Noch 1 Tag bis zur Bundestagswahl

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Porträt von Ottmar Miles-Paul
Porträt von Ottmar Miles-Paul
Bild: kobinet/sch

Berlin (kobinet) 100 Tage vor der Bundestagswahl haben die kobinet-nachrichten begonnen, Interviews mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen zur Bundestagswahl zu führen. Über 30 dieser Interviews hat kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul geführt. kobinet-Redakteur Franz Schmahl sprach nun mit Ottmar Miles-Paul darüber, was für ihn selbst bei der morgigen Bundestagswahl wichtig ist und wie er wählen geht. Da laut ZDF Politbarometer kurz vor der Wahl sich über 30 Prozent noch nicht entschieden haben, wen sie wählen, dokumentieren wir im Anschluss an das Interview die Links zu den bisherigen Interviews zum Nachlesen.

kobinet-nachrichten: Du hast in den letzten Monaten über 30 Interviews mit ganz unterschiedlichen Menschen mit Behinderungen geführt. Was waren dabei die wichtigsten Erkenntnisse für dich?

Ottmar Miles-Paul: Es hat mich sehr gefreut, dass fast alle, die ich angefragt habe, bereit waren, sich öffentlich zu äußern. Das ist nicht selbstverständlich, weil man sich damit gerade im Internet auch immer der Kritik aussetzt, also allen einen ganz herzlichen Dank dafür. Spannend fand ich auch, dass es den Interviewten hauptsächlich um Themen statt Parteien ging, die in den Vordergrund gestellt wurden.

kobinet-nachrichten: Was waren denn die Topthemen in den Interviews?

Ottmar Miles-Paul: Das anstehende Bundesleistungsgesetz bzw. der Vorschlag des Forums behinderter Juristinnen und Juristen für ein Gesetz zur Sozialen Teilhabe beschäftigte wohl die meisten. Dabei geht es vor allem darum, die leidliche Anrechnung des Einkommens und Vermögens bei Leistungen zu überwinden. Hier wollen viele endlich Taten sehen. Barrierefreiheit ist gerade auch im Hinblick auf einen barrierefreien Zugang zu Wahllokalen ein wichtiges Thema. Nicht alle können einfach in ihr Wahllokal um die Ecke zum Wählen gehen, sondern stoßen dort auf massive Barrieren. Und viele legten einen großen Wert auf die Ehrlichkeit von Politikerinnen und Politikern, das man den darauf vertrauen kann, dass sie tun, was sie sagen. Damit verbunden ist die Forderung "Nichts über uns ohne uns", also dass diejenigen, die es betrifft, bei Entscheidungen angehört und einbezogen werden. Die Nagelprobe hierfür dürfte die Frage sein, ob beispielsweise behinderte ExpertInnen des Forums behinderter Juristinnen und Juristen frühzeitig in die Entwicklung des Bundesleistungsgesetzes mit einbezogen werden, wie dies beim Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes praktiziert wurde.

kobinet-nachrichten: Wie waren die Reaktionen auf die Interviews?

Ottmar Miles-Paul: Obwohl die Überschriften für die Interviews nach einer Weile immer gleich klangen: "Noch 50 Tage bis zur Bundestagswahl", "Noch 40 Tage bis zur Bundestagswahl" ... war ich überrascht, dass viele der Interviews solch hohe Zugriffszahlen hatten und es immer wieder in die meist gelesenen Beiträge bei den kobinet-nachrichten geschafft haben. So gab es auch eine Reihe von Leserbriefen. Das zeigt meines Erachtens, dass neben all den Fernsehdiskussion, Wahlwerbungen etc. auch sehr interessant ist, was einzelne behinderte Menschen selbst denken. Ich würde mir natürlich wünschen, dass vor zukünftigen Wahlen auch Themen der Behindertenpolitik und vor allem auch die Ansichten von Menschen mit Behinderungen und ihrer Angehörigen breiter in den Medien vorkommen. Dieses Mal spielten unsere Anliegen im Wahlkampf ja kaum eine Rolle.

kobinet-nachrichten: Du hast nachgefragt, ob im Wahllokal oder per Briefwahl gewählt wird. Wie wählst du als Seh- und Hörbehinderter?

Ottmar Miles-Paul: Wie immer gehe ich am Sonntag ins Wahllokal in meiner Nachbarschaft wählen. Dort treffe ich meist andere Leute, mit denen ich noch mal kurz ein Schwätzchen halte. Ich finde es für mich ganz wichtig, im Wahllokal präsent zu sein, denn bei allen Klagen ist das Wahlrecht eines unserer wichtigsten Rechte. Dieses Mal gibt es dank der Wahltester-Tour der Aktion Mensch, die mit Petra Groß in meinem Wahllokal Station gemacht haben, für mich das Angebot, dass Schülerinnen und Schüler behinderten Menschen Hilfen anbieten. Daher werde ich diese Hilfe gerne nutzen, dass ich nicht mühsam mein Wahllokal suchen und erst einmal etwas orientierungslos in der großen Schule rumtapern muss. Denn eine schlechte Ausschilderung bzw. fehlende Hilfen verunsichern eher und nehmen den Spaß am Wählen - ich bin also gespannt, wie diese Unterstützung klappt und danke den SchülerInnen jetzt schon für die Unterstützung.

kobinet-nachrichten: Was erhoffst du dir von den Bundestagswahlen?

