Ausführliche Antwort der Bahn

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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© Kobinet

Frankfurt am Main (kobinet) Jan Krech aus Potsdam hatte zu Beginn des Jahres erstmals die Möglichkeit den InterCity 2 in der Praxis zu testen. Seine nicht nur schönen Erfahrungen schilderte Jan Krech in einem Bericht nicht nur den kobinet-nachrichten, sondern schickte er auch an Ellen Engel-Kuhn, der Leiterin der Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten der Deutschen Bahn. Nun hat Jan Krech eine ausführliche Antwort bekommen, die wir angesichts der regen LeserInnen-Diskussion zum Thema im folgenden veröffentlichen: 

Antwort von Ellen Engel-Kuhn von der Deutschen Bahn

Vielen Dank für Ihre Schilderungen vom 09. Januar 2016 zu Ihren Reisen am 01. und 03. Januar 2016 mit dem Intercity 2. Bitte entschuldigen Sie meine urlaubsbedingt verspätete Rückantwort.

Ihre Eindrücke sind für uns sehr wichtig und wir werden uns dafür einsetzen, die bestehenden negativen Aspekte dieses neuen Zugsystems, sofern möglich, zu beheben bzw. bei weiteren Bauserien zu berücksichtigen.
Ich habe die beteiligten Fachbereiche bereits entsprechend informiert und möchte Ihnen auf Basis der Rückmeldungen antworten.

Allgemeines:

Der Intercity 2 muss drei verschiedene Bahnsteighöhen bedienen können, da er - im Gegensatz zum ICE - auch kleinere Städte und touristische Zielgebiete anbindet, die über niedrige Bahnsteige mit 38 oder 55 cm Höhe verfügen. Trotz zahlreicher bereits realisierter und im weiteren noch geplanter Bahnhofsmodernisierungen werden wir auf absehbare Zeit nicht alle für unser heutiges und künftig sogar ausgeweitetes Intercity-Netz notwendigen Fernverkehrsbahnsteige auf die einheitliche Höhe von 76 cm bringen können, wie das bei ICE-Bahnhöfen heute üblich ist. Insofern können wir das künftig weiter in die Fläche ausgeweitete IC-Netz nur mit Fahrzeugen bedienen, bei denen unsere Reisenden mit allen Bahnsteighöhen bestmöglich zurechtkommen. Dies ist beim Intercity 2 - im Gegensatz zu vielen anderen heutigen Nah- und Fernverkehrszügen – der Fall.

Derzeit ist kein Fahrzeugkonzept von der Bahnindustrie lieferbar, welches optimale Bedingungen für Rollstuhlfahrer an allen in Deutschland gängigen Bahnsteighöhen bieten würde. In aller Regel werden Fahrzeuge entweder auf eine Bahnsteighöhe hin optimiert und können andere Bahnsteighöhen gar nicht bedienen oder es bleibt ein Kompromiss für verschiedene Bahnsteighöhen.

Der Intercity 2 ist bei der im vorgesehenen Einsatzfeld durchaus häufig anzutreffenden Bahnsteighöhe von 55 cm für Rollstuhlfahrer optimal. Aufgrund der im Steuerwagen vorhandenen Schiebetritte ist hier die schnelle Zugänglichkeit für Rollstuhlfahrer ohne weitere Hilfsmittel gewährleistet, wobei unser Bordpersonal bei Kundenwunsch natürlich gerne unterstützt. Für sonstige Bahnsteighöhen von 76 cm und 38 cm ist eine Lösung mittels Rampe vorgesehen. Weil die ergänzende Rampe im Zug mitgeführt und vom Bordpersonal angelegt wird, verbessert auch diese Lösung Bahnreisen für Rollstuhlfahrer erheblich im Vergleich zum heutigen Prozess mit notwendigem Einsatz bahnsteigseitiger Hilfeleistungen. Insofern werden Rollstuhlfahrer im Flächennetz künftig bei Halten an sonst stufenfrei zugänglichen Stationen nicht mehr auf das Vorhandensein von stationärem Personal angewiesen sein.

Die Länge der Rampe erschwert zweifellos die Handhabung, ist aber, orientiert an den rechtlich zulässigen Neigungen, konstruiert worden. Uns ist bekannt, dass viele Rollstuhlnutzer auch eine geringfügig steilere Rampe problemlos befahren können. Entscheidend ist jedoch, dass eine Fahrzeugzulassung von der Einhaltung aller normativen Vorgaben abhängig ist. Auch sind wir der Auffassung, dass die auf den ersten Blick etwas umständlich wirkende Rampenlösung - gerade im Vergleich zu Bahnsteighubliften und in Fahrzeugen integrierten automatischen Hubliften - tatsächlich eine sehr einfache und zuverlässige Lösung ist, die sich von unserem Personal schneller bedienen lässt.

Leider gibt es bei der Konzeption der Universaltoilette und des Zugangs hierzu immer Zielkonflikte:

  • Zum einen sollen die Wege zum WC sehr kurz und ohne Engstellen und größerem Rangieren erreichbar sein.
  • Zum anderen soll der Innenraum des WC`s großzügig bemessen sein, um auch mit größeren Rollstühlen im WC wenden zu können.

Dies sind immer wieder von Behindertenverbänden zu Recht eingeforderte Anforderungen, die wir beim Intercity 2 sehr gut gelöst haben. Andererseits wäre es natürlich auch wünschenswert, dass die WC-Tür nicht zum Fahrgastbereich hin ausgerichtet ist. Bei der im Intercity 2 gewählten - sehr großzügig bemessenen - WC-Zelle ist eine Vorbeifahrt durch den Seitengang mit großen Elektrorollstühlen nicht möglich. Daher ist eine Lösung, die WC-Tür auf die andere Seite des WCs zu verlagern, leider nicht realisierbar.

