Inklusionskongress berät in Berlin

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Zuhal Soyhan im Gespräch mit Christina Marx und Reinhard Wagner
Zuhal Soyhan im Gespräch mit Christina Marx und Reinhard Wagner
Bild: rba

Berlin (kobinet) Ein zweitägiger Inklusionskongress über die Zusammenarbeit von Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen hat heute in Berlin seine Beratungen aufgenommen. Es diskutieren rund 170 Vertreterinnen und Vertreter aus der Zivilgesellschaft, von Wirtschaftsunternehmen und aus der Politik. Mit dabei die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Verena Bentele, Autor und Schauspieler Dr. Peter Radtke, Kabarettist und Sportler Rainer Schmidt, Raúl Aguayo-Krauthausen (Sozialhelden e.V.), Christina Marx (Aktion Mensch e.V.) und Reinhard Wagner (UnternehmensForum e.V.).

Peter Radtke, Mitglied des Deutschen Ethikrats, sprach zu Beginn über "Inklusion – Utopie oder reale Vision? Bereits heute verwirklichte Beispiele beweisen nach seiner Ansicht, dass Inklusion sehr wohl möglich ist, sofern es die Bürgerinnen und Bürger nur wollen. Doch Teilhabe auf der einen Seite heiße immer auch Teil geben auf der anderen. Ist die Gesellschaft schon reif dafür?

Das gemeinnützige Analysehaus PHINEO ist Kongressveranstalter und hat mit Unterstützung der Bundesliga-Stiftung sowie der Sir Peter Ustinov Stiftung gemeinnützige Organisationen, die sich für Inklusion in Deutschland einsetzen, auf ihre Wirksamkeit geprüft. Dabei ging es um die Frage, was nachhaltig für eine bessere Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft wirkt. Welche Handlungsansätze sind erfolgversprechend? Woran erkennt man professionell arbeitende Projekte? Und was sind Best-Practice-Beispiele?

Ergebnis der Analyse: Im gesamten Bundesgebiet gibt es ein ausgesprochen vielfältiges und buntes Engagement für Inklusion. 15 Organisationen konnten für ihre herausragende Arbeit mit dem Wirkt-Siegel ausgezeichnet werden. Eine davon ist das Integrationsprojekt e.V. in Berlin mit seinen Angeboten für Kinder und Jugendliche.

Lesermeinungen zu “Inklusionskongress berät in Berlin” (12)

Von Sabine Fichmann

Sehr geehrte Frau Maubach,

danke für Ihre Zusammenfassung der Veranstaltung.

Beim lesen fiel mir zur Veranstaltung ein gern benutzter Satz meiner Großmutter ein:" Viel Geschrei und nichts dahinter...."


Von Gisela Maubach

@ Beamtenschreck

Volle Zustimmung zu der Erkenntnis, dass wir "immer die Melodien singen nach den Noten, die man uns vorlegt".
Aber wenn im Chor nur die Profi-Sänger mitsingen dürfen, wird es von den zahlenden Zuhörern niemanden stören, wenn diejenigen nicht mitsingen, die es niemals schaffen können, die richtigen Töne zu treffen - ganz im Gegenteil: Je professioneller und exklusiver der Chor, desto unerreichbarer wird er auch für diejenigen, die die Eintrittskarten dafür nicht bezahlen können.

Dieser Inklusionskongress war eine vom BMAS geförderte Veranstaltung, und die "namhaften ReferentInnen" wurden öffentlichkeitswirksam angekündigt - u.a. auch hier bei kobinet:

http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/29705/Inklusionskongress-in-Berlin.htm?rss=true

Aufgrund der freundlichen Reaktion innerhalb der Leserbriefe zu dieser Ankündigung habe ich mich - gemeinsam mit geistig schwerstbehindertem Sohn - auf die 600 Kilometer lange Reise nach Berlin gemacht.

Ich habe noch nie eine Veranstaltung zur Inklusion erlebt, an der soooo wenige Menschen mit Behinderung teilgenommen haben und bei der sogar ein Teilnehmer darum gebeten hatte, nicht so viele englische Fremdwörter zu verwenden.
Wenn ein Referent im anschließenden Workshop (mit vorgegebenem Thema) sein Referat dann doch auf englischen Fremdwörtern aufbaut und Lacher dafür erntet, dass er "dazu steht", dann merkt man doch sehr deutlich, welche Zielgruppe in diesem "Inklusionskongress" angesprochen werden sollte.

