Sex als Lebensmittel?

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Ilja Seifert
Ilja Seifert
Bild: kobinet/rba

Berlin (kobinet) Unter der Titel "Sex als Lebensmittel?" hat der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland (ABiD) heute den Vorschlag der pflegepolitischen Sprecherin der Grünen im Bundestag zur Finanzierung von Sexualassistenz auf Rezept kommentiert. Verbandsvorsitzender Ilja Seifert schrieb an kobinet: Endlich berichten verschiedene Medien mal über den Vorschlag, schwerstbehinderten Menschen nicht nur allgemein ein Recht auf Sex zuzubilligen, sondern ihnen auch praktikable Möglichkeiten zu eröffnen, ihn real zu (er)leben. Für Frauen und Männer.

Die Pflegepolitikerin Elisabeth Scharfenberg erkannte wohl, daß hochgradige Abhängigkeit von fremder Hilfe zu Entzugserscheinungen führen kann. Menschen mit Behinderungen wissen - und sagen - das schon lange. Beispielsweise der ABiD. Aber unsere Bedürfnisse werden hierzulande eben nicht wirklich ernst genommen. Umso wichtiger, daß die grüne Kollegin auf das Beispiel Niederlande verweisen kann. Dort können Frauen und Männer, die nachweislich keine andere Möglichkeit haben, Sex zu leben, ihn quasi "auf Krankenschein" von "zertifizierten Sexarbeiter*innen" bekommen.

Eine ähnliche - unbürokratische und zugleich nicht-stigmatisierende - Lösung wird von der deutschen Behindertenbewegung - nicht zuletzt vom ABiD - seit Jahrzehnten gefordert. Es wäre an der Zeit, sexuelle Bedürfnisse als allgemeine Lebensbedürfnisse - und Sex als Lebensmittel -, worauf Jede*r Anspruch hat, anzuerkennen.

Ob das am Ende "auf Krankenschein" oder über andere Wege finanziert und organisiert werden muß - und wer derartige Assistenz überhaupt beanspruchen kann - sollte Ergebnisse einer öffentlichen Debatte erst am Ende geklärt werden.

(In der Frankfurter Rundschau schrieb Markus Decker: Sex für Pflegebedürftige ist ein legitimes Thema)

 

Lesermeinungen zu “Sex als Lebensmittel?” (10)

Von Sven Drebes

Hallo Signe,

wie gesagt, es gibt in Heimen auch Sexisten, wie Sie sie beschreiben. Es ging miir auch nicht darum zu behaupten, dass es gute Vergewaltiger gäbe. Aber es gibt eben nicht nur schwarz und weiß, sondern in einigen Fällen auch grau. Und es gibt Fälle, in denen sich Vergewaltigungen und vor allem andere Übergriffe vermeiden lassen.

Von Signe

@ Herr Drebes:

Hallo Herr Drebes,
nein, ich sehe die Sache (Vergewaltigung und sexuelle Belästigung, ausgehend von Heimbewohner/innen als Angriff auf Mitarbeiter/innen in Pflegeheimen) das nicht so, wie Sie die Sache sehen.
Als Opfer sehe ich die in Heimen Wohnende hier nicht. Es gibt nicht den guten Mörder. Ein Mörder kann allenfalls einige zivile Charakterzüge haben, die nicht mit Gewalt (worunter Mord fällt) in Verbindung gebracht werden können.
Und es gibt auch keine guten Vergewaltiger/innen und keine guten sexuell Belästigenden.
Über die im Heim wohnende Person, über die mir die 'Sache' zugetragen wurde (wobei ich hier nur die Position der Zuhörenden einnehmen und die Verletzte [körperlich verletzt, da angegriffen worden und seelisch verletzt wegen Nichtrespektierens des Eigen-Seins in der Gestalt als Mensch mit der ihm eigenen Sexualität, sondern als quasi Sklave des im Heim Wohnenden] zum Erstatten einer Anzeige ermutigen und bestärken kann), da gab es von ihr selber deutliche Aussagen, wie Frauen von der im Heim wohnenden Person gesehen und gewertet wurden: als Hure und zugleich als Heilige. Ein Verhalten, dass dem Ausleben von Chauvinismus zuzurechnen ist, neben sich Besserstellen (Prahlen, Tätigen von Falschangaben über sich selbst gegenüber Dritten).

