Vermögensanrechnung erschwert Loslösung aus der Familie

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Vincent Plüschow
Vincent Plüschow
Bild: Plüschow

Stutensee (kobinet) Vincent Plüschow macht bei der Empowerment Schulung "Stärker werden und etwas verändern!" der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) mit. Der 36jährige Mensch mit Autismus erlebt derzeit, dass die Anrechnung des Einkommens und Vermögens auf Leistungen für behinderte Menschen nicht nur lebenslänglich arm macht, sondern auch das Familienleben belastet und die Loslösung aus dem Elternhaus enorm erschwert.

"Bei uns ist das Familienleben wegen der Anrechnung des Vermögens belastet. Ich habe das Asperger-Syndrom, bin Geringverdiener, weil ich nicht Vollzeit arbeiten kann, und habe einen – wenn auch geringfügigen – Assistenzbedarf beim Wohnen. Deshalb macht sich meine Familie viele Sorgen über die Zukunft. Sollte mein Vater zum Beispiel als Erster sterben, würden meine Mutter und ich das Haus erben. Soll dann vielleicht meine arme alte Mutter aus dem Haus vertrieben werden, nur weil ich meine Hälfte verkaufen muss, um Eingliederungshilfe in Anspruch nehmen zu können? Oder soll ich dann als Alternative weiterhin dazu gezwungen werden, mit meiner Mutter unter einem Dach zu leben und von ihr versorgt zu werden, bis sie es nicht mehr kann? Mal ganz davon abgesehen, wird mir der Mut zur Loslösung von den Eltern genommen, wenn ich nur die Perspektive habe, in einem eigenen Haushalt ein Leben in Armut zu führen", schildert Vincent Plüschow seine Situation.

Im Rahmen seines Projektes für die Empowerment Schulung will er sich mit dafür einsetzen, dass mit Hilfe eines Bundesteilhabegesetzes die Abschaffung der Anrechnung des Einkommens und Vermögens auf Leistungen für behinderte Menschen endlich erreicht wird. Deshalb will er mit der Schilderung seiner persönlichen Situation einen Beitrag leisten, damit die Abgeordneten des Deutschen Bundestages und die VertreterInnen der Bundesländer besser verstehen, was im Bundesteilhabegesetz geändert werden muss. Denn die Selbstbestimmung behinderter Menschen sieht anders aus, als es die derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen ermöglichen.

Lesermeinungen zu “Vermögensanrechnung erschwert Loslösung aus der Familie” (1)

Von Gisela Maubach

Zitat aus dem Beitrag:

"Sollte mein Vater zum Beispiel als Erster sterben, würden meine Mutter und ich das Haus erben. Soll dann vielleicht meine arme alte Mutter aus dem Haus vertrieben werden, nur weil ich meine Hälfte verkaufen muss, um Eingliederungshilfe in Anspruch nehmen zu können?"

Die Lösung lautet "Berliner Testament", wobei die Ehepartner sich gegenseitig zu Alleinerben einsetzen.
Und mittlerweile gibt es bundesweit Anwälte, die sich auf Testamente für Familien mit behinderten Kindern spezialisiert haben.

Weiteres Zitat aus dem Beitrag:

"Denn die Selbstbestimmung behinderter Menschen sieht anders aus, als es die derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen ermöglichen."

Richtig - solange die Eingliederungshilfe von Menschen an Einrichtungen gebunden ist und diese Einrichtung nur in Richtung Arbeitsplatz verlassen werden kann, kann von Selbstbestimmungsrecht von arbeitsUNfähigen Menschen nicht die geringste Rede sein.

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