschen, die keine „wirtschaftlich verwertbare Arbeit" leisten können, immer weiter ausgegrenzt werden. Der Unterschied zwischen dem propagierten politischen Anspruch und dem wirklichen Leben von Menschen mit schwersten Behinderungen ist enorm und wird immer größer.
Die gesamten Lebensbedingungen von Menschen mit hohem Hilfe- und Betreuungsbedarf werden ausschließlich an der wirtschaftlichen Verwertbarkeit ihrer Fähigkeiten festgemacht - auch beim Wohnen! Als Mutter einer schwerstbehinderten Tochter empfinde ich eine solche Sortierung nach der Nützlichkeit als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Welche Lebensbedingungen würden wir eigentlich für uns selbst bevorzugen, wenn wir so stark auf Unterstützung angewiesen wären?
Ich gehe davon aus, dass wir alle doch gar nichts Besonderes wollen. Wir alle brauchen keine außergewöhnlichen Lebensbedingungen. Wir wollen auch ganz sicher nicht nach unserer wirtschaftlich verwertbaren Leisung sortiert werden!
Wir wollen einen möglichst normalen Tages- und Wochenablauf in einer aktivierenden Umgebung erleben. Wir wollen dabei sein, wir brauchen Anregungen von möglichst unterschiedlichen Menschen und gegenseitige Unterstützung. Beim Wohnen, in der Freizeit und bei der werktäglichen Arbeit.

Auch für Menschen mit schwersten Behinderungen müssen sich die Lebensbedingungen endlich normalisieren. Es darf nicht sein, dass diese Normalität für unsere Töchter und Söhne ein Wunschtraum bleibt . . .

Mein Appell an alle Politiker/innen: bitte unterstützen Sie Menschen mit Behinderung und ihre Familien jetzt beim Aufbau neuer Lebensmodelle. Die aktuell sehr starren Strukturen bei den Wohn- und Arbeits-/Beschäftigungsangeboten müssen durch vielfältige Konzepte und flexible Lösungen ersetzt werden.

Von Gisela Maubach

Zitat aus dem Beitrag:

"Bei der Bewusstseinsbildung zum Thema Menschen mit Behinderung muss Ansicht Hüppes die Wertschätzung für die Leistungsfähigkeit behinderter Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden."

Sehr geehrter Herr Hüppe,
mit Datum vom 29. Mai hatte ich Sie angeschrieben und gefragt, "auf welche Weise die Tagesstrukturen von Menschen mit schwersten kognitiven Einschränkungen zukünftig thematisiert werden können."

Leider steht eine Antwort noch aus, so dass ich nochmals darauf hinweisen möchte, dass es für pflegende und betreuende Angehörige ausgesprochen verletzend ist, wenn bei allen politischen Forderungen immer nur die "Leistungsfähigkeit behinderter Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden" soll, während diejenigen Menschen mit schwersten Behinderungen, die keine Chance haben, in den Genuss dieser "Wert"schätzung zu kommen, in aller Regel von den Diskussionen über Inklusion, Selbstbestimmung und Diskriminierung ausgeschlossen bleiben.

Ich halte es für dringend erforderlich, die in der UN-Konvention beschriebene Vielfalt nicht zu vergessen und die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung nicht ausschließlich bei leistungsfähigen Behinderten wahrzunehmen.

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