Anhaltend hohe Armut

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Titel des Armutsberichts 2016
Titel des Armutsberichts 2016
© Paritätischer

Berlin (kobinet) Ein Verharren der Armutsquote in Deutschland auf hohem Niveau beklagt der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem aktuellen Armutsbericht, der heute erstmals in erweiterter Form und unter Mitwirkung weiterer Verbände und Fachorganisationen erschienen ist. Während in neun Bundesländern die
Armutsquoten 2014 gesunken seien, belegt der Bericht einen Anstieg der Armut in den bevölkerungsreichen Bundesländern Bayern und Nordrhein-Westfalen. Hauptrisikogruppen seien Alleinerziehende und Erwerbslose sowie Rentnerinnen und Rentner, deren Armutsquote erstmals über dem Durchschnitt liege.

Die Herausgeber sehen daher auch keinerlei Anlass zur Entwarnung und fordern von der Bundesregierung einen sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel, um dringend notwendige Maßnahmen zur Armutsbekämpfung auf den Weg zu bringen.

Das gute Wirtschaftsjahr 2014 habe zu keinem nennenswerten Rückgang der Armutsquote in Deutschland geführt. Die Armut verharre mit 15,4 Prozent auf hohem Niveau, so der Bericht. Die Armutsquote sei zwar von 2013 auf 2014 um 0,1 Prozentpunkte gesunken. Ob der Negativtrend seit 2006, als die Armutsquote noch 14 Prozent betrug, damit gestoppt sei, sei jedoch offen.

Während es insbesondere in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern signifikante Rückgänge der Armutsquoten gegeben habe, setze sich der Negativtrend in Nordrhein-Westfalen ungebrochen fort. Das Ruhrgebiet bleibe mit Blick auf Bevölkerungsdichte und Trend die armutspolitische Problemregion Nummer Eins in Deutschland. Seit 2006 sei die Armutsquote im Ruhrgebiet um 27 Prozent angestiegen auf einen neuen Höchststand von 20 Prozent. Die am stärksten von Armut betroffenen Gruppen sind nach dem Bericht Erwerbslose (58 %).
Auch die Kinderarmutsquote (19 %) liegt nach wie vor deutlich über dem Durchschnitt, wobei die Hälfte der armen Kinder in Haushalten Alleinerziehender lebt. Die Armutsquote Alleinerziehender liegt bei sogar
42 %, was u.a. an systematischen familien- und sozialpolitischen Unterlassungen liegt. Alarmierend sei die Entwicklung insbesondere bei Rentnerhaushalten. Erstmalig seien sie mit 15,6 Prozent überdurchschnittlich von Armut betroffen. Die Quote der altersarmen Rentnerinnen und Rentner sei seit 2005 um 46 Prozent und damit so stark angewachsen wie bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe.

Lesermeinungen zu “Anhaltend hohe Armut” (8)

Von XYungeloest

Wenn am ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist?

Man kann es sehen wie man will und auch darüber diskutieren, allein den Gürtel enger zu schnallen, auf dass eine oder andere zu verzichten und was man da so an gelegentlichen Weisheiten vernimmt, ist für mich eine riesige Schande dieser Gesellschaft. Auch die kleinen Freuden des Lebens sollten endlich zur Würde des Menschen gehören, denn gelebte Würde ist immer der Balsam für die Seele, nur wir vergessen es zu oft. Nicht jeden Genuss und auch das geliebte Hobby sollte uns am mangelnden Geld vermiest sein, sondern vielleicht in etwas reduzierter Form mit der gegebenen Möglichkeit und aktuellen Situation auch weiterhin dass zu ermöglichen, was vielleicht mal selbstverständlich war. Der Gedanke an die Zukunft mag nicht verkehrt sein, aber wir leben heute und wissen nicht, was die Politik in einigen Jahren uns erneut beschert, konnten wir uns doch in den letzten 3 Jahren wieder von so einigem überzeugen. Man stopfte ein Loch und ein anderes wurde aufgerissen, indem man mit Findigkeit und neuen Lösungen, Veränderungen vortäuschte, welche aber nur dem erhalt des alten Systems dienten.

