Für einen Mindestlohn in Werkstätten

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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Bild: BSK

Krautheim/Berlin (kobinet) 1,30 Euro beträgt der durchschnittliche Stundenlohn für behinderte Menschen, die in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten nach Informationen des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK). In einem kürzlich auf YouTube eingestellten Film dokumentiert der Verband die Demonstration am 5. Mai für ein Bundesteilhabegesetz und Stimmen zur Forderung nach einem Mindestlohn in Werkstätten für behinderte Menschen. Der Verband kritisiert, dass behinderte Menschen, die in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten, in der Regel in einem ganzen Monat nicht so viel verdienen, wie andere in wenigen Minuten.

Link zum Film zum Bundesteilhabegesetz und der Forderung nach einem Mindestlohn in Werkstätten für behinderte Menschen

Lesermeinungen zu “Für einen Mindestlohn in Werkstätten” (2)

Von Michael

Wie wäre es denn mal mit einem Grundeinkommen das jeder behinderte mensch erhält und darauf sich dann der mindestlohn aufbaut je nach leistung das grundeinkommen bleibt gleich aber das was der oder die jenige leistet muss dann oben drauf kommen ohne das es an anderer stelle wieder gekürzt wird

Von Gisela Maubach

Zu diesem Beitrag wäre hinzuzufügen, dass zum vorliegenden Thema im Vorfeld schon ein Austauschgespräch zwischen dem BSK und der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e.V. (BAG WfbM) stattgefunden hatte:

http://www.bagwfbm.de/article/2201

Hier erfahren wir im vorletzten Absatz, dass die Werkstätten "von den Schwächsten her denken" und nicht mit der "enggefassten Logik der Leistungsgesellschaft".

Laut § 138 Abs. 2 SGB IX zahlen die Werkstätten das Arbeitsentgelt an die Beschäftigten aus ihrem Arbeitsergebnis, und im letzten Absatz erfahren wir von der BAG WfbM, dass mindestens 70 Prozent der erwirtschafteten Arbeitsergebnisse als Entgelt ausbezahlt werden und maximal 30 Prozent für Rücklagen eingesetzt werden, um z.B. bei schwacher Auftragslage die Entgelte weiterzuzahlen.

Gerade in der vergangenen Woche erfuhr ich von einer Mutter hier in NRW, dass die Entgelte in der Werkstatt ihrer Tochter wegen fehlender Aufträge bereits deutlich gekürzt wurden.
Da wir aus der Darstellung der BAG WfbM im letzten Absatz auch erfahren, dass die erwirtschafteten Gewinne (!) über das Entgeltsystem an die Solidargemeinschaft der Beschäftigten ausgeschüttet werden, bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Höhe des Lohnes nicht nur vom erwirtschafteten Gewinn der jeweiligen Werkstatt abhängig ist, sondern aufgrund dessen auch von der Leistungsfähigkeit aller (!) Mitarbeiter.

"Solidargemeinschaft" und das "Denken von den Schwächsten her" bedeutet also: Je mehr arbeitsunfähige Menschen in einer Werkstatt in "heilpädagogischen Gruppen" betreut werden, desto geringer ist das Entgelt für jeden Einzelnen in der Werkstatt.

So gesehen ergibt sich die Frage, warum denn die Träger der Werkstätten überhaupt ein Interesse daran haben, dass in allen Bundesländern die Unterscheidung zwischen werkstattfähig und nicht-werkstattfähig gestrichen wird, so dass die Tagesförderstätten abgeschafft würden und diejenigen, die dort bisher betreut werden, ebenfalls einen "arbeitnehmerähnlichen Rechtsstatus" in den Werkstätten erhalten - mit Entgeltanspruch aus dem Arbeitsergebnis der anderen Werkstatt-Beschäftigten.

Die Frage lässt sich ganz einfach dadurch beantworten, dass sinkende (durchschnittliche) Arbeitsergebnisse "nur" zu sinkenden Entgelten für die behinderten Menschen führen.

Die Werkstätten erhalten aber vom Rehabilitationsträger "Eingliederungshilfe" (§ 41 SGB IX), und je schwerer die individuelle Behinderung desto mehr Eingliederungshilfe bekommt die Werkstatt!

Dieses System führt zu der absurden Situation, dass die Werkstätten wegen der höheren Beträge der Eingliederungshilfe zwar ein Interesse daran haben, dass die schwerstbehinderten Menschen aus den Tagesförderstätten auch in die Werkstätten kommen, aber dadurch sinkt das durchschnittliche Arbeitsergebnis und alle (!) bekommen (noch!) geringere Entgelte!

Schade, dass Interessenvertretungen sich nicht gegen die Einrichtungsgebundenheit der Eingliederungshilfe einsetzen, womit man dem Selbstbestimmungsrecht einen Schritt näher kommen würde und gleichzeitig bessere Löhne ermöglichen würde. Die Forderung nach einem pauschalen Mindestlohn in Werkstätten hilft uns hier wirklich nicht weiter.

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