Taubblindenkongress in Potsdam wichtiger Meilenstein

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Kommunikation beim Kongress
Kommunikation beim Kongress
© kobinet/omp

Potsdam (kobinet) Mit einer sehr guten, teils internationalen Mischung von Beiträgen aus Wissenschaft und Praxis fand am vergangenen Wochenende in Potsdam ein zweitägiger Kongress erstmalig in dieser Form und Größenordnung zum Thema Taubblindheit statt. Das Fazit von Irmgard Reichstein, Gründerin der Stiftung Taubblind leben und einer der Organisatorinnen im Oberlinhaus Potsdam: "Der Kongress ist ein weiterer Meilenstein auf dem sehr mühsamen Weg zur Umsetzung gleichberechtigter Teilhabe für taubblinde und hör-/sehbeeinträchtiger Menschen.“

Mit einem dichten Programm wurde der besondere Unterstützungsbedarf taubblinder und hör-/sehbeeinträchtiger Menschen aus wissenschaftlicher und praxisnaher Perspektive beleuchtet. Und es zeigte sich mehr als deutlich: Es braucht sehr konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation dieser Menschen. Nicht nur das Merkzeichen Taubblindheit wurde hierbei in den Fokus genommen, sondern auch das kommende Bundesteilhabegesetz ins Blickfeld gerückt. Hilfebedarfe Taubblinder oder hör-/sehbeeinträchtigter Menschen sind zwar praxisbezogen bekannt, aber zum jetzigen Zeitpunkt in einem ausreichenden wissenschaftlichen Kontext kaum dokumentiert und statistisch erfasst. Behindertenpolitisch und vor dem Hintergrund der derzeit sozialrechtlichen Rahmenbedingungen ist diese Behinderungsart immer noch relativ unsichtbar und die Erscheinungsformen ihrer Beeinträchtigung mit den jeweiligen Hilfebedarfen hat vielfältige Gesichter.

Erfreulich und vor allem beachtenswert: Viele taubblinde und hör-/sehbeeinträchtigte Menschen machten sich auf den Weg nach Potsdam. Wenn sie auch nicht auf der Bühne selbst als Referentinnen oder Referenten standen (allein das macht schon deutlich, inwieweit ihre Teilhabe fortgeschritten ist), trugen sie mit zahlreichen informativen Wortbeiträgen zu nahezu fast jedem Kongressvortrag dazu bei, die Gebiete klar zu benennen, die beackert werden müssen, um ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Botschaften und Forderungen der Betroffenen waren klar, unmissverständlich und wiederholten sich oft: Beteiligt uns an Ausbildung, Wissenschaft, Praxis, Behindertenpolitik. Kurz: Überall dort, wo sie sehr gut ihr Wissen als ExpertInnen in eigener Sache einbringen können. So war auch in diesem Rahmen signifikant auffällig, dass viele Taubblinde und Hör-/Sehbeeinträchtigte trotz hochwertiger und qualifizierter Berufs- und Hochschulausbildungen frühverrentet werden oder nur selten beruflich eigenverantwortlich und gleichberechtigt Fuß fassen können.

Die Betroffenen selbst waren mit einer Vielzahl von Taubblindenassistenten und –assistentinnen bundesweit angereist, um überhaupt gleichberechtigt am Kongress teilnehmen zu können. Die Kosten hierfür wurden im Rahmen der Veranstaltung übernommen, so dass neben vielfältigen technischen Hilfsmitteln und DolmetscherInnen die Inklusion beim Kongress gewährleistet wurde.

Eine Teilnehmerin gab zum Schluss neben ihrer Begeisterung über den Kongress auch ihre Erleichterung zum Ausdruck: "Zum ersten Mal musste ich mir in unbekannter Umgebung keine Gedanken darüber machen, wie ich zur Toilette komme, ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wie ich einigermaßen stressfrei essen kann, obwohl ein Buffet aufgebaut ist und ob ich auch ja alles höre und mitbekomme, wenn die Vorträge gesprochen werden oder ich mich in einer größeren Gruppe unterhalten möchte." Eine Taubblindenassistenz im solchen Umfang hätte sie sich nicht noch zusätzlich leisten können. Und damit unter diesen Umständen schlicht auf die Teilnahme des Kongresses verzichtet.

Zum ersten Mal konnte wirklich jeder Kongressteilnehmer in Pausen oder am Abend nach den Vorträgen selbst aktiv auf Taubblinde zu gehen und sich mit ihnen unterhalten, auch wenn keine Kenntnisse der (taktilen) Gebärdensprache oder die Fähigkeit zum Lormen vorhanden waren. Die besonderen Bedürfnisse an Sprache und Kommunikation stellen hier schon üblicherweise eine Barriere und damit besondere Herausforderung dar. Und neben vielen anderem implizierte genau das exemplarisch auf dem Kongress Leben mit Taubblindheit: Es ist nicht die Beeinträchtigung selbst, die behindert.

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