Ob 200 Armutsberichte oder 300 Studien getätigt werden ist doch egal, denn wie immer bleibt vieles weiterhin XYungeloest.

Von Sphinx

@ Frau Maubach
Oder es wurde ein fiktives Einkommen zugrunde gelegt, was Ihr Sohn p.M. verdient hätte, wäre er nichtbehindert und am Arbeitsmarkt gewesen.
Solche Berechnungen werden von den Gerichten angestellt, um Schadensersatz- und Schmerzensgeldzahlungen in ihrer Höhe annähernd zu ermitteln.
Dass nun die Sozialverwaltung (SozAmt) das Geld offensichtlich für eigene Zwecke anspart, ist eine andere Sache.

Von Gisela Maubach

@ Sphinx

Für den von mir genannten Personenkreis - also arbeitUNfähige Menschen mit Behinderung - kann ich auch keinen "wahrhaftigen Lohn" fordern.

Mir ging es darum, im Zusammenhang mit dem vorliegenden Beitrag (Armut von Rentnern) auf das absurde Rentensystem hinzuweisen, in dem für arbeitunfähige (!) Menschen in Werkstätten höhere Rentenversicherungsbeiträge gezahlt werden (um damit später den Sozialhilfeträger zu entlasten) als für deren betreuende und teilzeit-erwerbstätige Eltern, die trotz ihrer enormen Lebensleistung als Rentner möglicherweise in die Grundsicherung fallen.

Von Sphinx

@ Frau Maubach
Vielleicht sind hierin die finanziell ärmlichen Löhne für die Behinderten in den Werkstätten 'begründet': (Meine Annahme) Die behinderten Werkstattmitarbeiter/innen werden eines Teiles ihres wahrhaftigen Lohnes beraubt, indem ein Teil des Lohnes automatisch in der Werkstatt einbehalten und an die Kostenträger weitergeleitet wird.
Den Beweis hierfür kann ich nicht erbringen.
Eine parlamentarische Anfrage könnt' jedoch NICHT schaden, finde ich.

Von Sphinx

@ Frau Maubach:
Genau, das, was Sie schreiben, meinte ich auch mit dem, was ich Ihnen schrieb.

Verwerflich finde ich es NICHT, wenn ALLE Schwerstbehinderten, die je den Fuß länger in eine Behindertenwerkstatt gesetzt haben, eine Altersrente beziehen (werden).
Verwerflich finde ich es, das grade Behinderten aus Behindertenwerkstätten vorgegaukelt wird, sie hätten im Alter ein eigenes Einkommen (die Altersrente) zur eigenen, finanziellen Verfügung. Doch der Staat ist raffiniert, sich die aus Arbeit (und sei es, wie bei Ihrem Sohn, wie Sie bei kobinet berichteten, durch Anwesenheit tagsüber in der Behindertenwerkstatt) von Behinderten in den Werkstätten ein EIGENES STAATLICHES nicht geringes FINANZIELLES POLSTER aufzubauen. Noch zu den Zeiten, in denen die Behinderten in den Behindertenwerkstätten arbeiten und selbst das Sosein, ohne Arbeit, in den Behindertenwerkstätten dazu vom Staat missbräuchlich verwendet wird, nicht etwa auf ein tatsächliches Rentenkonto der Werkstattsbehinderten zu parken, sondern gleich auf staatliche Konten umzuleiten.
Die Behinderten haben also auch gar nichts davon, wenn sie in der Werkstatt so dabei sind oder aber schuften.
Wenn man nun mit in diese 'Rechnung' einbezieht, wie sich Unternehmen (hierunter Bosch, die einschlägige Presse hatte hierüber in der Vergangenheit ausführlich berichtet) an den Niedrigstlöhnen, die in den Behindertenwerkstätten gezahlt werden, gesund stößt, erinnert diese Methode, die Staat, Unternehmen und Behindertenwerkstätten auf Kosten der in den Behindertenwerkstätten arbeitenden oder auch so dort sich aufhaltenden Schwerbehinderten pflegen, an Sklaverei widerlichster Sorte.
Dass Angehörige der Schwerstbehinderten hierfür auch noch quasi in Haftung genommen werden, macht die ganze Sache noch widerlicher und ist aufs Schärfste anzuprangern.

