Alternativen zur Werkstatt auf Tagesordnung

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Praragraphenzeichen
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Bild: Kobinet

Berlin (kobinet) Bei der dritten Sitzung der Arbeitsgruppe Bundesteilhabegesetz steht heute das Thema Arbeit auf der Tagesordnung. Dabei geht es insbesondere auch darum, welche Alternativen für eine möglichst inklusive Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für behinderte Menschen geschaffen werden können, die in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten.

"Mit einer Werkstatt für behindere Menschen ist es zuweilen so, wie bei einer abschüssigen Einbahnstraße mit Glatteis. Man kommt leicht rein, aber fast nicht mehr heraus", so hatte Stefan Göthling, der Geschäftsführer von Mensch zuerst, der selbst viele Jahre in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet hatte, vor einigen Jahren die Situation zusammen gefasst. Und die Zahlen geben ihm recht, denn der eigentliche Auftrag der Integration wird von den Werkstätten nur in einem sehr geringen Umfang erfüllt. Ca. 0,1 Prozent derjenigen, die in einer Werkstatt arbeiten, werden auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Bei über 303.000 behinderten Menschen, die für durchschnittlich 185 Euro pro Monat in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten, betrifft dies viele Menschen - Tendenz jährlich steigend.

Im Rahmen der Schaffung des Bundesteilhabegesetzes wird nun diskutiert, ein Budget für Arbeit bundesweit zu schaffen. Bisher können behinderte Menschen beispielsweise in Rheinland-Pfalz oder Niedersachsen dieses Budget nutzen. Grundprinzip ist dabei, dass das Geld, das bisher in den Werkstätten für behinderte Menschen gezahlt wurde, dem behinderten Menschen folgt und der Arbeitgeber bis zu 70 Prozent Zuschüsse bekommt, wenn der behinderte Mensch sozialversicherungspflichtig und zu einem ortsüblichen Gehalt beschäftigt wird. So bekommen behinderte Menschen den gleichen Lohn, wie zum Beispiel ihre KollegInnen an der Pforte oder in anderen Bereichen. Sie zahlen Steuern und sind sozialversichert. Wenn es nicht klappt, haben sie die Möglichkeit, in die Werkstatt zurückzukehren, sie gehen also kein allzu großes Risiko ein.

Darüber hinaus wird heute bei der Arbeitsgruppensitzung auch darüber diskutiert, inwieweit behinderte Menschen auch in sozialen Organisationen oder bei Arbeitgebern des allgemeinen Arbeitsmarktes die Leistungen in Anspruch nehmen können, die sie in Werkstätten für behinderte Menschen nutzen. Es geht also darum, dass das Geld, das bisher aus der Eingliederungshilfe bzw. der Agentur für Arbeit oder anderer Träger an die Werkstätten für die Beschäftigung eines behinderten Menschen gezahlt wird, also dass dieses Geld auch an einen Arbeitgeber bezahlt werden kann, der den behinderten Mensch beschäftigt. Während die VertreterInnen der Werkstätten dafür plädieren, dass hier entsprechende Qualitätskriterien eingeführt werden, treten eine Reihe von Behindertenverbänden, dass dieser Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt im Sinne der Inklusion so unkompliziert wie möglich gestaltet wird. Das Rückkehrrecht in die Werkstatt bleibe ja bestehen. Zu achten sei hierbei darauf, was sich bisher bereits bei den Außenarbeitsplätzen von Werkstätten für behinderte Menschen zum Teil zeige, dass behinderte Menschen nicht als billige Arbeitskräfte genutzt werden. Daher wäre der weitere Sprung ins Budget für Arbeit auf jeden Fall in Betracht zu ziehen.

Bei den heutigen Beratungen geht es auch darum, ob behinderten Menschen, die bisher in Tagesförderstätten unterstützt werden, die Türen zu anderen Beschäftigungsmöglichkeiten geöffnet werden. Hier ist bisher hauptsächlich die Werkstatt für behinderte Menschen im Blick. Behinderte Menschen und Angehörige fordern jedoch, dass es keine Einbahnstraße in die Werkstatt geben dürfe, sondern dass andere Alternativen und vor allem Beschäftigungsmöglichkeiten im Rahmen des Persönlichen Budgets ermöglicht und offensiv unterstützt werden müssen.

Inwieweit Integrationsfirmen zukünftig besser gefördert werden können, wir ebenfalls Thema sein, wie die Frage, ob an der derzeitigen Ausgleichsabgabe etwas geändert werden soll. Gerade bei den vielen Betrieben, die bisher keine behinderten Menschen beschäftigen wird der Ruf immer lauter, dass hier die Ausgleichsabgabe empfindlich angehoben werden müsste.

