Den Blindenstock salonfähig machen

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Symbol: Mensch mit Blindenstock
Symbol: Mensch mit Blindenstock
Bild: domain public

Leipzig (kobinet) Die blinde Sozialpädagogin, Autorin und Moderatorin Jennifer Sonntag setzt sich als Inklusionsbotschafterin dafür ein, dass sich Menschen auf Augenhöhe begegnen können. Hierfür greift sie immer wieder Themen auf, über die sie berichtet und schreibt. Den folgenden Beitrag unter dem Motto "Den Blindenstock salonfähig machen - Hilfsmitteldesign zwischen Lifestyle und Sanitätshaus" hat sie den kobinet-nachrichten zur Verfügung gestellt.

Den Blindenstock salonfähig machen - Hilfsmitteldesign zwischen Lifestyle und Sanitätshaus

Beitrag von Jennifer Sonntag

"Wir werden den Blindenstock salonfähig machen!" Wie oft und wie gern habe ich diesen Satz zitiert, dieses Credo zur Selbststärkung blinder Frauen. Zu verdanken haben wir ihn unserer Mitautorin Marlis Reinhardt, die ihn während der Arbeit an den Anthologien „Blinde Schönheit" (herausgegeben von Heike Herrmann) und „Hinter Aphrodites Augen" (herausgegeben von mir) selbstbewusst kreierte.

Der Blindheitsbegriff im Allgemeinen kommt oft etwas leidenschaftslos daher. Er wird nicht selten mit der Karikatur eines gebeugten alten Mannes verknüpft, die schwarze Sonnenbrille und den weißen Krückstock nicht zu vergessen. Der einzige Farbtupfer scheint die gelbe Armbinde mit den drei schwarzen Punkten zu sein. Modisch ganz schön gewagt, oder? Mir als erblindender junger Frau fiel die Identifikation mit meinen Hilfsmitteln anfangs gerade deshalb so schwer, weil sie sich mir in ihrer Anmutung nicht als Lifestyleprodukte, sondern als Sanitätshausware präsentierten. Darf ein Hilfsmittel das denn überhaupt, stilvoll sein? Wenn es zu meinem Leben gehören soll, dann ist es nicht nur da, dann muss ich ein Bild dazu entwickeln, dann ist es auch Lebensstil. Und was die Karikatur des gebeugten alten Mannes betrifft: Ich erlebe blinde Herren jeden Alters heute alles andere als stil- und geschmacklos. Selbst die schwarze Brille kommt mittlerweile sehr gelungen, mal sportlich, mal elegant, zum Einsatz. Warum soll das bei unserem ständigen Begleiter, dem Blindenstock, nicht auch praktikabel sein? Und das muss es, praktikabel bleiben, bei aller Leidenschaft für Modisches.

Mit Behinderung ansehnlich in Erscheinung treten, das ist weder eine Frage des Geschlechts, noch des Alters und schon gar keine Frage der Behinderungsform. Egal ob Rollstuhl, Prothese, Hörgerät, Langstock oder lebenspraktische Helfer für Beruf und Freizeit, das ginge immer auch in adrett. Ich jedenfalls verbrachte viele Jahre damit, meinen Stock zusammengeklappt in der Tasche zu verstecken und meine fortschreitende Erblindung gleich mit, weil ich mich mit beidem nicht anfreunden konnte. Da ging ich im wahrsten Wortsinn lieber über Tische und Bänke und am Leben vorbei. Zur Identifikation mit der Blindheit gehört ein Prozess der Annahme, da müssen wir durch, durch die sieben Phasen der Behinderungsverarbeitung. Was die Akzeptanz des Langstockes betrifft, kann es helfen, ihn als Accessoire mit lebenserleichternder Funktion kennenzulernen. Das ist eine Einstellungssache. Dabei ist es wichtig, dass wir uns authentisch fühlen und am Hilfsmittel irgendetwas wiederfinden, was uns entspricht, uns ausdrückt oder uns, als kleinsten gemeinsamen Nenner, versöhnt. Wir würden uns ja auch keinen Hut aufsetzen, der nicht zu uns passt. Nicht nur ein Hut ist Kopfsache. Identifikation fängt immer im Inneren an und Rehabilitation eben auch. Natürlich muss ein Blindenlangstock den gängigen Sicherheitsstandards entsprechen und würde man ihn mit herzerfrischendem lilagelbgrün um kleben, entspräche er zwar vielleicht der eigenen Gesinnung, nicht aber der Verkehrszulassungsordnung. Es gibt Kompromisse und wie bei anderen modischen Akzenten, die wir in unserem Erscheinungsbild setzen, können wir auch den Blindenstock in unser Selbstkonzept integrieren und ihn zu einem Teil von uns werden lassen.

Ein kleiner Geheimtipp für Interessierte ist das B&M Ingenieurbüro in Scharbeutz. Ich erklärte meinen Stock zum Zauberstab und ließ mir einen edlen Ebenholzgriff mit Silberring anfertigen, welcher von einem großen Kristall gekrönt wird. Ein echter Hingucker! Je nach Stimmung und Anlass können die Griffe ausgetauscht werden. So gibt es schlichte und extravagante Motive für Damen, Herren und Kinder, Griffe aus verschiedensten Hölzern mit oder ohne Verzierungen oder mit Schmuckdetails, die die eigene Persönlichkeit unterstreichen. Auch die Stockspitze ist modifizierbar, allerdings läuft sie sich schnell ab und deshalb würde ich den Akzent immer auf die Griffgestaltung setzen. Außergewöhnliche Ideen können in einem Telefonat gemeinsam vorbesprochen werden. Nicht alle Stockmodelle eignen sich zum Umbauen. Die Kosten für den Standardstock übernimmt die Krankenkasse. Das „Pimpen" zahlt der Blinde selbst. Hier der Kontakt zu Christoph Buth:

Kontaktdaten:
B&M Ingenieurbüro GmbH
Strandallee 101
23683 Scharbeutz
Tel.: 0180-5006822
www.bm-ing.de
bm@bm-ing.de