The Dinner - Spiegelbild heutiger Realität

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Berlinale-Bär
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Bild: kobinet/ag

Berlin (kobinet) "The Dinner", amerikanischer Wettbewerbsbeitrag, hat alles, was ein politisches Drama heutzutage braucht, schreibt kobinet-Korrespondentin Anke Glasmacher in ihrer ersten Kritik von der Berlinale. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten offenbart er ein zu ambitioniertes Regiekonzept und lässt darüber den eigentlichen Konflikt seiner Protagonisten völlig in den Hintergrund treten. Als Spiegelbild der heutigen Realität ist das dann durchaus gelungen.

Von Anke Glasmacher

Paul (hervorragend gespielt von Steve Coogan) und seine Frau sind mit Stans Bruder (ebenfalls sehr gut in dieser ernsten Rolle: Richard Gere) und seiner Lebensgefährtin zum Essen in einem dieser neuen teuren Restaurants verabredet. Niemand der vier hat Lust auf das Treffen. Paul findet seinen Bruder arrogant, Stan hat keine Zeit. Ihm fehlen für eine wichtige Abstimmung im Kongress über seine Gesundheitsreform noch 15 Stimmen. Die Krankenversicherung soll zukünftig die Behandlungskosten auch bei psychischen Erkrankungen übernehmen. Ein Meilenstein für Hilfen und Anti-Stigmatisierung, findet Stan. Paul hält ihn für einen Affen. Seine Gedanken kreisen um die Kriege dieser Welt und besonders um die Schlacht von Gettysburg (1863, sie gilt als eine der blutigsten kriegerischen Auseinandersetzungen und als Wende im amerikanischen Bürgerkrieg). Doch eigentlich geht es an diesem Abend um die drei Söhne der beiden. Zwei haben ein Verbrechen begangen. Und der dritte erpresst sie damit.

Doch in der Familiendynamik dieses Abends spielen die Söhne erst einmal keine Rolle. In Rückblicken erzählt Regisseur Oren Moverman vom langsamen Abgleiten Pauls. Als seine Frau an Krebs erkrankt und operiert wird, bricht er psychisch zusammen. Die Hilfe seines Bruders empfindet er als Bedrohung, der Bruder, der erste und ewige Konkurrent, von der Mutter und vom Leben bevorzugt. Erst langsam dringt Stans Perspektive dazu, wird deutlich, dass bereits die allein erziehende Mutter psychisch krank war, überfordert mit allem, und Stan früh lernen musste, der Vernünftige in der Familie zu sein. Seine Gesundheitsreform soll auch die innere Not seiner Familie heilen.

Und dann sind da noch ihre Söhne. Cousins. Die sich hochgeschaukelt haben an diesem einen entscheidenden Abend. Ein Unfall, sagt die Mutter. Ein Verbrechen, sagt Stan. Es hat keiner gesehen, sagt die Mutter, und: Unser aller Leben ist zuende, wenn das herauskommt. Wir müssen an die Zukunft unserer Kinder denken. Es ist schon herausgekommen, sagt Stan: Sein Sohn hat Alpträume, schläft nicht mehr, weint nur noch. Wenn er über das, was er getan hat, schweigen muss, wird er an seiner Tat zerbrechen. Strafe ist Sühne, Katharsis, auch für die Täter. Stan hat sich entschieden. Er will eine Pressekonferenz einberufen, seinen Rücktritt erklären und die Tat der beiden Jugendlichen anzeigen. Doch dann kommt es zum Showdown.

"The Dinner", wunderbar ironisch nach Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch inszeniert, ist ein Film über... und jetzt wird es schwer zu fassen: Ein Film über ein moralisches Dilemma? Gestehe ich eine Strafetat, wenn ich ohne mein Geständnis als Täter niemals entdeckt würde? Decke ich eine Straftat, wenn mein eigenes Kind der Straftäter ist? Glaube ich an den Rechtsstaat? Diese Frage beantwortet der Film nicht, so viel sei vorweggenommen. Denn als er zum Kern kommen müsste, verliert er sich in Nebenkriegs- (oder den eigentlichen?) Schauplätzen, wird wirr und grotesk.

Am Ende bleibt man alleine mit der Frage, worum es eigentlich geht. Um Schuld und Sühne? Um den ewigen Bruderkonflikt? Oder um eine Familie, die vom Schweigen, vom Tabu über die eigenen psychischen Verletzungen langsam von innen heraus zerfressen wird.
Oren Movermans Film will zu viel. Dabei wäre ein Erzählstrang völlig ausreichend gewesen. Und hätte er den politischen genommen, ihm wäre ein hochaktuelles Stück gelungen.

"The Dinner" läuft als Weltpremiere (USA) im Wettbewerb.

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