Keine ziemlich besten Freunde

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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Bild: Autonom Leben

Hamburg (kobinet) Die Aufführung des Bühnenstücks "Ziemlich beste Freunde" in den Hamburger Kammerspiele hat nicht gerade die Freundschaft zwischen Autonom Leben Hamburg und den Hamburger Kammerspielen gefördert. Denn die Aufführung fand in nicht barrierefreien Räumlichkeiten statt, wogegen letzte Woche ca. 40 RollstuhlnutzerInnen vor der Tür des Theaters demonstriert haben. Mit einem offenen Brief hat sich Autonom Leben zudem an die Verantwortlichen der Hamburger Kammerspiele, die Kultursenatorin und die Senatsbeauftragte für die Gleichstellung behinderter Menschen gewandt.

"im Rahmen unserer Demonstration vor den Hamburger Kammerspielen zur Premiere des Bühnenstücks 'Ziemlich beste Freunde' am 23.03.2014 bekamen wir eher zufällig die Erklärung zu lesen, mit dem sich an die Besucherinnen und Besucher des Theaters Hamburger Kammerspiele gewandt wurde. Zumindest erweckte es den Eindruck, dass sie an nur diese gerichtet war, denn sie wurde nur in den Räumlichkeiten der Kammerspiele verteilt. Von Seiten des Theaters erschien leider niemand draußen, um uns dieses Schreiben persönlich zu überreichen und mit uns zu sprechen. Das bedauern wir sehr", schreibt Autonom Leben in dem offenen Brief. Ein Großteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demonstration am Sonntag war auf den Rollstuhl angewiesen, so dass sie die Räume der Kammerspiele nicht eigenständig aufsuchen konnten. "Das war ja genau auch der Anlass zu unserer Demonstration. Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu geschmacklos, dass die Erklärung nur drinnen verteilt wurde" heißt es weiter in dem Brief.

In der Erklärung der Hamburger Kammerspiele heißt es, dass das Theater Hamburger Kammerspiele "nur eingeschränkt über Rollstuhlplätze verfügt". "Das Theater verfügt genau über einen Rollstuhlplatz. Genau genommen, verfügt es sogar über keinen einzigen Rollstuhlplatz. Denn um diesen sogenannten Rollstuhlplatz erreichen zu können, müssen mehrere Treppen überwunden werden. Menschen jedoch, die auf den Elektrorollstuhl angewiesen sind, sind von vornherein von Veranstaltungen ausgeschlossen. Der Elektrorollstuhl der Firma Otto Bock, wie ihn Hardy Krüger jr. in 'Ziemlich beste Freunde' benutzt, wiegt mindestens 130 kg. Aber auch, wenn man einen vergleichsweise leichtgewichtigen Aktivrollstuhl benutzt, ist es unzumutbar, sich über mehrere Treppen tragen zu lassen", stellt Autonom Leben in ihrem offenen Brief klar.

Zudem wurde in der Erklärung sowie auf der Webseite der Hamburger Kammerspiele darauf hingewiesen, dass 'Ziemlich beste Freunde' Anfang 2015 an zwei barrierefreien Spielorten aufgeführt wird. Damit sei die Forderung nach einem anderen Spielort erfüllt. "Der Spielplan sieht für 2015 genau neun Spieltage im Harburger Theater und zwei Tage im Bergedorfer Haus im Park vor. Da beide Theater jeweils über zwei Rollstuhlplätze verfügen, sind das insgesamt sage und schreibe 22 Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer, denen es ermöglicht wird, das Stück 2015 zu besuchen. Angesichts der Tatsache, dass der Anteil behinderter Menschen in der Hamburger Bevölkerung bei über 10 Prozent liegt, ist das lächerlich wenig. Es ist leider ein grundsätzliches Problem in Hamburg, dass sich die Barrierefreiheit kultureller Orte meist in ein, zwei Rollstuhlplätzen erschöpft. So hat nur eine sehr begrenzte Zahl von Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern die Möglichkeit, ein Theaterstück, einen Kinofilm oder ein Konzert zu besuchen. Die Karten sind meist schnell ausverkauft. Menschen mit Sinnesbehinderungen oder anderen Behinderungen werden oftmals von vornherein ausgeschlossen. Wir haben ein anderes Verständnis von Barrierefreiheit", stellt Autonom Leben Hamburg klar.

Die Nicht-Zugänglichkeit der Hamburger Kammerspiele wird damit begründet, dass es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude handelt, "in das bisher kein Einbau eines Behindertenaufzuges möglich war". "Wir fragen uns, was einen Behindertenaufzug von einem Personenaufzug unterscheidet? Der große gläserne Vorbau wurde offensichtlich trotz Denkmalschutz-Auflagen bewilligt. Auf der Demonstration hatten wir die Gelegenheit, mit dem geschäftsführenden Gesellschafter und Mäzen der Hamburger Kammerspiele Jürgen Hunke zu sprechen. Er betonte sein wiederholtes Bemühen, die Hamburger Kammerspiele im Zuge der 2002 erfolgten umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen auch für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer zugänglich zu machen. Dieses sei durch die Kulturbehörde, insbesondere durch das Denkmalschutzamt verhindert worden. Mit Denkmalschutz-Gründen wird leider oft argumentiert und damit jegliche Forderung nach Barrierefreiheit und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Keime erstickt", so Autonom Leben.