Auch wenn in der Einführungs-Diskussion erwähnt wurde, dass sich im Vorfeld der Veranstaltung eine Mutter gemeldet hätte, die die Sorge zum Ausdruck gebracht hätte, dass Menschen mit geistiger Schwerstbehinderung beim Thema Inklusion ausgeschlossen blieben, war das Thema damit dann aber auch erledigt.

Dass Ausbildungsplätze für ALLE (!) im Ergebnis zu weniger Sozialleistungen führen würden, wurde ebenso thematisiert wie die Barrieren in den Köpfen und dass man anstatt der Defizite die individuellen Stärken der Menschen in den Vordergrund rücken sollte. Diese Textbausteine waren auch vorher schon allgemein bekannt.

Leider hat keiner der anwesenden Wirtschafts-/Unternehmensvertreter eine Idee unterbreitet, welche "Stärke" bei meinem Sohn für welchen Ausbildungsplatz geeignet sein könnte, denn den Anwesenden ist es nicht verborgen geblieben, dass u.a. das Zerreißen von Papier zu seinen Vorlieben gehört.

Im Workshop war auch auffallend, dass die eine oder andere Werbung von den Referenten gezielt eingesetzt wurde - z.B. für Persil: "Das Schöne an Bakterien? Dass man sie jetzt spielend los wird." (zum Thema Wirkung).

Die stimmungsvollen Gesangs-Darbietungen haben der Veranstaltung ebenso Dynamik verliehen wie die kabarettistische Darstellung eines brillianten Rainer Schmidt, der an der Diskussion allerdings nicht beteiligt war.

VertreterInnen aus der Politik waren leider sehr schnell wieder weg und wurden von RTL-Moderator Krons auch zeitlich so eingeschränkt, dass ein wirklicher Austausch nicht möglich war.

Im Programm der Tagung stand:
"Gemeinsam überlegen wir: Wie können Menschen mit und ohne Behinderung in der Gesellschaft mitmachen?"
Es war zwar nett in Berlin, aber aufgrund des vorgegebenen Programms und der vorgegebenen Workshop-Themen, in die geistig schwerstbehinderte Menschen nicht reinpassten, gab es auch keine Chance eines "gemeinsamen Überlegens".

Von Beamtenschreck

Liebe Freunde und Leidensgefährten,

kann es sein dass einige von uns begriffen haben wir haben vereinzelt auf dass falsche Pferd gesetzt und liefen so unnütz dem Sieg hinterher? Wie sagte einst Berthold Brecht mit seinen Thesen

Wenn Unrecht zu Recht wird - wird Wiederstand zur Pflicht

nur wenn wir immer die Melodien singen nach den Noten die man uns vorlegt, müssen wir uns nicht wundern, wenn der Chor an Interesse verloren geht, denn manche Komposition ist so schlecht, dass selbst das Papier auf welchem sie geschrieben steht, sich veralbert vorkommt.

Euer Beamtenschreck

Von Inge Rosenberger

Danke für diese erhellenden Kommentare!
Die Euphorie, die bei der leistungsorientierten "Inklusionsdebatte" ständig zu spüren ist, vernebelt den Blick auf die immer wieder vorgebrachten Kritikpunkte. An der Diskriminierung der "Vergessenen" wird sich mangels Bereitwilligkeit nichts zum Positiven ändern, und die Bedingungen gerade für Menschen mit sehr schweren Behinderungen werden verschärft.

Von Sabine Fichmann

Das hört sich für mich alles sehr suspekt an....

Wer diese Veranstaltungen durch seine Anwesenheit aufwertet ohne sich an den Diskussionen zu beteiligen, sollte aufpassen, vor welchen Karren er sich spannen lässt....

