Kein Kommentar und eine Kündigung

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Daumen runter
Daumen runter
© kobinet/omp

Essen (kobinet) Wolfgang Wagner kam als Neunjähriger 1968 mit der nicht nachvollziehbaren Diagnose Schwachsinn ins Franz Sales Haus in Essen, einer großen Behinderteneinrichtung, der im gestirgen Bericht von Frontal 21 im Hinblick auf Medikamententests an Jugendlichen schwere Vorwürfe gemacht wurden. Die Reaktion der katholischen Einrichtung: Kein Kommentar und eine Nichtverlängerung des Arbeitsvertrages von Wolfgang Wagner nach den Dreharbeiten. Er hatte es gewagt, vor der Kamera von seinen Erfahrungen zu berichten.

Der bewegende Frontal 21 Bericht machte anhand persönlicher Berichte und eingehender Recherchen deutlich, welche Menschenrechtsverletzungen bis in die 70er Jahre in Form von Medikamententests an Jugendlichen Hand in Hand mit Nazi-Ärzten und Pharmafirmen in Einrichtungen begangen wurden. Der Bericht macht aber auch deutlich, dass viele Betroffene heute immer noch keine adäquate Entschädigung, geschweige denn Entschuldigung für das große Leid und die Nachwirkungen, die sie heute noch durchleben, erhalten. Das ist genauso skandalös und unverständlich, wie die Reaktion des Franz Sales Hauses auf den Bericht. Nicht nur, dass die Einrichtung ein Interview mit der Begründung, Historiker hätten den damaligen Medikamenteneinsatz in der Einrichtung ausreichend aufgearbeitet und neue Erkenntnisse lägen nicht vor, ablehnte, so wurde auch der Arbeitsvertrag von Wolfgang Wagner, der als Gärtner in der Einrichtung arbeitete, wenige Tage nach den Dreharbeiten nicht verlängert.

"Willkommen im Franz Sales Haus! Menschen mit geistigen Behinderungen stehen im katholischen Franz Sales Haus in Essen im Mittelpunkt - daran hat sich seit der Gründung im Jahr 1884 nichts geändert. Gewandelt hat sich jedoch der Umgang mit Menschen, die besonderer Unterstützung bedürfen. Ihnen bietet das Franz Sales Haus unter einem Dach Begleitung, Assistenz und Förderung in allen Lebensbereichen an", heißt es auf der Internetseite des Franz Sales Hauses". Dabei kann sich angesichts des Fernsehbeitrages jede und jeder seinen Teil denken.

Die Betroffenen, die Unrecht und Leid in Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien erleben mussten, blicken nun gespannt auf eine weitere Anhörung in Sachen Heimfonds II am 11. Februar und hoffen, dass nun endlich die lange überfällige Anerkennung ihres Leids mit einer entsprechend fairen finanziellen Entschädigungen vom Bund, Ländern und Kirchen kommt.

Richtigstellung des Franz Sales Hauses

Link zum Fernsehbericht zu Medikamententests an Jugendlichen in den 50er, 60er und 70er Jahren in Frontal 21

Link zum Franz Sales Haus in Essen

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