Alternativen zur Werkstatt gefordert

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Ulla Schmidt
Ulla Schmidt
Bild: Laurence Chaperon

Berlin (kobinet) Nur verschwindend wenig Menschen mit Down-Syndrom haben eine Tätigkeit auf dem Allgemeinen Arbeitsmarkt. Trotz Ausgleichsabgabe und Beschäftigungsquote, die bisher offensichtlich nicht die vom Gesetzgeber beabsichtigte Wirkung zeigen. "Das ist fünf Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention kein Ruhmesblatt", kritisiert Ulla Schmidt, Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und Bundestagsvizepräsidentin, heute in einer Pressemitteilung. Damit das anders wird, fordert die Lebenshilfe gemeinsam mit anderen Verbänden, die Menschen mit Down-Syndrom vertreten, bundesweit flexible Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, z.B. in Form von Lohnkostenzuschüssen und einer dauerhaften Begleitung/Unterstützung am Arbeitsplatz. Solche Leistungen sollten allen Menschen mit geistiger Behinderung zur Verfügung stehen. Das würde auch einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft und in Unternehmen bewirken. "Bisher sind Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben kaum sichtbar", so Ulla Schmidt.

Bislang gibt es für Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung nur in einzelnen Bundesländern die Möglichkeit, auch außerhalb der Werkstatt Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zu erhalten; z.B. in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Hamburg. Andere Möglichkeiten werden bereits erfolgreich genutzt. So gibt es sogenannte Integrationsfirmen, die sowohl Menschen mit und ohne Behinderung auf dem Allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigen. Darüber hinaus sind vielerorts Werkstatt-Beschäftigte auf so genannten ausgelagerten Arbeitsplätzen tätig, wie etwa in der Seniorenhilfe, in Kindergärten, in Cafés oder in Supermärkten.

Bereits im März 2009 hatte Deutschland das internationale Abkommen ratifiziert und sich damit verpflichtet, Inklusion - die Teilhabe aller Menschen in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens - umzusetzen. "Menschen mit Behinderung brauchen einen Arbeitsplatz, an dem sie gefördert werden, der ihnen Selbstvertrauen gibt und an dem sie Wertschätzung erfahren", sagt Ulla Schmidt. Die Down-Syndrom-Fachverbände und die Lebenshilfe fordern, dass Wünsche und Fähigkeiten des Menschen mit Behinderung im Vordergrund stehen müssen.

Lesermeinungen zu “Alternativen zur Werkstatt gefordert” (6)

Von behindertenrecht

Wenn man bei behinderten Menschen davon ausgeht, daß sie einen Arbeitsplatz brauchen, an denen sie Selbstvertrauen und Wertschätzung erfahren, dann muss man sich aber auch fragen, wo denn Selbstvertrauen und Wertschätzung herkommen soll, wenn man an seinen Arbeitsplatz keinen Mindestlohn verdient .

Von behindertenrecht

Lt. T-Onlinie Nachrichten,werden Langzeitarbeitslose beim MINDESTLOHN sechs Monate ausgeschlossen, ebenso Praktikanten während der Berufsausbildung . Damit soll das Gesetz am Mittwoch vom Kabinet beschlossen werden .

Damit wurden die Erwebsfähigen in den Behindertenwerstätten, beim Mindestlohn völlig ignoriert . Wenn dann auch noch ihre Teilhabeleistungen einrichtungsgebunden "berrechnet" werden, dann wird deren Armut in keinster Weise gemindert .

Von Markus Döller

Am Arbeitsmarkt kann man deutlich erkennen, dass "Inklusion" für viele Unternehmen nur eine Etikette ist.
Was heißt Inklusion? Inklusion heißt, dass die Vielfalt in der Gesellschaft willkommen ist und das auch Menschen mit Behinderungen willkommen sind und gleichberechtigt am Leben in der Gemeinschaft teilhaben können. So heißt es in der Sozialarbeitertheorie. In der Wirklichkeit sind Menschen mit Behinderung nur dann willkommen, wenn sie trotz ihrer körperlichen Behinderung die gleiche Leistung in der gleichen Zeit erbringt wie ein nichtbehinderter, obwohl es für den behinderten Arbeitnehmer wegen seiner Behinderung unmöglich ist. Die Arbeitgeber sind nicht willens den Arbeitsplatz an die Behinderung des Arbeitnehmers anzupassen, was gelebte Inklusion wäre. Statt dessen haben sie nur ihre Stellen- und Leistungsprofile im Kopf. Diese Erfahrung habe ich in der Diakonie Stetten und im Landratsamt Calw gemacht.