Von Gisela Maubach

"Liesl" schreibt, dass Armut ein wesentliches Inklusions-Hindernis ist. Richtig! Und ich war entsetzt, dass dies bei "passenden" Themen innerhalb dieses Inklusionskongresses sogar bewusst ausgeblendet wurde:

Der Vertreter der Bayer-Stiftung durfte im "Workshop" ausführlich deren Förder-Kriterien erklären, und dabei haben wir erfahren, dass Projekte unterstützt werden, bei denen die Behinderung zur Begabung genutzt werden kann. Dort, wo Behinderung zu Notsituationen führt, leistet die Bayer-Stiftung keine (!) Unterstützung.
Andere Stiftungen durften beim vorgegebenen Thema des "Workshops" nicht (!) einbezogen werden, und es wurde zu Beginn des "Workshops" sogar eingeräumt, dass es dabei nicht um Inklusion ging!

Von Gerti

Bertelsmann hat zum großen Teil die Hartz-IV-Regelungen verzapft (im Auftrage der Bundesregierung).
Bertelsmann lebt noch immer zum erheblichen Teil von den Gewinnen, die Bertelsmann im zweiten Weltkrieg gemacht hatte.
Zu Informationen, die Kritik an Bertelsmann betreffen, kann man sich von den Macher_innen der Anti-B-Liste nähere Informationen zusenden lassen:
http://www.bertelsmannkritik.de/index.htm
Die Frage ist nun, ob 'die' Behinderten es nötig haben, mit solchen (meiner Meinung nach) zwielichtigen 'Gestalten' zusammenzuarbeiten?

Von Gerti

Aus der Programmankündigung der Phineo AG:
"Wir diskutieren mit Ihnen, wie eine wirksame und gleichberechtigte Teilhabe gelingen kann.
Wir zeigen Ihnen, woran man Maßnahmen erkennt, die zur Inklusion beitragen.
Wir überlegen mit Ihnen, wie erfolgreiche Kooperationen zwischen Unternehmen und gemeinnützige Organisationen funktionieren."
Dabei ist doch offensichtlich alles gesagt: Wir = Phineo AG und die sich hinter der Phineo AG verbergenden Firmen UND die Bundesregierung.
Also eine klassische Public Private Partnership.
'Die Behinderten' waren allenfalls lediglich als passive Zaungäste geladen (für teures Teilnahmegeld). Das Ruder scheint also herumgerissen; Berthelsmann hat den so genannten Inklusionsprozess (Änderungsprozess in der Gesellschaft) übernommen.
Tja, Herr Miles-Paul und die anderen Protagonist_innen, wo ist Ihr Anteil an der Änderung des Inklusions-Kurses?
Wer links sich definiert, kann eigentlich an diesem Public-Private-Partnership-Spektakel gar nicht teilgenommen haben.
Oder haben sich alle Aktivist_innen auf die PPP eingenordet und alle guten Vorsätze von Bord geworfen?

Von Liesl

Wesentliche Inklusions-Hindernisse sind Armut und mangelnde Demokratie.
Die Gesellschaft braucht also Nachhilfe in Sachen Demokratie und Umverteilung.

Jetzt taucht da eine Aktiengesellschaft Phineo auf und macht einen Inklusions-Kongress. In einer Aktiengesellschaft haben übrigens die mit den meisten Aktien auch die meisten Stimmrechte. Also schon mal Punktabzug in Sachen Demokratie.

Phineo ist eine Gründung der Bertelsmann Stiftung:
www.presseportal.de/pm/20129/1564746/bertelsmann-stiftung-gruendet-mit-partnern-die-phineo-gag
Die Bertelsmann Stiftung "regiert Deutschland mit. Dabei ist sie undemokratisch und dient als Steuersparmodell." meint nicht nur taz-Autor Thomas Schuler: www.taz.de/!56696 .
Also noch mal Punktabzug in Sachen Demokratie. Die brauchen Nachhilfe!

Die Phineo vergibt übrigens ein neues eigenes Spendensiegel, was ja bisher Privileg des DZI war: www.dzi.de
Warum machen die das? Auf ihrer Webseite steht dazu nichts. Das ist intransparent.

Zu den Phineo Förderern gehören Leute und Unternehmen, die an der Umverteilung von Reichtum von unten nach oben beteiligt sind
www.phineo.org/phineo/partner-unterstuetzer
Wir sollten ihnen dringend helfen das zu umzukehren.
Am Besten wärs, die schmeißen alle ihr Privatvermögen in einen Topf und damit beseitigen wir die Inklusionshindernisse.