Ottmar Miles-Paul: Während meiner fünfjährigen Tätigkeit als hauptamtlicher Landesbehindertenbeauftragter von Rheinland-Pfalz hatte ich das große Glück, in einem Bundesland leben und bei einer Landesregierung tätig sein zu dürfen, wo ein großer Wert auf den Dialog mit den verschiedenen Gruppen gelegt wird. Und nicht nur das: wo es auch viele Menschen in der Politik, der Verwaltung und den Verbänden sowie in der Gesellschaft gibt, die echte Veränderungen in Richtung Inklusion voran treiben und Wege suchen, statt Probleme in den Vordergrund zu stellen. Dabei konnte ich erleben, wie viel man gemeinsam erreichen kann, auch wenn sicherlich nicht immer alle 100prozentig zufrieden sind. Eine solche Kultur der konsequenten Einbeziehung und Beteiligung behinderter Menschen und anderer Gruppen, des positiven Miteinanders, Respekts und an einem Strang in die gleiche Richtung Ziehens wünsche ich mir auch auf Bundesebene. Das ist manchmal unheimlich viel Arbeit, aber es ist die Grundlinie unserer Demokratie und gemeinsamen Erfolgs für alle. Und hier erhoffe ich mir von der Politik und Verwaltung, dass diese den großen Schatz erkennen, den wir in der Selbstvertretungsbewegung in Deutschland haben. Natürlich wünsche ich mir, dass dabei viel herauskommt, was den Menschen wirklich hilft, gleichberechtigt und mitten drin in unserer Gesellschaft leben und arbeiten zu können. Die konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und ein Bundesleistungsgesetz, das aus der Sicht von behinderten Menschen und ihren Angehörigen diesen Namen verdient, sind dabei natürlich Topthemen.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Links zu den kobinet-Interviews zur Bundestagswahl:

Noch 2 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Dr. Sigrid Arnade von der ISL aus Berlin

Noch 3 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Pandelis Chatzievgeniou aus Marburg

Noch 4 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Eileen Moritz aus Berlin

Noch 6 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Huw Ross vom Vorstand von Mensch zuerst aus Berlin

Noch 7 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Wilhelm Gerike aus Marburg

Noch 8 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Ottmar Amm von der Arbeitsgemeinschaft Selbst Aktiv in der SPD aus Marburg

Noch 10 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Jens Merkel vom Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen aus Grimma

Noch 11 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Antonio Florio aus Ludwigsburg

Stärker Einmischen - noch 13 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Margit Glasow

Noch 14 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Matthias Grombach, der aus einem Heim ausgezogen ist

Noch 16 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Karl Finke, dem Bundesvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Selbst Aktiv in der SPD von Menschen mit Behinderung aus Hannover

Noch 17 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Anette Bourdon von Mensch zuerst, dem Netzwerk von Menschen mit Lernschwierigkeiten aus Kassel

Noch 19 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Andreas Vega vom Verbund behinderter ArbeitgeberInnen aus München

Noch 24 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Benjamin Bechtle von der bifos Online-Akademie aus Karlsruhe

Noch 28 Tage bis zur Bundestagswahl - Fiktives Interview mit der vor fünf Jahren verstorbenen Elke Bartz aus Mulfingen-Hollenbach

Noch 31 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Carl-Wilhelm Rößler vom Forum behinderter Juristinnen und Juristen aus Köln

Noch 33 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Heinrich Buschmann von Mobil mit Behinderung aus Jockgrim

Noch 37 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Christian Judith aus Hamburg

Noch 40 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Thomas Plischkowsky, der statt in einer Werkstatt für behinderte Menschen in einem Seniorenheim arbeitet, aus Berlin

Noch 42 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit dem blinden Journalisten Keyvan Dahesch aus Frankfurt

Noch 50 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Jürgen Wecke aus Pfinztal

Noch 54 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Constantin Grosch, der eine Petition für ein Recht auf Sparen und gleiches Einkommen für Menschen mit Behinderungen mit über 60.000 Unterstützern gestartet hat, aus Hameln

Noch 57 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Arnd Hellinger aus Bochum

Noch 60 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Barbara Vieweg von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland aus Jena

Noch 63 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Stephan Heym von der LAG Selbsthilfe Behinderter Rheinland-Pfalz aus Mainz

Noch 80 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Martin Zierold, dem Ertaubten Bezirksverordneten in Berlin-Mitte

Noch 81 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Nina Waskowsky aus Potsdam-Babelsberg

Noch 84 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Gerhard Bartz vom Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen aus Mulfingen-Hollenbach

Noch 87 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Elwira Szyca aus Düsseldorf

Noch 90 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Petra Groß aus Kassel

Noch 94 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Andreas Bethke vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband aus Berlin

Noch 96 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Ulrike Pohl aus Berlin

Noch 98 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Stefan Göthling von Mensch zuerst, dem Netzwerk von Menschen mit Lernschwierigkeiten aus Leinefelde

Noch 100 Tage bis zur Bundestagswahl - Interview mit Uwe Frevert von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland aus Kassel

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