Dass der Türschalter nicht optimal zu erreichen ist, haben wir beim Test des Zuges mit den Behindertendachverbänden schon zurückgemeldet bekommen. Wir werden hierzu gemeinsam mit dem Hersteller für die nächste Bauserie von Intercity 2-Zügen eine bessere Lösung erarbeiten. Auch werden wir die Anzahl der Steckdosen im Rollstuhlbereich in der nächsten Bauserie erhöhen.

Die Funktionsstörungen bei der Fahrgastinformation sind leider auf einen Softwarefehler zurückzuführen. Wir arbeiten - zusammen mit dem Hersteller - mit Hochdruck an der Beseitigung dieses Mangels. Da neue Züge keine Langzeittests im realen Betrieb durchlaufen können, ist diese gravierende Störung vor dem Fahrpanwechsel bedauerlicherweise nicht behebbar gewesen.

Zur konkreten Reise:

Ich bedauere sehr, dass dem Zugpersonal Ihre Mitfahrt nicht rechtzeitig bekannt war. Die Mobilitätsservice-Zentrale hat beide Reisen vorgemeldet. Die Prüfung, ob hier ein technischer Fehler oder organisatorische Schwierigkeiten vorlagen, ist noch nicht abgeschlossen. Wir werden dies in jedem Fall aufklären, damit die Mitarbeiter vorab wissen, dass eine Ein-/Ausstiegshilfe zu leisten ist. Dies liegt nicht nur im Interesse der Kunden, sondern auch der Mitarbeiter im Zug.

Alle Zugbegleiter, die im Intercity 2 eingesetzt werden, wurden bezüglich der Bedienung der Rampe geschult. Dass unsere Kollegen auf den neuen Zügen in den ersten Betriebstagen noch nicht über die wünschenswerte Routine verfügten, bitten wir zu entschuldigen.

Ihre Darstellung zur Bemühung unserer Mitarbeiter, einen geeigneten Anschlusszug in Hannover für Sie zu finden, wurden von diesen bestätigt. Ich bedauere, dass diese Bemühungen nicht erfolgreich waren.

Der Ausfall der Universaltoilette erfolgte erst während der Zugfahrt, so dass unsere Mitarbeiter Sie leider vor Ihrem Zustieg hierüber noch nicht informieren konnten. Die Schadensmeldung wurde dann vor Hannover durch den Kollegen, der Sie betreute, vorgenommen.

Wie Sie sicher informiert wurden, gab es witterungsbedingte Zugausfälle und der von Ihnen genutzte IC 2431 war nach mehreren Stunden der erste Zug in Richtung Hannover. Daher war dieser Zug sehr stark besetzt. Es ist nachvollziehbar, dass der Mitarbeiter, der den gastronomischen Service durchführte, vor Hannover nicht bis zu Ihrem Platz gekommen war.

Selbstverständlich haben wir großes Verständnis dafür, dass Sie die erlebten Komfortmängel als äußerst ärgerlich empfunden haben, und möchten uns hierfür auch bei Ihnen entschuldigen. Als kleinen Ausgleich senden wir Ihnen auf dem Postweg einen Reisegutschein in Höhe von 30 EUR und hoffen, dass Sie bald bessere Erfahrungen mit unseren neuen Zügen machen werden.

Ich hoffe, Ihre Fragen ausreichend beantwortet zu haben, ansonsten stehe ich für Rückfragen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Ellen Engel-Kuhn
Geschäftsentwicklung und Kundenmanagement After Sales - P.DVE (M)
Mobilitätseingeschränkte Reisende
Leiterin Kontaktstelle für Behindertenangelegenheiten

Lesermeinungen zu “Ausführliche Antwort der Bahn” (1)

Von Ellen Herrmann

Liebe Kobinet-Leser,
habt ihr das gelesen? Habt Ihr verstanden was hier steht?. Frau Engel-Kuhn gibt hier eine ausführliche Bankrotterklärung der Deutschen Bahn bezüglich der Barrierefreiheit ihrer technischen Anlagen insbesondere der IC's zu verstehen.:
- Es wird nicht gelingen „auf absehbare Zeit alle für unser heutiges und künftig… ausgeweitetes IC-Netz notwendigen Fernverkehrsbahnsteige auf die einheitliche Höhe von 76 cm zu bringen“
- Die Funktionsstörung bei der Fahrgastinformation war ein Softwarefehler…. Ein Hoch auf die moderne Elektronik
- Die Mobilitätszentrale funktioniert eben nicht immer…. Wozu ist sie denn dann da?
- Was hat der mobilitätsbehinderte Fahrgast von ihrem Bedauern über erfolglose Bemühungen um einen Anschlusszug? Er steht hilflos auf dem Bahnsteig.
- Nicht eingewiesenes Personal mit den Rampen eine Ausnahme? Na eher die Regel.
- Dass die Züge der DB nicht wetterfest sind, ist mittlerweile bekannt. Ist das ein Grund, einen behinderten Fahrgast, der schon genug Unannehmlichkeiten hinnehmen muss, nicht erst recht zu bedienen?
- 30 Euro Gutschein ? Schämen die sich nicht ? Fehlt da nicht mindestens eine Null ?
O.k. wenn das alles nicht für mobilitätsbehinderte Menschen benutzbar gemacht werden kann, dann frage ich die Politik einfach mal, wie wollt ihr uns unser Recht auf Mobilität gemäß der UN BRK gewährleisten ? Wollt ihr das überhaupt ? Schafft ihr das?
Ellen Herrmann

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