Leben mit persönlicher Assistenz

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Matthias Vernaldi
Matthias Vernaldi
Bild: Kathina Schubert

Berlin (kobinet) Matthias Vernaldi beansprucht schon ein Vierteljahrhundert persönliche Assistenz. Von dem extrem hohen Hilfebedarf hängt sein Leben ab. Seit April 2000 ist der Behindertenaktivist Arbeitgeber für Assistenz. Im Interview mit dem Berliner kobinet-Korrespondenten spricht er heute darüber, warum eine angemessene Entlohnung für die Männer und Frauen so wichtig ist, die in der Assistenz tätig sind.

kobinet: Um persönliche Assistenz haben Betroffene in Berlin immer wieder hart kämpfen müssen. Von einer Straßenblockade mit Pflegebetten hat kobinet ebenso berichtet wie über die Aktion, bei der du am Kran vor dem Sitz des Finanzsenators in luftiger Höhe die Forderungen nach lebensnotwendiger Assistenz bekräftigt hast. Wie ist deine 24-Stunden-Assistenz heute und in den nächsten Jahren gesichert?

Matthias Vernaldi: Meine Assistenz ist bis 2019 auf jeden Fall gesichert. Solange geht nämlich der Bewilligungsbescheid des Bezirksamtes. Leider stelle ich da eine Ausnahme dar. Ich habe eindeutig einen extrem hohen Hilfebedarf. Und ich bin ein Dinosaurier – einer, der schon ein Vierteljahrhundert persönliche Assistenz beansprucht.

Leute, die neu Assistenz beantragen, weil sie weg wollen von der Pflege durch Angehörigen oder raus aus der Einrichtung, haben es da viel schwerer. Und auch Leute mit geringerem Hilfebedarf von vielleicht nur 7 oder 12 Stunden täglich. Der wird darüber verhandelt, ob es denn wirklich nötig wäre, dass der Antragsteller selbst einkauft oder sein Essen mit seinen Assistenten selbst zubereitet, ob anstelle von Toilettengängen nicht Windeln eine Lösung wären.

Es gibt aber auch für solche wie mich immer wieder Unwägbarkeiten. Das Pflegestärkungsgesetz III war so etwas. Kurz vor Verabschiedung sah es so aus, dass persönliche Assistenz mal wieder nicht beachtet bzw. nur oberflächlich fiskalisch behandelt wurde und deshalb infrage stand. Glücklicherweise konnten im letzten Moment Änderungen durchgesetzt werden, zum Beispiel kam nicht der Vorrang der Pflege bei Leistungen der Eingliederungshilfe mit vorwiegend pflegerischen Verrichtungen zum Tragen. Und auch der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff ist weiter gefasst, als wir das für möglich gehalten hätten.

kobinet: Mit dem nun teilweise in Kraft getretenen Bundesteilhabegesetz wurde trotz massiver Proteste noch keine gesicherte Regelung für "Persönliche Asssistenz" erreicht. Da soll noch weiter evaluiert und diskutiert werden. Wie siehst du die Chancen, tatsächlich was zum Besseren zu bewegen?

Matthias Vernaldi: Ich bin immer schon zufrieden, wenn im Zuge solcher Gesetzgebungsprozesse alles so bleiben kann wie es ist. Wir müssen bezüglich der Assistenz hier sehr aufpassen. Ich erwarte da nichts Gutes.

Die Beteiligung von Menschen, die Assistenz erhalten, und auch von Organisationen, die Assistenz leisten, bzw. strukturieren, ist bei der Ausdifferenzierung des § 78 oberstes Gebot. Wir müssen jetzt beginnen, auf das Bundesministerium diesbezüglich Druck auszuüben, sonst legen die uns wieder irgendetwas vor (oder setzen es in Kraft, ohne es uns vorgelegt zu haben), was uns die ganze Assistenz um die Ohren fliegen lässt. Für die ist doch nur wichtig, dass es möglichst wenig (am besten weniger als bisher) kostet. Dann kleben sie das Etikett Selbstbestimmung, Teilhabe, Inklusion drauf und trinken einen Champagner.

kobinet: Berliner waren mal Vorreiter des sogenannten Arbeitgebermodells für persönliche Assistenz. Inzwischen dürften bundesweit etwa 15 bis 20.000 Assistentinnen und Assistenten als Beschäftigte mit dabei sein. Um ihre gerechte Bezahlung ging es immer wieder auch in Berlin. Und heute?

Matthias Vernaldi: Ja, das ist schon etwas extrem Seltenes im Kapitalismus, dass sich Arbeitgeber dermaßen den Arsch aufreißen, um ihren Angestellten möglichst viel Lohn zahlen zu können. Warum ist das so? Assistenzbedürftige Menschen sind ja nun nicht besser als andere Menschen. Es hat vielmehr damit zu tun, dass eine gute Bezahlung unserer Assistenten für uns fast wichtiger ist als für sie. Umso mehr Geld jemand für seine Arbeit erhält, desto motivierter ist er. Meine Assistenten sind auf mich angewiesen, weil sie mit ihrer Arbeit bei mir bzw. an mir und mit mir ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber ich bin ganz direkt körperlich, ganz existenziell und ganz unmittelbar auf sie angewiesen. Ich muss extrem großes Vertrauen in sie setzen. Ein falscher Griff, einer Unaufmerksamkeit – und ich kann tot sein.

kobinet: Ihre Verantwortung ist sehr groß ...

Matthias Vernaldi: ... und ihre Arbeit ist oft nicht nur psychisch aufreibend, sondern auch körperlich schwer. Ihre Gelenke, ihr Rücken, ihre Muskeln – all das wird belastet und auf Dauer geschädigt.

Jeder Euro mehr im Stundenlohn stärkt meine Position. Wenn sie für diese Arbeit nur knapp über dem Existenzminimum entlohnt werden, fällt es mir viel schwerer, ihnen das abzuverlangen, was mein Leben, meine Selbstbestimmung, meine Gesundheit, meine Privatheit und meinen Alltag garantiert.

Die Entlohnung der Assistenz ist im Land Berlin nach langen Kämpfen seit 2011 aus dem untersten Bereich des Niedriglohnsektors heraus. Aber so gut, dass man es tatsächlich als angemessen bezeichnen kann, ist sie auch wieder nicht. Es ist weiterhin sehr schwer, Menschen zu finden, die diese Arbeit machen – vor allem auf Dauer.

Diesbezüglich befürchte ich die größten Einbrüche, wenn es zu einer bundeseinheitlichen Regelung kommt.

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