Team Wallraff undercover in Behindertenreinrichtungen

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Logo von RTL
Logo von RTL
Bild: RTL

Köln (kobinet) Das Team um Günter Wallraff, das in der RTL Sendung "Team Wallraff" undercover und mit versteckter Kamera verschiedene gesellschaftliche Bereiche unter die Lupe nimmt und Missstände aufdeckt, löste gestern Abend angesichts der Berichterstattung über die Zustände in zwei Werkstätten und einem Wohnheim für behinderte Menschen Bestürzung bei vielen Menschen in Deutschland aus. Der Blick hinter die Kulissen u.a. auch der Lebenshilfe zeigt eindeutige Menschenrechtsverletzungen hinter dem altbekannten Wohltätigkeitsgedusel der dargestellten Einrichtungen auf.

In der Sendung recherchierte eine Journalistin vom Team Wallraff mit versteckter Kamera in den Rurtalwerkstätten bei Aachen, einer Werkstatt der Lebenshilfe in Leverkusen und einem Wohnheim für älter behinderte Menschen der Lebenshilfe in Speyer und deckte erschreckende Zustände auf. Als Experten waren u.a. Raul Krauthausen, der letztes Jahr selbst für RTL ein paar Tage undercover in einer Einrichtung recherchierte und Claus Fussek, der seit Jahrzehnten gegen Missstände in Heimen ankämpft.

Für sieben Tage in der RTL-Mediathek: Der komplette Beitrag

Link zum Bericht des Team Wallraff

Lesermeinungen zu “Team Wallraff undercover in Behindertenreinrichtungen” (18)

Von Signe

Auf der Homepage des rhl.-pfälzischen Landesbehindertenbeauftragten: Ohne Information über die Vorfälle im Wohnheim der Schwerstbehinderten bei der LH in Schifferstadt;
Auf der Homepage des BZSL in Mainz: ohne Information zu dem LH-Skandal in Schifferstadt.

Interessiert das die Behinderten (Landesbehindertenbeauftragter und ZSL Mainz) nicht, was in Schifferstadt und in NRW in der WfBM passiert ist?

Von Annika

Als Mutter von zwei behinderten Kindern wurde ich sehr enttäuscht, was in Einrichtungen der Behindertenhilfe geleistet wird. Über lange Zeit und bis zur Erschöpfung betreute ich meine Kinder alleine zu Hause, weil ich es nicht aushielt, wie sie dort behandelt wurden.
Meine Beschwerden wurden borniert und mit Unverständnis zur Kenntniss genommen. Es blieb mir nichts anderes übrig als mich selbst um die Betreuung zu kümmern.
Die sogenannte "Skandalberichterstattung" ist hier angebracht, da normale Kritik von Eltern wenig bringt.
Menschen außerhalb der "Szene", sprich solche die nichts mit behinderten Menschen zu tun haben, wähnen sich in der Sicherheit, dass doch alles für Behinderte in teuren Einrichtungen getan wird. Auch von diesen fühlte ich mich unverstanden, weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Ich hoffe, viele haben den Bericht gesehen.

Von Signe

Mit eiskaltem Wasser bespritzt zu werden und die weiteren Tätlichkeiten sind, so die denn noch angezeigt werden (zumindest als Zeugin und Zeuge kann man sehr wohl in der Gerichtsverhandlung Bericht erstatten und zu Protokoll geben, um damit die Höhe der Strafe mit zu beeinflussen), als große Körperverletzung rechtlich zu werten.
Nachdem ich heute die RTL-Doku in ihrer gesamten Länge mehrmals mir angeschaut habe, kam mir der Gedanke, dass die LH in den genannten Einrichtungen offensichtlich Jede/n, die / der sich um die Mitarbeit beworben, in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis genommen hatte.
Wäre nun den Beschwerden der Bewohner/innen und der in der Werkstatt für Behinderte von den 'Offiziellen' ernst genommen worden, hätte es nie und nimmer zu diesen körperlichen und verbalen Übergriffen der Mitarbeiter/innen gegenüber den Schwerst(mehrfach)behinderten gekommen.

Im Zusammenhang mit dem einen jungen Mann, über den ein Mitarbeiter sagt, er habe gelebt und er sei ein 'Depp', sehe ich leider eine Verbindung zu der Sprache des Nazistaats. Ich hoffe sehr, die StA sieht dies genauso und ermittelt mal im privaten Umfeld des Mitarbeiters, wie auch bei den anderen Mitarbeiter/innen.