Inklusion? Ja klar geht das, packen wirs an.

Von Gisela Maubach

"Es diskutieren rund 170 Vertreterinnen und Vertreter aus der Zivilgesellschaft, von Wirtschaftsunternehmen und aus der Politik. Mit dabei die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Verena Bentele, Autor und Schauspieler Dr. Peter Radtke, Kabarettist und Sportler Rainer Schmidt . . . "

Zitat-Ende

Mit dieser Formulierung wird suggeriert, dass Verena Bentele und auch Rainer Schmidt mit-diskutiert hätten. Die Darstellungen der beiden haben die Veranstaltung zwar aufgewertet, aber mit-diskutiert haben beide nicht.

Wie üblich ging es auch bei dieser Veranstaltung um Integration (!) in den ersten Arbeitsmarkt, denn die Teilhabemöglichkeiten von arbeitsUNfähigen Menschen mit Behinderung wurde auch hier wieder nicht (!) thematisiert.

Auch wenn es eine nette Veranstaltung war - geistig scherstbehinderte Menschen hatten keine Chance, dass ihre Ausgrenzung in Gruppen, in denen Schwerstbehinderte unter sich betreut werden, ein Thema gewesen wäre.

38 Prozent der Teilnehmer waren sogar der Meinung, dass man jeden (!) Menschen in Arbeit "inkludieren" könnte.
Immerhin haben im Gegenzug 62 Prozent erkannt, dass es auch Menschen gibt, die wegen ihrer Behinderung eben doch keine Arbeitsleistung erbringen können.

Solange aber mehr als ein Drittel der Teilnehmer die Existenz von arbeitsunfähigen Menschen abstreitet - und solange Ausbildungsplätze für ALLE (!) als Ziel definiert werden, sind wir noch meilenweit vom Weg zu wirklicher Inklusion und einem Bewusstsein für Vielfalt entfernt!

Von Beamtenschreck

Peter Radtke, Mitglied des Deutschen Ethikrats, sprach zu Beginn über "Inklusion – Utopie oder reale Vision? Bereits heute verwirklichte Beispiele beweisen nach seiner Ansicht, dass Inklusion sehr wohl möglich ist, sofern es die Bürgerinnen und Bürger nur wollen.

Manchmal hat man den Eindruck, dass die hohen Gelehrten meinen, dass wir behinderten Menschen uns nur austauschen damit der Tag vergeht. Nein wir tun es, weil wir immer wieder erkennen, dass die ganzen Theoretiker welche sich mit unseren Bedürfnisthemen hervortun und mit unseren Wünschen und Hoffnungen in den Vordergrund rücken, aber bisher wenig überzeugend die Ernsthaftigkeit ihrer Worte mit Taten bekräftigten. Überlegt man sich mal genau, wie viel Geld allein
hier in irreale Arbeitsgruppen und Ideenspender gesteckt wurde,
dann hätte man mit diesen Milliarden schon längst uns, welche von der Theorie geplagt sind, dass ermöglichen können, was die ganzen Schönredner und Illusionisten seit Jahren versprechen. Taten und nur Taten können uns überzeugen, dass die, welche meinen sich unserer Sorgen annehmen zu müssen, es dann aber auch beweisen.

Euer lieber Beamtenschreck

Von Gerti

Neusprech bei kobinet:
"... Es diskutieren rund 170 Vertreterinnen und Vertreter aus der Zivilgesellschaft, von Wirtschaftsunternehmen und aus der Politik ..." und zugleich entlarvend, das schaffen bisher nicht einmal die Gegner_innen des TTIP, Tisa und anderer (handels)politischer Gemeinheiten: ganz offen zu schreiben, dass die Wirtschaft (Wirtschaft, hä, was ist'n das? doch bitte nicht das, was via TTIP und TISA an Zumutungen geboten wird ...) sich offensichtlich fern der Zivilgesellschaft (also auf der Seite von Militär, Gewalt und Kolonisierung von Geist und Physis) angesiedelt und verortet..
Wenn dann noch behauptet wird, DASS sei INKLusion, dann gute / schlechte Nacht.

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