Jammerstunde löste Klagewelle aus

Veröffentlicht am von Christian Mayer

Bild von der Jammerstunde
Bild von der Jammerstunde
Bild: Gisela Hermes

Kassel (kobinet) Die von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) in Kassel durchgeführte "Jammerstunde" löste nicht nur eine symbolische Klagewelle aus, sondern zeigte auf, dass es weniger die behinderungsbedingten Einschränkungen sind, die Anlass zum "Jammern" geben, sondern vielmehr die noch vielfältig vorhandenen Benachteiligungen, die beklagenswert sind.

Ottmar Miles-Paul, der die "Jammerstunde mit Klagewelle" im freiRAUM des Kasseler Zentrums für selbstbestimmtes Leben moderierte, machte zu Beginn deutlich, dass es viele behinderte Menschen nervt, wenn gerade in der Vorweihnachtszeit Spendenwerbung auf zum Teil übelster Mitleidsbasis für Angebote der "Behindertenhilfe" gemacht wird, die äußerst wenig mit den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention für ein selbstbestimmtes und inklusives Leben zu tun haben. Dies sei auch der Anlass für die "spaßige" Aktion. "Gerade in dieser Zeit müssen wir besonders stark sein, denn wenn wir nicht zuletzt aufgrund der Mitleidswerbung immer wieder hören müssen, dass man so nicht leben möchte, dass man sich die Kugel geben würde, wenn man im Rollstuhl sitzt oder blind wird, finden wir uns immer wieder in der Rechtfertigungssituation, betonen zu müssen, dass ein Leben mit Behinderung auch viel Positives hat. Deshalb sei der freiRAUM einmal gut, so richtig "jammern" zu dürfen.

Schnell wurde jedoch in der "Jammerstunde" klar, dass die genannten Beispiele meist mit Benachteiligungen wie bei der Nutzung des öffentlichen Personenverkehrs, bei fehlenden akustischen Ampeln, bei den fehlenden Behindertentoiletten in Kneipen, bei der Mühsamkeit, Veränderungen zu bewirken und bei den bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen liegen. Es sei wesentlich leichter in ein sogenanntes Heim zu gehen oder in einer Werkstatt für behinderte Menschen zu arbeiten, als die Unterstützung zu bekommen, die man braucht, um in der eigenen Wohnung leben oder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten zu können. Auch wurde mit Blick auf das angekündigte Bundesteilhabegesetz beklagt, dass die Anrechnung des Einkommens und Vermögens auf Leistungen für behinderte Menschen diese arm mache. Vor allem nerve total, dass vor so vielen Kneipen und Geschäften Stufen seine, die sich leicht durch Rampen überwinden ließen. Das seien beklagenswerte Zustände, waren sich die TeilnehmerInnen der "Jammerstunde" einig und initiierten zum Abschluss eine Klagewelle, die sich an die weitbekannte Laola-Welle anlehnte. Ottmar Miles-Paul kündigte an, dass es nicht beim Jammern bliebe und im nächsten Jahr ein Treffen gibt, bei dem beraten wird, wer konkret was tun kann, dass man im nächsten Jahr keine Jammerstunde und hoffentlich auch keine Mitleidsspendenwerbung mehr braucht. Die symbolisch von Ottmar Miles-Paul überreichten Almosen in Form von Schokotalern, Marsriegeln, Smarties als Tablettenersatz etc. sollen die richtige Stärkung geben, um gut durch die mitleidsgeprägte Vorweihnachtszeit zu kommen.

Bereits bei der 1100 Jahr-Feier der Stadt Kassel hat sich der Träger des Kasseler Zentrums für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, der Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab), am Festumzug unter dem Motto "Rechte statt Mitleid" beteiligt und die Entwicklung des Bewusstseins und der Rahmenbedingungen für behinderte Menschen deutlich gemacht. Vorne in der Gruppe hatten sich behinderte Menschen in Säcke gekleidet und um Almosen gebettelt, während von hinten von selbstbewussten behinderten Menschen "Rechte statt Almosen" gerufen wurde. Die Aktion hat so manche Bürgerinnen und Bürger verunsichert und zum Nachdenken angeregt, denn sie waren wirklich nah dran, "eine milde Gabe" zu geben.

Die "Jammerstunde mit Klagewelle" zielte darauf ab, dafür zu werben, dass die Menschenrechte behinderter Menschen unterstützt werden, anstatt durch Spenden die Aussonderung behinderter Menschen zu fördern. "Gegen Spenden ist nichts einzuwenden - ganz im Gegenteil. Die Leute sollten sich aber ernsthaft überlegen, was sie damit genau unterstützen. Die Förderung von gesellschaftlichen Veränderungen damit behinderte Menschen aus dem Bettelstadium heraus kommen und ihre Assistenz und Unterstützung selbstverständlich finanziert bekommen, ist ein effektiverer Einsatz als das weit verbreitete Almosen- und Aussonderungsdenken zu fördern", so Ottmar Miles-Paul.

Christiane Link hat die Kasseler Aktion in ihrem Blog in ZEIT ONLINE Stufenlos aufgegriffen und einen Beitrag zum weihnachtlichen Mitleid veröffentlicht

Link zu einem Beispiel einer Spendenwerbung für ein neues Heim

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