Selbstvertretung muss gestärkt werden

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Stefan Göthling am Telefon
Stefan Göthling am Telefon
© kobinet/omp

Kassel (kobinet) Der Geschäftsführer von Mensch zuerst, dem bundesweiten Netzwerk von Menschen mit Lernschwierigkeiten, Stefan Göthling, blickt trotz vielfältiger Herausforderungen zuversichtlich ins neue Jahr. Im Gespräch mit den kobinet-nachrichten machte der seit vielen Jahren für die Interessen von Menschen mit Lernschwierigkeiten aktive Leinefelder deutlich, wie wichtig es ist, dass in Deutschland die Selbstvertretung behinderter Menschen endlich angemessen gefördert wird.

"Als Menschen mit Lernschwierigkeiten werden wir uns auch in diesem Jahr dafür einsetzen, dass wir in politische Entscheidungsprozesse verstärkt einbezogen werden und mehr selbst bestimmen können, wie wir leben wollen und welche Unterstützung für uns die beste ist", erklärte Stefan Göthling. Ein deutlich Zeichen, wie groß der Wille zum Engagement von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Sachen Selbstvertretung ist, war für Stefan Göthling die Tatsache, dass die vom 4. - 6. März stattfindende Tagung von Mensch zuerst unter dem Motto "Mut zur Inklusion machen" innerhalb kürzester Zeit ausgebucht war. "Gerade Menschen mit Lernschwierigkeiten, die oft bevormundet und fremdbestimmt werden, brauchen den Austausch mit anderen Betroffenen, um Kraft für eigene Veränderungen zu schöpfen", weiß Stefan Göthling.

Daher ist für Mensch zuerst klar, dass es endlich eine gute Grundfinanzierung für Selbstvertretungsverbände geben muss. "Denn unsere Mitglieder leben am Existenzminimum. In Werkstätten für behinderte Menschen verdienen sie durchschnittlich ca. 190 Euro im Monat und selbst wenn sie etwas sparen könnten, sind sie von der Anrechnung des Einkommens und Vermögens betroffen. Sie bleiben also lebenslänglich arm, so dass wir nur geringe Mitglieds- und Tagungsbeiträge nehmen können." Wenn Mensch zuerst also Projekte durchführt, ist es für den Verein nicht einfach, die Restmittel aufzubringen. Hier erhofft sich Stefan Göthling gerade vom Bundesbehindertengleichstellungsgesetz, dass eine Förderung von Selbstvertretungsorganisationen eine deutliche Verbesserung für die Verbände bringt, in denen behinderte Menschen selbst die zentrale Rolle spielen. "Deshalb sind wir u.a. auch der LIGA der Selbstvertretungsorganisationen beigetreten, um deren Lobby zu stärken.

Vom Bundesteilhabegesetz erhofft sich Stefan Göthling nicht nur, dass dies auch dieses Jahr verabschiedet wird, sondern vor allem, dass es behinderten Menschen, die bisher noch in Einrichtungen leben oder in Werkstätten arbeiten müssen, endlich die Türen zu einer inklusiven Gesellschaft öffnet. "Bei den Sondereinrichtungen ist es wie bei einer abschüssigen Straße mit Glatteis. Man kommt leicht rein, aber nur schwer wieder raus. Das muss endlich im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention umgedreht werden", erklärte Stefan Göthling im Gespräch mit den kobinet-nachrichten.