Von Gisela Maubach

@ Sphinx

Es entsteht zumindest der Eindruck, dass der Sozialhilfeträger ein sehr hohes Eigeninteresse daran hat, schwerstbehinderte Menschen in Werkstätten zu behalten, weil das die einzige Möglichkeit ist, eine Rente zu erzielen, mit der man die im Alter notwendige Sozialhilfe bedeutend (!) senken kann.
Der behinderte Mensch, der bis an sein Lebensende auf Hilfe angewiesen sein wird, hat durch die für ihn gezahlten Rentenversicherungsbeiträge keinerlei Vorteile, weil sie lediglich zu einem Verschiebebahnhof bei den Kostenträgern führt.

Das ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die tatsächlich viel geleistet haben und im Alter wegen einer zu geringen Rente noch Grundsicherung beantragen müssen und kein Vermögen mehr besitzen dürfen!

Von Sphinx

@Frau Maubach:
Vielleicht werden Ihrem Sohn deshalb hohe Rentenbeiträge zugesprochen und ein (fiktives) hohes, monatliches Einkommen, damit später aus der Altersrente Ihres Sohne (die dann eine höhere Höhe als Ihre, wie Sie schreiben, ausweisen werde) seine Assistenzbeträge bezahlt werden.
Für Ihren Sohn, so kommt es mir vor, wäre das ein Nullsummen'spiel'; für den Staat wären die Ausgaben für die Assistenz gedeckt. Kommt mir so vor, als ob der Staat sich selber schon jetzt die Assistenz für die Verwendung im Rentenalter Ihres Sohnes anspart.

Von Gisela Maubach

Die Armutsquote Alleinerziehender liegt also bei 42 % !!!
Genau das ist das Resultat einer Politik, die ausschließlich hübsch aussehende Statistiken zum Ziel hat.
Der Kreislauf der Subsidiarität lässt Alleinerziehenden nämlich kaum noch Zeit, sich um den Ausbau ihrer Erwerbstätigkeit zu kümmern.

Wie soll eine Alleinerziehende, die für den Antrag auf ergänzendes ALG II erstmal Unterhaltsvorschuss beantragen soll - und dann ggfs. für die Kinder auch noch Wohngeld (damit die Kinder aus der ALG-II-Statistik rausgenommen werden können) - die notwendige Zeit aufbringen, um ihre Erwerbstätigkeit auszubauen?
Da muss die Frau also zu drei unterschiedlichen Ämtern rennen, obwohl sie erwerbstätig ist und Kinder erzieht.
Und wenn man ihr dann erzählt, dass sie vielleicht Anspruch auf Kinderzuschlag von der Familienkasse hat, macht sie spätestens dann die Erfahrung, dass niemand den wirklich vollumfänglichen Durchblick hat und dass sie kaum eine Chance hat, der Überbürokratisierung zu entkommen.
Und wenn diese Alleinerziehenden dann auch noch schlaue Ratschläge (meist von Kinderlosen) bekommen, wie sie ihre Tage effizienter strukturieren könnten, werden sie eher in den Wahnsinn getrieben als in die Unabhängigkeit.

Und wenn wir erfahren, dass die Armutsquote der Rentner über dem Durchschnitt liegt, wundere ich mich auch hier gerade über absurde Realitäten:

In der vergangenen Woche habe ich bei einem Anruf unserer Krankenkasse erfahren, dass bei meinem geistig schwerstbehinderten Sohn, der nicht die geringste wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistung erbringen kann, vom 1. Januar 2015 bis Anfang Oktober für die Bemessung der Beiträge ein Einkommen in Höhe von mehr als 20.000 Euro zugrunde gelegt wurde!
Für meinen arbeitsunfähigen Sohn werden also höhere Rentenbeiträge gezahlt als für mich selbst - obwohl seine Rente im Alter bei der Eingliederungshilfe angerechnet wird und meine Rente nicht annähernd die Leistung berücksichtigt, die ich all die Jahre erbracht habe!

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