Die Journalistin Christiane Link schreibt in ihrem Blog Behindertenparkplatz.de dazu sehr treffend: "Die Kammerspiele bekommen hohe Zuwendungen von der Stadt Hamburg ohne dass Auflagen zur Barrierefreiheit gemacht werden. Details findet man im Haushaltsplan der Stadt Hamburg. Damit finanzieren behinderte Steuerzahler ihre eigene Ausgrenzung. Nichts anderes ist es, wenn man aufgrund des Merkmals Behinderung nicht am kulturellen Leben einer Stadt teilhaben kann."

"Wir fühlen uns nicht nur von den Betreibern der Hamburger Kammerspiele ausgegrenzt. Wir fühlen uns allgemein von einer Vielzahl kultureller Angebote in unserer Stadt ausgegrenzt und sehen, dass die Hamburger Politik einen wesentlichen Anteil an dieser Ausgrenzung hat, indem sie nichts oder nur unzureichendes dagegen unternimmt und Kulturstätten wie die Kammerspiele sogar noch mit unseren Steuergeldern subventioniert. Für uns behinderte Menschen ist diese kulturelle Apartheid seit Jahrzehnten Realität. Wir haben uns leider schon zu oft daran gewöhnt, genauso wie die nichtbehinderte Bevölkerung, für die es immer noch normal ist, dass behinderte Menschen nur am Rande mitspielen dürfen. Wir sollen zufrieden sein, wenn 22 Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen eine Spielzeit später das Theaterstück besuchen können. Nein, das sind wir nicht."

Die Hamburger Kammerspiele haben laut Ihrem Schreiben das Stück "Ziemlich beste Freunde" in ihren Spielplan aufgenommen, weil sie "die Probleme von Menschen mit Behinderung in unserem Land und unserer Stadt ernst nehmen und ihnen eine Öffentlichkeit geben möchten". Der Film "Ziemlich beste Freunde" beschreibt die Lebenssituation behinderter Menschen so trefflich, realistisch und humorvoll und war ein Riesenerfolg bei behinderten wie nichtbehinderten Kinobesucherinnen und -besuchern. Auch das Interesse an dem Bühnenstück scheint sehr groß zu sein, denn es wurden zusätzliche Vorstellungen ins Programm genommen. Leider nur für ein nichtbehindertes Publikum.

"Wir fordern keineswegs ein Spielverbot für die Hamburger Kammerspiele, wie in deren Erklärung steht. Wir sind ausdrücklich für eine vielfältige, bunte Kultur- und Theaterlandschaft für alle Menschen in Hamburg. Wir kämpfen dagegen, von dieser nach wie vor ausgeschlossen zu werden. Wir fordern: einen zusätzlichen Spielort mit deutlich mehr Rollstuhlplätzen in dieser Spielzeit, ein gemeinsames Gespräch mit den Hamburger Kammerspielen und der Kultursenatorin zu diesem Thema, dass der Themenbereich Kultur wichtiger Bestandteil im Hamburger Landesaktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention wird und einen Runden Tisch "Barrierefreie Kultur Hamburg", an dem wir beteiligt werden", heißt es in dem offenen Brief von Autonom Leben Hamburg, der von Chasa Chahine und Daniela Schremm unterschrieben ist.

 

Lesermeinungen zu “Keine ziemlich besten Freunde” (2)

Von Arnd Hellinger

Man sollte doch langsam aber sicher einmal höchstrichterlich klären lassen, ob bei der Sanierung öffentlich zugänglicher Altbauten jetzt Denkmalschutz oder Barrierefreiheit Vorrang genießt, wenn der Gesetzgeber (=die Politik) zu dieser Klarstellung) nicht in der Lage ist...

Das hier wieder an den Hamburger Kammerspielen deutlich gewordene Dilemma betrifft ja nicht nur öffentliche Bauherren, sondern auch Eigentümer alter Hotels, Gaststätten etc., die von derartigem Auflagen in der Schaffung von Barrierefreiheit "behindert" werden.

Grundsätzlich sehe ich hier aber eindeutig gesetzgeberischen Handlungsbedarf - auf Bundesebene.

Von ottmaramm

Das erinnert mich an die Aufführung des gleichnamigen Films hier in Marburg. Er lief sehr erfolgreich mehrere Monate - allerdings in einem Kino in der bergigen Altstadt, das nur über Treppen zu erreichen war! Nur eine(!!) Woche wurde der Film in einem modernen Cineplex-Kino in der Innenstadt gezeigt, das über Rollstuhlplätze und aufzug verfügt!

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