Von Sven Drebes

@Signe:
Vorab, ich sehe das Thema Sexualbegleitung zwiespältig. Für miich kann ich mir diiese Dienstleistung nicht vorstellen. Das nur, damit Sie mir keine persönlichen Motive unterstellen.

Sexuuelle Belästigungen und sexualisierte Gewalt kommen in Pflegeheimen und Behindertenheimen durchaus vor, und zwar sowohl gegen das Personal als auch gegen MitbewohnerInnen. Eine Ursache - bei weitem nicht die einzige - dafür ist, dass vielen Heimbewohnern jegliche sexuelllen Bedürfnisse abgesprochen wird. Viele finden Wege, sie trotzdem zu befriedigen, ohne anderen zu schaden. Manche finden aufgrund ihrer Behinderung aber diese Wege nicht. Hier kann Sexualbegleitung dazu führen, dass sich die unbefriedigten sexuellen Bedürfnisse nicht so weit aufstauen, dass sie sich gewaltsam entladen. Die Folge wäre also weniger Gewalt. Mir ist aber durchaus bewusst, dass längst nicht alle Übergriffe diese Ursache haben, Sexismus gibt es auch unter Heimbewohnern, und da ist Sexualbegleitung keine Lösung.

Von Signe

@ Cyra 2003:

Hallo Cyra 2003,
das was Sie schreiben, lässt mich schwer aufhorchen.
Da mich das, was Sie schreiben, sehr interessiert, möchte ich Sie fragen, ob Sie links in einem Leserbrief mitschicken könnten?

Ich beziehe mich in meiner Frage auf Ihre Anmerkung in Ihrem Leserbrief: "... Warum spritzen sie dann Krebskranken Menschen einen Chemischen Kampfstoff " Senfgas " ? ... Spritzen Kinder im Säuglingsalter " Aluminiunsalze " in die Blutbahn ..."
Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,
Signe.

Von Cyra2003

Der Eid des Hippogrates hat keine rechtliche Wirkung aber eine ethische Bedeutung.
Ärzte sollen Menschen helfen !
Warum spritzen sie dann Krebskranken Menschen einen Chemischen Kampfstoff " Senfgas " ? Das im Krieg eingesetzt worden ist um den Gegner zu töten.
Oder
Spritzen Kinder im Säuglingsalter " Aluminiunsalze " in die Blutbahn die für uns Erwachsene aus sämtlichen Deos entfernt werden ?

Von Signe

@ Dr. Theben:
Ihnen ist schon bekannt(?), dass in Pflegeheimen das Personal von den in Pflegeheimen angegrapscht und sexuell beleidigt werden.
Mir ist ein solcher Vorfall aus einem Heim in einer deutschen Großstadt zugetragen worden.
Ich muss hier die Position der Zuhörenden einnehmen, fände es jedoch schrecklich, wenn sich das mir zugetragen worden seiende tatsächlich zugetragen haben sollte (was ich hier, was mir berichtet wurde, für nicht so abwegig halte).
Mit dem Einlass von Freudendamen in Heime würde sogar noch dem Angrapschen von Personal in Heimen das Wort geredet und würde sexuelle Ausbeutung von Personal in Pflegeheimen noch gutgeheißen. Nicht von mir, aber die Befürchtung steht im Raum, dass es gesellschaftlich en vogue werden könnte, dass Heime zu (im negativen Sinne) Freudenhäusern verkommen.

