Dirk Bergen kämpft um seine Selbstbestimmung

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Dirk Bergen in seiner Wohnung
Dirk Bergen in seiner Wohnung
Bild: Dirk Bergen

Freiburg (kobinet) Dirk Bergen hat in seinem Leben schon viel mitgemacht, u.a. lebte er 15 Jahre in einer Behinderteneinrichtung und kämpfte sich mühsam dort heraus. Nun ist er damit konfrontiert, dass man ihn wieder ins Heim abschieben will. Sind das die Vorzeichen des geplanten Bundesteilhabegesetzes mit Zwangspoolen und Kostenvorbehalt? kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Dirk Bergen aus Freiburg über seine derzeitige prekäre Situation, die Mahnung für all diejenigen sein sollte, die so tun, als ob in Sachen Selbstbestimmung in Deutschland alles im Reinen wäre.

kobinet-nachrichten: Herr Bergen, wie Medienberichten zu entnehmen ist, werden Sie derzeit unter Druck gesetzt, sich einen Heimplatz zu suchen. Was ist da genau in Freiburg los?

Dirk Bergen: Ich bekomme rund um die Uhr von einem Hilfsdienst Assistenz und das heißt ganz konkret 23 Stungen täglich ist ein Helfer bei mir. Das sind hohe Kosten, die letztendlich der Staat zu tragen hat. Die Kosten von insgesamt rund 15.000 Euro pro Monat waren für die Stadt Freiburg zu hoch, das liegt auch an der Nachtassistenz. So erhielt ich einen Bescheid, mir einen Heimplatz zu suchen, da die Kosten für meine Assistenz zu Hause ab dem 31.09.2016 nicht mehr bewilligt würden. Begründung hierfür waren mein Alter und der Kostenunterschied. Auf der einen Seite kann man das verstehen, wenn man bedenkt, dass eine allein stehende Frau mit zum Besispiel zwei Kindern oft schlecht auskommt mit dem, was sie vom Staat erhalten würde, wenn sie nicht arbeiten kann. Auf der anderen Seite, wenn man bedenkt, dass die Vereinten Nationen in ihrer von Deutschland unterschriebenen Behindertenrechtskonvention Menschen mit Behinderung das Recht zur Wahl der eigenen Wohnform verbrieft, dann kann ich nicht ruhig bleiben, wenn der Staat in Form des Sozialamtes sich nicht daran hält. Inzwischen wurde mir die Assistenz und damit der Verbleib in meiner Wohnung bis zum 28.02.2017 zugesagt. Jedoch habe ich Angst, dass danach wieder ein Bescheid kommt, der mich dazu auffordert, einen Heimplatz zu suchen.

kobinet-nachrichten: Was macht das mit Ihnen, wie fühlen Sie sich dabei?

Dirk Bergen: Es zehrt schon an den Nerven, wenn einem immer nur ein halbes Jahr zugesagt wird. Und dann muss ich bangen, ob ich hier wohnen darf oder nicht. Da meine Lebensgefährtin und ich unsere Wohnung umgebaut haben und vieles gemacht haben, um die Wohnung für mein Leben anzupassen, will ich die Wohnung nicht verlassen. Den Bescheid, mir einen Heimplatz zu suchen, erhielt ich kurz nachdem meine Lebensgefährtin verstorben war. Zu der Trauer, die ich zu verarbeiten hatte, kamen noch die oben genannten Probleme.

Wenn man bedenkt, dass ich schon einmal 15 Jahre im Heim war und jetzt wieder eine Aufforderung bekam, ins Heim zu gehen, dann hat mich das schon sehr betroffen gemacht und teilweise mussten meine Assistenten mich moralisch unterstützen, wenn ich anfing zu weinen, weil ich Angst hatte, mein Zuhause zu verlieren und auch den Anschluss zu meinem Freundeskreis. Ich habe damals in den 70er Jahren vier Jahre dafür gekämpft, aus dem Heim zu kommen, das war für mich damals wie heute der Beginn meiner eigenen Freiheit.

kobinet-nachrichten: Hätten Sie damit gerechnet, dass Ihnen so etwas einmal passieren könnte, nachdem Sie sich mühsam ein selbstbestimmtes Leben mit Assistenz erkämpft hatten?

