Silvia Mayer wirbt für Ex-In-Ausbildung

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Silvia Mayer
Silvia Mayer
© Silvia Mayer

Kaiserslautern (kobinet) Silvia Mayer ist eine von über 30 InklusionsbotschafterInnen, die sich im Rahmen eines von der Aktion Mensch unterstützten und von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) für einen konsequenten Weg zur Inklusion stark machen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Silvia Mayer aus Kaiserslautern, die sich als Inklusionsbotschafterin u.a. für die Anerkennung der Ex-In Ausbildung einsetzt, um die Unterstützung von Betroffenen durch Betroffene mit psychischen Beeinträchtigungen zu fördern. 

kobinet-nachrichten: Als Inklusionsbotschafterin setzen Sie sich dafür ein, dass die Ex-In-Ausbildung für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen bekannter und anerkannter wird. Was ist die Ex-In-Ausbildung genau und was machen Sie dort?

Silvia Mayer: 2005 – 2007 fand unter Beteiligung der Länder Norwegen, Schweden, England, Slowenien, Niederlande und Deutschland ein europäisches Pilotprojekt statt, gefördert aus dem Programm "Leonardo da Vinci". Dort wurden von Fachkräften, Wissenschaftlern, Psychiatrie-Erfahrenen Fragen zur alternativen Psychiatrie erforscht. Es gab einen Erfahrungsaustausch, dessen Ergebnis die Entwicklung des Weiterbildungslehrganges für Menschen mit Psychiatrieerfahrung war, das Ex-In Curriculum.

kobinet-nachrichten: Was sind die wichtigsten Grundsätze dieses Curriculums?

Silvia Mayer: Die Grundsätze des Ex-In Curriculums sind: 1. Jeder Mensch hat das Potential zur Genesung. 2. Jeder Mensch kann grundsätzlich eigenverantwortlich handeln und 3. autonome Entscheidungen über entsprechende Hilfeformen treffen. Psychiatrieerfahrene Menschen werden auf dieser Grundlage seit 2008 deutschlandweit im Rahmen einer systematischen Peer-Ausbildung, an derzeit 28 Standorten in Deutschland qualifiziert. Die Inhalte sind an allen Standorten gleich, umfassen 300 Stunden und zwei Praktika sowie die Erstellung eines Portfolio, eines Eigenreferates und einer Präsentation. Im Grundkurs liegt der Schwerpunkt auf der Reflektion der persönlichen Geschichte, im Aufbaukurs werden die TeilnehmerInnen mehr und mehr zu ErfahrenenexpertInnen.

kobinet-nachrichten: Was sind weitere Inhalte?

Silvia Mayer: Es geht um Psychiatrie auf "Augenhöhe" und darum, dass Inklusion auch in die Psychiatrie gehört. Es geht um Beraten und Begleiten Betroffener auf ihrem Genesungsweg, das psychiatrische Versorgungssystem, als ExpertIn durch Erfahrung zu stärken und um Aufklärung Nicht-Betroffener, sei es in Fachkreisen oder in der breiten Öffentlichkeit.

kobinet-nachrichten: Was haben Sie persönlich aus Ihrer bisherigen Teilnahme an der Ausbildung gelernt und für sich mitgenommen?

Silvia Mayer: "Der Weg ist das Ziel", wie Konfuzius sagte. Es wird immer Stolpersteine im Leben geben, kleine und große Krisen, die gab es bei mir ebenso und wird es auch immer geben. Es ist daher das Thema Resilienz, das mich sehr beschäftigt. Die Widerstandsfähigkeit, wie gehe ich damit um? Kann ich auf meine Ressourcen zurückgreifen, meine Stärken, meine Fähigkeiten, wie steht es mit meiner Selbstfürsorge, der Psychohygiene? Prof. Dr. Jutta Heller spricht von sieben Schlüsseln der Resilienz, Akzeptanz (vorbei ist vorbei, Annehmen was passiert ist, denn es kann nicht rückgängig gemacht werden), Optimismus (Vertrauen darauf, dass es besser wird. Don´t worry be happy), Selbstwirksamkeit (achten auf die eigenen Bedürfnisse, den eigenen Weg gehen), Eigenverantwortung (verlassen der Opferrolle, auf sich achten und auf die Leistungsgrenzen), Netzwerkorientierung (nicht zu lange warten, Unterstützung suchen und Hilfe und die Hilfe annehmen), Lösungsorientierung (aktiv werden, Wünsche für das eigene Leben entdecken), Zukunftsorientierung (das eigene Leben planen, Ziele setzen und diese realisieren).

Dies kann trainiert werden und einen zu einem Stehauf-Männchen werden lassen. Aus dem eigenen zurückgelegten Recoveryweg oder dem zweiten oder dem dritten, aus diesem Kraft schöpfen, Zuversicht, Vertrauen, sich dadurch wieder zu empowern, gegebenenfalls mit Unterstützung, das ist Resilienz und jeder von uns hat schon kleinere und größere Recoverywege beschritten. Es gilt sie nur in Erinnerung zu rufen. Die Lösung liegt in jedem selbst.

kobinet-nachrichten: Wie schätzen Sie die Möglichkeiten ein, dass Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen andere Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen gezielt beraten und unterstützen können?

Silvia Mayer: Das Potential ehemals betroffener Menschen zu aktivieren und erfolgreich einzusetzen zur Genesung derzeit Erkrankter ist von so enorm hohem Wert. Wer weiß besser, wie es ist, Stimmen zu hören, eine tiefe Traurigkeit und innere Leere zu spüren, Ängste zu haben, als Menschen, die es selbst erfahren haben. Es gilt die individuellen, sozialen und familiären Ressourcen sensibler wahrzunehmen, darum, sich selbst zu verstehen. Psychiatrie-Erfahrene verfügen über ein großes Wissen über unterstützende Haltungen, Methoden und Strukturen, das bisher kaum in die bestehende Versorgung einfließt. Das "ExpertInnenwissen aus Erfahrung" trägt vielfältig für mehr Verständnis, mehr Wissen über genesungsfördernde Faktoren und besseren innovativen Angeboten in der Psychiatrie bei und führt letztlich, hoffentlich, zu neueren Entwicklungen und Methoden in den Fachkräfteausbildungen.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich im Hinblick auf die Ex-In-Ausbildung wünschen?

Silvia Mayer: Dass Ex-In GenesungsbegleiterInnen ein staatlich anerkannter Beruf ist und wir Ex-In GenesungsbegleiterInnen einen festen Stellenschlüssel in jeder amublanten / stationären Einrichtung erhalten.

kobinet-nachrichten: Was sind Ihre nächsten Ziele als Inklusionsbotschafterin?

Silvia Mayer: Die Gründung des Vereins Mein Seelentröpfchen, dessen Eintragung ins Vereinsregister und die Anerkennung der Gemeinnützigkeit. Wir begleiten und beraten psychisch / psychiatrisch Erkrankte nach dem Prinzip des Peer-Support, um sie in ihrem Bestreben, gleichberechtigt am Leben der Gesellschaft, unbehelligt von Vorurteilen, leben und teilnehmen zu können, sowie deren Angehörige. Die Öffentlichkeitsarbeit der Ex-In GenesungsbegleiterInnen sowie deren Anerkennung zu unterstützen und den Ausbau des Trialoges vor Ort zu fördern, sind weitere Ziele, die ich als InklusionsbotschafterIn verfolge.

Link zum Porträt von Silvia Mayer für das InklusionsbotschafterInnenprojekt