Alex Ernst kämpft mit Seele für ihre Rechte

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Alex Ernst mit ihrem Hund
Alex Ernst mit ihrem Hund
Bild: Alex Ernst

Berlin (kobinet) "Es kann nicht sein, dass Menschen, die ein Lernhindernis haben, anscheinend automatisch zu blöd für Seele sind." So beschreibt Alex Ernst, die sich bei den Kellerkindern in Berlin engagiert, ihre Erfahrungen mit einem Lernhindernis und seelischen Herausforderungen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit der wissbegierigen und engagierten Frau aus Berlin, die dieses Jahr auch beim Sommercamp für ein selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen in Duderstadt dabei war, über ihre Erfahrungen und ihre Wünsche.

kobinet-nachrichten: Sie engagieren sich bei den Kellerkindern, einem Zusammenschluss von Menschen mit psychischen Herausforderungen. Wie kam es dazu, dass Sie sich dort engagieren?

Alex Ernst: Ich bin auf der Suche nach meinem Platz in der Welt bei den Kellerkindern gelandet. Ich hatte dort die Möglichkeit, mich auszuprobieren und zu prüfen was ich wirklich will. In dieser Zeit tauchte ein alter Wunsch wieder auf, mich für Menschen stark zu machen, die ein Lernhindernis und ein seelisches Hindernis haben, denn das eine schließt das andere nicht aus. So habe ich mich auf den Weg gemacht, gegen die unglaubliche Stigmatisierung "zu dumm für Seele" zu kämpfen. Ich stehe noch ganz am Anfang, doch ich habe großes vor.

kobinet-nachrichten: Welche Benachteiligungen haben Ihr bisheriges Leben geprägt und wogegen wehren Sie sich?

Alex Ernst: Leider fing es schon sehr früh an. In der Grundschule kam ich nicht so gut mit, konnte mir Dinge nicht merken und habe kaum geredet. Zu Hause musste ich ums Überleben kämpfen, da blieb mir wenig Zeit fürs Lernen. So kam es, dass ich aus dem "normalen" Schulbetrieb ausgesondert wurde und auf einer Schule für Kinder mit Lernhindernissen kam. Damals schimpfte man das noch Sonderschule. Für viele, leider auch für meine Familie war ich eine Blamage. Gab es doch schon genug dunkele Flecken, wie zum Beispiel meine Tante, die im Nationalsozialismus zwangssterilisiert wurde. Ich war nun der dunkle Fleck 2.0.

Einmal stand eine alte Dame an der Bushaltestelle, die genau an unseren Schulhof grenzte, und sagte: "wenn der Herr Hitler noch leben würde." Ich bin froh, dass ich als Kind die Schwere der Worte nicht verstand. Schon damals als Jugendliche glaubten mir Therapeuten nicht, wenn ich allein nur den Schrecken meiner Kindheit andeutete. Schließlich kann eine Jugendliche, die auf so eine Schule geht, nicht einschätzen was "wahr" ist. Leider habe ich selbst heute noch als erwachsene Frau mit solchen Vorurteilen zu tun.

kobinet-nachrichten: Haben Sie ein Beispiel, was Sie heute erleben?

Alex Ernst: Ja, ich musste zur Begutachtung zum Rententräger. Die Frau, die die Begutachtung an mir vornahm, hat mir gleich zu Anfang zu verstehen gegeben, dass mein einzigstes Problem meine Lernbehinderung sei und ich niemals einen Therapeuten finden würde, da sie Klienten mit meiner Schulbildung nicht nehmen. Sie befahl mir schon fast, aus Berlin weg zu ziehen, da die Größe hier meine Aufnahmefähigkeit übersteigt. Die Geschehnisse aus meinem Leben hätte ich nur falsch gedeutet, da meine Intelligenz nicht im Stande ist, zu merken was eine Grenzüberschreitung ist. Als sie sah, dass ich doch tatsächlich eine Berufsausbildung als Sozialassistentin gemacht hatte, war ihre einzigste mögliche Erklärung, dass ich aus Mitleid mitgezogen wurde. Für sie war ich dumm, wertlos und zu nichts zu gebrauchen.

Dieser Termin hat mich nochmal an mein Projekt glauben lassen. Es kann nicht sein, dass Menschen, die ein Lernhindernis haben, anscheinend automatisch zu blöd für Seele sind. Es darf nicht sein, dass uns/ihnen Gewalterfahrungen ob körperlich, seelisch oder sexuell abgesprochen wird, nur weil man auf eine Förderschule geht oder ging. Solche Ungerechtigkeit übersteigt meine Fähigkeit zur Empathie. Deswegen werde ich kämpfen und dafür sorgen, dass ALLE Menschen ein Recht auf Seele und Leid haben.

kobinet-nachrichten: Wie wichtig ist es für Sie heute, etwas dazu lernen zu können?

Alex Ernst: Alles was ich heute weiß, habe ich mir in mühevoller Arbeit erkämpft. Wie schon geschrieben hatte ich aufgrund einer traumatischen Kindheit und Jugend andere Schwerpunkte als Lernen. Ich habe es trotzdem geschafft, habe eine Ausbildung zur staatlich geprüften Sozialassistentin abgeschlossen und habe erst als Erwachsene das richtige Lesen und Schreiben gelernt. Heute uneingeschränkt lernen zu können, ist für mich ein großes Geschenk, ein kostbares Gut, was ich sehr zu schätzen weiß.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Alex Ernst: Also wenn mir eine Fee die Wünsche gewähren würde, würde ich sie fragen, wo sie so lange geblieben ist. Ein Schokobrunnen ganz für mich alleine. Nein im Ernst ... es ist schwer, es gibt so vieles wie ein glückliches Leben, das es allen, die ich liebe, gut geht. Keinen Krieg, kein Hunger mehr. Aber da ich mich ja beschränken muss wäre es wohl folgendes. Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Und dann eine schöne Wohnung ohne Schimmel, in der meine Mitbewohnerin, unsere drei Hunde und ich willkommen sind.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

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