Und ja, während bei Übergriffen auf Ausländer/innen die linke Szene sofort aktiv wird und eigene Recherchegruppen zu von xyz begangenen Taten bildet und an die Öffentlichkeit geht und die Geschädigten solidarisch unterstützt, sucht man hier vergeblich nach solchen Aktionen der Linken. Oder hat jemand was anderes hierzu zu berichten.

Von Aliena

Eine Skandalberichterstattung konnte ich in dem Bericht ebenfalls nicht erkennen. Und ich finde es erschreckend, dass es erst solcher Berichte bedarf, damit überhaupt mal jemand auf die Missstände aufmerksam wird!
Ich habe einen behinderten Bekannten, der in den Rurtalwerkstätten gearbeitet hat - und der Bericht war sehr harmlos und hat kaum die Spitze des Eisbergs angerührt! Es stimmt, dass dort in 4 Tagen keine 40.000 Bördelkappen geschafft werden mussten - es waren viel mehr! Der Druck war riesig groß! Die Behinderten sollten doch schon morgens um sechs und auch am Wochenende kommen, damit die Arbeit geschafft werden konnte! Die Arbeit mit den Bördelkappen wird zudem immer wieder viele Wochen lang am Stück gemacht! Können die Leute aufgrund ihrer Behinderung die Arbeit nicht erledigen, weil z.B. die Feinmotorik fehlt, werden die Behinderten und Kranken beschimpft und lächerlich gemacht! Anderen Behinderten wurde immer wieder eiskaltes Wasser aus dem Kühlschrank ins Gesicht oder Nacken gesprüht! Und auch das sind nur wenige Beispiele!
Es wurde alles versucht, auf ordentlichen Wegen eine Änderung zu erreichen bzw. sich bei den zuständigen Stellen sich zu beschweren - es wurde immer alles damit abgetan, dass es eben nur Behinderte und Kranke seien und sie die Situation zu sehr dramatisieren würden! Über die Zustände in den Werkstätten ist die Leitung also seit Jahren informiert - und hat so gut wie nichts getan! Wenn mal betreuende Mitarbeiter etwas verändern wollten, wurden sie versetzt oder entlassen ... Da soll sich jetzt also keiner über die Berichterstattung beschweren!

Von Gisela Maubach

Mitarbeiter werden auch "ohne Qualifikation" gesucht:

http://www.lebenshilfe-nrw.de/de/stellenangebote/meldungen/Guppendienst-Arnsberg.php?listLink=1

Von Signe

Hier noch der link zur Stellenanzeige:
http://www.lebenshilfe-speyer-schifferstadt.de/aktuell.htm

Inklusion wird mehr und mehr konterkariert.

Von Signe

Den Vogel schießt die LH Speyer-Schifferstadt ab, die in auf der Homepage in einer Stellenanzeige, mittels der ein/e neue/r Mitarbeiter/in geheuert wird:

"... Wir erwarten: Einsatzfreude und Ausdauer bei der individuellen Arbeit mit unseren behinderten Menschen, die unsere Arbeitgeber sind. ..."

Also, wenn nun diese rauchenden, abhängenden, keifenden, pöbelnden Arbeitnehmer/innen (aka Pflegehelfer/innen und wie die nun ihre 'Berufung', ihren Beruf bezeichnen mögen) tatsächlich so von den Behinderten und deren Penunzen abhängig sein würden, würde es in diesem Heim der LH Speyer-Schifferstadt nicht wie in einem Gefängnis (einschließlich des verletzenden Verhaltens, wie einer Schwerstbehinderten ein Bein stellen und über das Stürzen der Behinderten hämische Kommentare abgeben) zugehen.
Von Rechts wegen müssten diese Mitarbeiter/innen selber mal unter solch' unwürdigen Zuständen leben.
Hoffentlich werden diese rücksichtslosen, augenscheinlich (wie in der Doku zu sehen) faulen Mitarbeiter/innen gekündigt und dürfen am Ende H4 auskosten. Gerne doch!

Von kirsti

@Lesebrille
„Eine "Skandalberichterstattung" kann ich nicht erkennen.“ Ich leihe mir mal diese Worte von „Rosa“, weil sie eben stimmen. Ich weiß nicht, was an dieser Undercover Sendung als Skandal- berichterstattung bezeichnet werden kann; außer dass die Verhältnisse in den Einrichtungen „skandalös“ sind. – Ihr Widerspruch???