Lesermeinungen zu “Alternativen zur Werkstatt auf Tagesordnung” (4)

Von Inge Rosenberger

Sollten sich für meine 31-jährige Tochter die Türen der Tagesförderstätte in Richtung WfbM öffnen, wäre das ganz sicher kein Schritt in Richtung Normalität oder gar Inklusion, sondern ein Sturz in die (bestenfalls) Grundversorgung als "Pflegefall".
Reichen denn die Erfahrungsberichte von Frau Maubach und anderen noch nicht aus, um die Risiken für behinderte Menschen, die durch Art und Schwere ihrer Behinderung keine wirtschaftlich verwertbare Leistung erbringen können, deutlich zu machen?
Welche tatsächlichen Argumente gibt es, um diese miserablen Zustände als erstrebenswert darzustellen?
Diese irrationale Gleichschaltung kann - zumindest unter den angebotenen Voraussetzungen - nur eine neuartige Selektion erzeugen.

Von Gisela Maubach

Zitat aus dem Beitrag:

"Während die VertreterInnen der Werkstätten dafür plädieren, dass hier entsprechende Qualitätskriterien eingeführt werden, . . . "

Es ist schon erstaunlich, dass außerhalb der Werkstätten Qualitätskriterien verlangt werden, während innerhalb einer Werkstatt die Qualität offensichtlich als ausreichend angesehen wird, wenn 12 bis 13 Menschen mit geistiger Schwerstbehinderung gemeinsam in einem Raum untergebracht werden.
Welche "Qualitätskriterien" können denn erfüllt sein, wenn so viele Menschen zusammengefasst werden, die sich weder gemeinsam beschäftigen noch miteinander kommunizieren können?
Man muss kein Fachmann/frau sein, um beim ersten Blick zu erkennen, dass bei so großen Gruppen das Einhalten von (theoretischen) Qualitätskriterien gar nicht möglich ist, weil das Minimum an Personal ständig bis an die Grenzen der Belastbarkeit damit beschäftigt ist, neben der Deckung der einzelnen Grundbedürfnisse (füttern, Windern wechseln usw) das Aggressionspotential, das bei so einer Gruppenkonstellation völlig normal ist, in erträgliche Bahnen zu lenken.

Deshalb fällt mir bei der Forderung von Qualitätskriterien eigentlich nur ein:

Ansprüche, die man an andere stellt, sollte man grundsätzlich auch selbst erfüllen, und eine zweistellige Anzahl von geistig schwerstbehinderten Menschen in einem Raum kann von vornherein nicht qualitätsgesichert betreut und individuell beschäftigt werden!

Von Susanne v.E

Mit großer Freude lese ich, dass es bei den heutigen Beratungen auch um die arbeitsunfähigen Behinderten geht, die in NRW bereits jetzt schon ausschließlich in Werkstätten untergebracht sind.
Sehr verwundert lese ich:
"Bei den heutigen Beratungen geht es auch darum, ob behinderten Menschen, die bisher in Tagesförderstätten unterstützt werden, die Türen zu anderen Beschäftigungsmöglichkeiten geöffnet werden. Hier ist bisher hauptsächlich die Werkstatt für behinderte Menschen im Blick".
Da klingt ja fast so, als würde es bereits eine Alternative zu der Unterbringung in den Werkstätten geben, wenn "die Türen derTagesförderstätten zu anderen Beschäftigungsmöglichkeiten geöffnet werden" . Das ist aber nicht so. Richtig müsste es folglich heißen: ..... Hier ist bisher nur! die Werkstatt für behinderte Menschen im Blick. In NRW ist diese Einbahnstraße bereits sehr fest einzementiert.
Immerhein birgt das Wörtchen "bisher" eine Hoffnungsschimmer darauf, dass der Blick sich weiten möge.

Von Sabine Fichmann

In Einzelfällen können (beispielsweise bei Ausbildung eines schwerbehinderten Menschen) sogar 100% Zuschuss incl. Sozialversicherungsbeiträge an den Arbeitgeber gezahlt werden!

0,1 Prozent Vermittlung aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt lässt bei mir die Vermutung aufkommen, dass die Werkstätten an einer Vermittlung gar nicht sooooo interessiert sind.....Mag es am Gelde liegen? Waren das die "Qualitätskriterien" der Werkstätten?

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