Kunst, wo Bier gebraut wurde

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Im Sudhaus hat nun ein Café eröffnet
Im Sudhaus hat nun ein Café eröffnet
Bild: Edgar Goldstein

Berlin (kobinet) Außen sieht das in dieser unwirtlichen Jahreszeit immer noch nach Baustelle aus. Die Bäumchen am alten Haupteingang mit der damals üblichen hochherrschaftlichen Treppe sind schon gepflanzt. Hier soll im Sommer nächsten Jahres ein Biergarten zum Besuch einladen. Doch an der völlig neu gestalteten Ostfassade wird für mehrere Ausstellungen geworben. Das neue Entree ist ebenerdig und hat automatische Türöffner, wie sie auch bei den mit dem Rollstuhl-Symbol gekennzeichneten Toiletten eingebaut wurden.

Im imposanten Sudhaus wurde jetzt ein Café eröffnet. Die Gastronomie offeriert auch vegetarische Gerichte. Die sechs riesigen Kupferkessel haben Patina angesetzt. Sie waren einst die größten Sudpfannen Europas. Gäste aus aller Welt kamen hierher, um den „Palast Berliner Bierkultur" zu besichtigen. Heute kommen international renommierte Künstler in das KINDL-Zentrum für zeitgenössische Kunst.

Der neue Kunsttempel will als eine privat finanzierte Institution neben wechselnden Ausstellungen internationaler Gegenwartskunst auch kulturellen Veranstaltungen Raum bieten. Mehr als 5 000 Quadratmeter stehen im dreigeschossigen Maschinenhaus und im 20 Meter hohen Kesselhaus zur Verfügung.

Nachdem das deutsch-schweizerische Ehepaar Burkhard Varnholt und Salome Grisard das Gebäude-Ensemble der ehemaligen Kindl-Brauerei erworben hat, begannen im Herbst 2012 die aufwendigen Sanierungsarbeiten. „Dabei galt es, den Auflagen des Denkmalschutzes nachzukommen und heutigen Ansprüchen der zu erwartenden Besucher gerecht zu werden", war vom Technischen Leiter Edgar Goldstein zu erfahren. Tatsächlich sind die Bemühungen um moderne barrierefreie Lösungen nun deutlich zu erkennen in dem Gebäude, das mit seiner Fassade aus rotem Backstein von 1926 bis 1930 errichtet wurde.

Das umliegende Viertel zwischen Hermann- und Rollbergstraße war damals ein Arbeiterviertel wie der „rote Wedding". Kommunisten und Sozialdemokraten wurden wie ihre jüdischen Mitbürger nach der Machtergreifung der Nazis verfolgt, in sogenannte Konzentrationslager gesperrt und ermordet. Heute wohnen im mitunter noch als „Problemkiez" benannten Rollbergviertel etwa 6 000 Menschen aus mehr als 30 Nationen, vor allen türkischstämmige Deutsche und Einwanderer arabischer Herkunft.

Im Kesselhaus ist bei freiem Eintritt noch bis zum 28. Mai 2017 das Videoprojekt „Olympia" von David Claerbout zu sehen. Ausgangspunkt für den belgischen Künstler war das Berliner Olympia-Stadion, wo Adolf Hitler 1936 die Olympischen Spiele eröffnete und mit seinem Architekten Albert Speer auf ein Tausendjähriges Reich spekulierte.

Der langsame Zerfall der Architektur ist auf einer monumentalen Leinwand schon andeutungsweise zu sehen. Flechten und andere Pflanzen fangen an zu wuchern. Echtzeit- und Wetterdaten sind in Claerbouts digital gerechnetem Stadion einbezogen.


KINDL-Zentrum für zeitgenössische Kunst
Am Sudhaus 3
12053 Berlin
Mittwoch bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr geöffnet

 

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