Von Signe

@ Neupert-Eyrich:
"... Da werden Menschen mit Behinderung benutzt für eigene Zwecke, wie in vielen Einrichtungen auch. ..."
Das fällt auch mir auf. Vorher war keine Rede von Schwer(st)(mehrfach)behinderten Menschen.
Ist auch interessant, dass man einfach so in die Privatsphäre der Betreffenden eindringen kann und sehr wahrscheinlich wird das Personal (wurde das von der Lebenshilfe aus ehemaligen KnastologInnen rekrutiert?, kommt mir jedenfalls so vor) auch und leider in der Freizeit über die in diesem Heim in Speyer Wohnenden herziehen.
Die LH Rhl.-Pfalz betrachte ich hier als Totalversagerin in jeder Hinsicht.
Und wo ist eigentlich das Statement des rhl.-pflz. Landesbeauftragten für Behinderte? Komisch oder eher skandalös dessen Schweigen!

Von Lesebrille

@ Neupert Eyrich:

Danke. Ich sah den Beitrag gerade eben (Mediathek, ich habe keinen Fernseher) und muss sagen, Ihr Beitrag spricht mir aus der Seele.

Von Ernst

Wie in so vielem wird auch der momentane Frust vereinzelter, sich hier auf den Schlips getretener, fürsorglicher, im Dienste der Sorge um den Menschen stehender Wohltäter, bald wieder gelegt haben.

Vergleicht man den ganzen Wirbel mit dem Buch von Herrn Wallraff " Ganz unten " 1985 als Türke Ali und bedenkt dass wir heute nach fast 30 Jahren einen Mindestlohn unter 9,00 € haben, dann können wir doch nicht über Nacht erwarten, dass mit diesem Beitrag auf einer bestimmten Seite das große Zittern kommt. Solange es unter dem Schutz der Politik ermöglicht ist, mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in erster Reihe zu marschieren, wird sich wenig verändern, egal wie laut wir schreien.

Von Gisela Maubach

Ich finde es problematisch, hier von Skandalberichterstattung zu sprechen, denn es scheint die einzige Möglichkeit zu sein, ein öffentliches Bewusstsein für denjenigen Personenkreis herzustellen, der nicht selbst in der Lage ist, sich gegen Menschenrechtsverletzungen zu wehren.

Wo blieb denn der Aufschrei gegen den § 102 Abs. 2 BTHG, wonach die Werkstatt vorrangig ist vor Sozialer Teilhabe?

Behinderte Menschen, die keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben, müssen damit automatisch eine Werkstatt besuchen, sofern sie eine Tagesstruktur benötigen und für das Buget für Arbeit zu (!) behindert sind.

Wer keine "Skandalberichterstattung" will, müsste dann zumindest gegen das vorrangige Ausgrenzen aktiv werden, denn wenn eine Gleichrangigkeit existieren würde - also ein Selbstbestimmungsrecht, ob eine Werkstatt oder eine andere Tagesstruktur gewählt werden kann - dann hätten die Werkstätten auch einen eigenen Anreiz, ihre Leistungen so attraktiv zu gestalten, dass man sich gerne für sie entscheiden könnte.

Von Rosa

Eine "Skandalberichterstattung" kann ich nicht erkennen.

Der SWR teilt soeben mit, dass die LH Speyer Anzeige gegen RTL erstattet hat. Ob dies klug ist muss die Einrichtung selbst entscheiden. Ich erhoffe mir dadurch noch mehr Öffentlichkeit, ohne die es keine Veränderung dieses geschlossenen Behindertensystems geben wird.

Im übrigen wurde doch gerade hier auf Kobinet dargestellt, dass es Menschen gibt, die ihre persönliche Leistungsfähigkeit und ihre Lebensvorstellungen ja gerade nicht selbst deutlich machen können.
Das tun wir Eltern und Angehörigen und werden dafür von den Einrichtungen als Kritiker denunziert und ausgegrenzt.

Das Grundsatzprogramm der Lebenshilfe ist das Papier nicht wert auf dem es steht.