Von Dagmar B

Zitat:


Menschen mit Behinderung brauchen einen Arbeitsplatz, an dem sie gefördert werden, der ihnen Selbstvertrauen gibt und an dem sie Wertschätzung erfahren", sagt Ulla Schmidt



Menschen mit Behinderung brauchen vor allem ein Leistungssystem,das einrichtungsunabhängig ist.
Und vor allem brauchen behinderte Menschen keine Kopfstreichelmentalität und Bevormundung ,sondern ein Paket an passgenauen und individuellen Maßnahmen.
Wir sind hier doch nicht im Kindergarten,das andere schon wieder wissen,was für behinderte Menschen das beste ist.

Von Susanne v.E

Sehr geehrte Frau Schmidt

Auch behinderte Menschen, die keine wirtschaftlich verwertbare Arbeit erbringen können, wünschen sich (und brauchen) eine Alternative zu den Werkstätten.
Wenn Sie fordern "Wünsche und Fähigkeiten des Menschen mit Behinderung müssen im Vordergrund stehen", darf dies nicht nur für die "fitten" Menschen mit Behinderung gelten. Die Gesellschaft und die Behindertenverbände müssen die Menschen mit schweren, mehrfachen Behinderungen mit ihren! Bedürfnissen und Wünschen endlich auch zur Kenntnis nehmen und deren Interessen mit dem gleichen! Engagement vertreten.

Von Gisela Maubach

" . . . bundesweit flexible Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, z.B. in Form von Lohnkostenzuschüssen und einer dauerhaften Begleitung/Unterstützung am Arbeitsplatz. Solche Leistungen sollten allen Menschen mit geistiger Behinderung zur Verfügung stehen."

Zitat-Ende

Wenn im Zusammenhang mit Arbeitsplätzen erklärt wird, dass solche Leistungen ALLEN (!) Menschen mit geistiger Behinderung zur Verfügung stehen sollten, dann ist entweder jeder Bezug zur Realität verlorengegangen, oder man stellt bewusst solche realitätsfernen Forderungen in den Raum, weil man insbesondere bei der Lebenshilfe genau weiß, dass die eigenen Tageseinrichtungen nie leer werden, wenn man sie nur in Richtung eines Arbeitsplatzes verlassen darf.

Liebe Frau Schmidt, auch wenn die Forderung nach Arbeit für ALLE Menschen mit geistiger Behinderung hübsch klingt, ändert das nichts daran, dass auch Menschen existieren, die so schwer behindert sind, dass sie gar nicht arbeiten KÖNNEN!

Im Ergebnisprotokoll der AG "Arbeitsleben" im Rahmen des Werkstattgespräches zum Grundlagenpapier der Bund-Länder-AG "Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen" ist "in Bezug auf künftige Leistungen außerhalb des Geschäfts- und Verantwortungsbereichs anerkannter Werkstätten für behinderte Menschen" zu lesen:

"Eine Verpflichtung der zuständigen Leistungsträger, auf alternative Leistungsangebote entsprechend bestehender Nachfrage hinzuwirken, sei nicht vorgesehen."

Warum nicht?

Und wer wiederholt sogar die schriftliche Erklärung erhalten hat, dass als vorrangige Leistung der Eingliederungshilfe nur der Werkstattplatz in Frage kommt, für den klingt die Forderung nach "Bewusstseinswandel in der Gesellschaft und in Unternehmen" ziemlich zynisch, denn die Gesetzgebung müsste erstmal die Voraussetzung dafür schaffen, dass wirklich für ALLE eine Alternative zur Werkstatt überhaupt möglich ist!

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