Dirk Bergen: Sicherlich nicht. Ich kann mich noch entsinnen, wie wir die Bundesarbeitsgemeinschaft des CBF (Club Behinderte und ihre Freunde) eine Tagung in Bonn hielten, zu der ein Bundesabgeordneter der CDU (der Name ist mir entfallen) kam. Und dieser hat im Bundestag bewirkt, dass unsere Forderung zuhause in einer eigenen Wohnung zu Leben ermöglicht wurde. Sprich die Wahl der eigenen Wohnform. Nach dem das durchgesetzt wurde konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Rechtslage sich einen Schritt zurück entwickeln würde.

Dirk Bergen am Tisch bei Kerzenschein

Dirk Bergen am Tisch bei Kerzenschein

kobinet-nachrichten: Wie geht es jetzt für Sie weiter und wie kann man Sie unterstützen?

Dirk Bergen: Wenn meine Gesundheit sich nicht verschlechtert (nachdem der erste Bescheid kam hab ich meine Nahrungsaufnahme schon reduziert und so hab ich nicht mehr viel Kraft), werde ich mich weiterhin dafür einsetzen, dass ich und andere Menschen nicht aus Kostengründen ins Heim müssen. Man sollte doch bedenken, dass das Grundgesetz jetzt 67 Jahre alt ist und kurz davor noch die Euthanasie bestand, also vier Jahre zuvor (Diese gibt es zwar nicht mehr, aber kommt die Euthanasie nicht in einer anderen Form durch, indem die Freiheit eines behinderten Menschen beschnitten werden soll?) Übrigens das Grundgesetz sagt, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, hat dann nicht ein Politiker vom Bürgermeister bis zum Bundeskanzler oder Bundespräsidenten Anspruch auch mit einem Alter über 60 in einer umgebauten Kaserne zu leben? Dann muss man bitte alles dran setzen, dass nicht auf einem anderen Niveau die Freiheit verloren geht. Es ist bedenklich, dass Menschen mit Behinderung wieder Angst davor haben müssen, dass ihr Leben von anderen Menschen bestimmt wird und das Schlimme daran ist, dass diese Menschen dafür noch vom Staat bezahlt werden.

Ich bitte daher darum, dass Sie sich dafür einsetzen die Öffentlichkeit in gewissen Abständen zu unterrichten. Allerdings viel Hoffnung, dass die Bevölkerung da viel unternimmt, dürfen behinderte Menschen da nicht haben. Dies liegt daran, dass viele andere Themen ihre Berechtigung haben, diskutiert und bearbeitet zu werden, sei es im Bundes- oder in den Landtägen. Dies gilt auch für die Medien. Daher bitte ich Sie, sich dafür einzusetzen, dass ein gerechtes Bundesteilhabegesetz verabschiedet wird, dass es jedem Menschen in Deutschland ermöglicht an der Gesellschaft teilzuhaben.

Ich darf Sie noch dran erinnern, dass wir 2017 Bundestagswahl haben. Bis dahin sollten Sie ganz massiv diese Leute daran erinnern, dass sie Diener des Volkes sind und alle Macht vom Volk aus geht. Leider hab ich keinen Menschen, der mir ausschließlich schreibt, da wäre eine Unterstützung sicherlich von Vorteil. Es wäre gut, wenn sich jemand finden würde, der mich beim Schreiben unterstützt.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei Ihrem Kampf um Ihre Selbstbestimmung.

Link zu einem Beitrag in der Badischen Zeitung über Dirk Bergen

Lesermeinungen zu “Dirk Bergen kämpft um seine Selbstbestimmung” (2)

Von Ulrike

Gleich was uns das neue Bundesteilhabegesetz/ z.B.Eingliederungshilfe, Hilfe zur Pflege bringen wird, müssen wir in jedem Einzelfall nach wie vor unsere Leistungsansprüche vor Sozialgericht erkämpfen. Das heißt für von Geburt an von Behinderung betroffene Menschen weiterhin: Kämpfen bis zum Umfallen. Denn die Leistungsträger mauern seit Jahren unerschrocken, üben schon gar kein Ermessen mehr aus. Lassen es grundsätzlich auf Untätigkeitsklagen ankommen.Das kann einem psychisch krank machen.

Von Dr. Theben

Der Mut aber auch die Eloquenz mit der Herr Bergen hier seinen Freiheitskampf beschreibt, ist bewundernswert. Ich wünsche weiterhin Kraft und Gottes Segen. Und ich wünsche den Verantwortlichen, daß ihnen Bewusst wird: Ihr Handeln setzt Zeichen - so oder so!

Dr. Martin Theben

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