Von Neupert Eyrich

Ich finde diese Skandalberichterstattung problematisch, weil es dazu führt, dass die Menschen sich kurzfristig aufregen, wissen dass die anderen Schuld sind und dann zur Tagesordnung übergehen. Übrig bleibt, dass zwar über die Missstände berichtet wurde und RTL genügend Werbeeinnahmen hatte, aber für die Menschen, über die berichtet wurde ändert sich nichts, weil der gesellschaftliche Hintergrund, dass Menschen mit Behinderung noch immer die Bedürftigen sind, die froh sein müssen, dass sich jemand um sie kümmert, weiterhin virulent ist. Die Frage, wie Menschen ihre persönliche Leistungsfähigkeit und ihre Lebensvorstellungen deutlich machen können und in einer offenen unterschiedlichen Gesellschaft einbringen, wird in solchen Skandalberichten nicht erörtert. Da werden Menschen mit Behinderung benutzt für eigene Zwecke, wie in vielen Einrichtungen auch. Unsere Arbeit für Inklusion und Diversity sollte eine andere sein. Deswegen müssen solche Berichte immer auch mit entsprechender Kritik verbreitet werden.

Von Susanne v.E

Wer ist eigentlich von den Zuständen in manchen Behinderteneinrichtungen überrascht???
Wir sind es nicht. Schließlich gibt es zuhauf Erfahrungsberichte und Hinweise, auch hier auf Kobinet.
Aber erst wenn RTL kommt erreicht man Aufmerksamkeit. Angehörige, die Missstände reklamieren werden als Querulanten oder maßlose Menschen mit überhöhten Ansprüchen abgetan.
Was für ein verlogenes System!
Hoffentlich erreicht dieser Bericht mehr als eine Feierabendempörung.

Von Interessierte

Eventuell kann Kobinet nachrecherchieren. Meine wichtigsten Fragen wären, ob es Anzeigen gegen Einrichtungen , bzw. Personal gegeben hat, um Betroffenen zu helfen. Es ist schon traurig, wenn Menschen mit Behinderung sehr herabwürdigend behandelt , sogar misshandelt und missbraucht werden, ein Sender davon Kenntnis hat und nicht getan werden kann, das SOFORTHILFE gewährleistet und Betroffene schützt. Nun wehren sich die Einrichtungen. Das ist nach einer Ausstrahlung, wie gestern Abend nicht anders zu erwarten. Im Endeffekt wird es nötig sein, in den betroffenen Einrichtungen umfangreiche Untersuchungen, Befragungen, ect. durchzuführen. Auf Stellungnahmen u.U. auch unsachliches im Fernsehbeitrag, kann nicht gebaut werden. Allerdings, wenn es wahr ist, dass die Rurtalwerkstätten Düren Gefahr laufen, die Trägerschaft aberkannt zu bekommen, sollten die Fristen, die zu einer Änderung der Misstände ermöglicht werden, nicht noch einmal verlängert werden. Es muss sich für Menschen, die die dort beschäftigt werden umgehend und ohne Verzögerung sofort etwas ändern!!!

Von Signe

Der Behindertenbeirat bei der Stadt Chemnitz (siehe http://session-bi.stadt-chemnitz.de/kp0040.php?__kgrnr=766344&) wird mehr von Nichtbehinderten- denn von Behinderten dominiert.
Es ist mir fraglich, ob Behinderte überhaupt noch was zu sagen haben, außer dem Beipflichten der Arbeit des Beirates.

Von Inklusionsbotschafter AH

Im Jahr 2015 habe ich die Werkstätte Lev-Bürrig beim Haus der offenen Tür besucht und an der angebotenen Führung durch die Werkstätte teilgenommen. War damals schon total erschrocken und bedrückt, alleine durch die gezeigten Beschäftigungstherapien. Als mich danach die ortsansässige Presse fragte, wie mein Empfinden danach sei, meinte ich sei bedrückt und erschrocken. Im Raum ein großes Raunen. Es konnte und wollte keiner hören. Es sollte nur ein Loblied auf die Lebenshilfe gesprochen werden. Wir in Leverkusen haben jetzt schon 3 Einrichtungen dieser Art - alle von der Lebenshilfe. Nach den heutigen Bericht von Wallraff bin ich total wütend. Es muss sich unbedingt etwas ändern. Auch der Behindertenbeirat für Menschen mit Behinderungen in Leverkusen wird von der selbigen Institut geschlossen geführt. LG Inklusionsbotschafter Andreas Holly Hollstein

Lesermeinung schreiben?

Beim erstmaligen Schreiben Ihrer Lesermeinung werden Sie zur Registrierung geleitet. Dabei erkennen Sie die Nutzungsbedingungen und die Netiquette an und ergänzen Ihren Anzeigenamen und Ihren persönlichen Namen zur E-Mailadresse. Die Lesermeinung ist auf 2000 Zeichen begrenzt und Sie können bis 14 Tage nach Veröffentlichung der Nachricht schreiben.