Eher ist die 'Arbeit' von Freudendamen in Heimen und zu Hause bei den betreffenden Schwerbehinderten, Alten und 'Sonstigen' ein Hinweis darauf, dass nicht mehr die Liebe, sondern die Prostitution den Alltag bestimmt. Und Prostition ist das glatte Gegenteil von Liebe im besten Sinne.

Von Dr. Theben

@Signe

Prostitution hat auch, aber nicht nur etwas mit Ausbeutung zu tun. Wenn wir als Menschen mit Behinderung nicht stigmatisiert werden wollen, sollten auch wir uns hüten, Stereotype zu verbreiten.

Nach Auskunft der entsprechenden Internetseite des Bundestages ist die Abgeordnete Scharfenberg nicht Krankenschwester, sondern Diplom Sozialpädagogin

Ich bin für Sexualassistenz/Begleitung auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe bzw. der Altenhilfe. Eine ganz andere Frage ist aber, ob der Steuerzahler oder die Solidargemeinschaft für damit verbundene Kosten aufkommen muss. Wollen wir den Betroffenen oder gar den Angehörigen/gesetzlichen Betreuer wirklich in die Lage versetzen, gegenüber Ämtern und Krankenkassen ein sexuelles Befriedierungsbedürfnis nachweisen zu müssen. Man hätte auch dieses Problem u.U. adurch lösen können, daß man das vom Forum behinderter Juristen favorisierte Bundesteilhabegeld eingeführt hätte. Auch könnte man die Barbeihilfen der Bewohner stationärer Einrichtungen erheblich erhöhen.Die Verwendung der Barbeihilfe muss nicht nachgewiesen werden.

Sollidarische Grüße

DR. Theben

Von Signe

Herr Dr. phil I. Seifert scheint keine weiteren Probleme zu haben. Frei nach dem Motto: "Wenn es dem Bären zu langweilig ist, geht er aufs Eis tanzen."

Schon einmal was über die Ausbeutung mittels Sex gehört?

Unglaublich, womit sich beschäftigt wird. Von der Scharfenberg ganz zu schweigen. Vor
paar Wochen war Scharfenberg zu Gast beim DeutschlandRadio und wurde gebeten, sich zu den hohen Kosten zu äußern, mit denen Heimbewohner/innen monatlich konfrontiert sind. Scharfenberg fand nichts an den hohen Kosten in den Heimen und beharrte darauf, dass auch weiterhin von den Heimbewohner/innen die Investitionskosten fürs Heim (Gebäude) bezahlt werden müssen.

Frau Scharfenberg (Ihres Zeichens im nicht-parlamentarischen Leben Krankenschwester) ist prominente Vertreterin ihrer Partei und Bundestagsfraktion. Man könnte nun denken, die Dame habe ganz andere Dinge zu regeln; bei den täglichen mannigfachen Verstößen gegen das Menschenrecht, vollbracht in Alten- und Behindertenheimen. Aber nein, auf diese Rechtsverstöße ging die Scharfenberg bei dem langen Interview erst gar nicht ein.
Die Grüns sind mir erheblich abgehoben, weshalb die für mich für ein Kreuz bei den diesjährigen Bundestagswahlen nicht in Frage kommen.

Von Lesebrille

Soweit ich weiss, ist auch in den Niederlanden keineswegs der Weg "unbürokratisch". Auch dort will man einen Nachweis, dass keine andere Möglichkeit der Befriedigung besteht (wie auch immer der ausschauen soll...).

Von Dr. Theben

Na ja, lieber @Ilja Seifert,

ob der berühmte Sex auf Krankenschein wirklich von der Behindertenbewegung seid Jahren gefordert wird, wage ich in diser Absolutheit zu bezweifeln. Es gibt da auch Skeptiker in "unseren" Reihen. Auch ikch bewerte das zwispältig...

In jedem Fall aber wureden durch das Prostituiertenschutzgesetz die Arbeitsbedingungen von SExarbeiterinnen und deren männlichen Kollegen stark reglementiert. Das erschwert auch Sexualassistenten künftig die Arbeit.

Herzliche Grüße an Dich

Martin Theben

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