Dana Bretthauer macht Ausbildung zur Genesungsbegleiterin

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Dana Bretthauer
Dana Bretthauer
Bild: Dana Bretthauer

Berlin (kobinet) Dana Bretthauer macht derzeit eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin. Mit der Inklusionsbotschafterin aus Berlin, die Türen zur Inklusion öffnen will und Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen hilft, sich ihren Sozialraum zu erschließen, sprach kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul.

kobinet-nachrichten: Sie engagieren sich als Inklusionsbotschafterin vor allem im Bereich für psychisch behinderte Menschen. Was machen Sie derzeit genau?

Dana Bretthauer: Derzeit mache ich eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin, die mir den Background für meine inklusionsorientierte Arbeit mit krisenerfahrenen Menschen gibt. Außerdem bin ich Mitglied bei exPEERienced, einem Verein von Psychiatrieerfahrenen und Angehörigen, die nach dem Motto "Nicht ohne uns über uns" Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben mit Hilfe zur Selbsthilfe beistehen. Dabei wird in Projekten auf der Grundlage von Recovery und Empowerment Genesung und Inklusion angestrebt. Weiterhin werden Veränderungen im psychosozialen Bereich angestrebt und unterstützt, Alternativen berücksichtigt und gegen Stigmatisierung vorgegangen.

Nichtzuletzt bin ich ehrenamtlich beim Inklusion Netzwerk Neukölln (INN) als ehrenamtliche Mitarbeiterin aktiv. Ich begleite Menschen dabei zu inklusiven Angeboten der VHS und des Nachbarschaftshauses Neukölln oder zu kulturellen und sportlichen Veranstaltungen. Weiterhin bin ich an der Planung und Durchführung von Infoveranstaltungen beteiligt. Zuletzt am 7.12.2016 bei einem Netzwerktreffen, wo ich u.a. als eine von mehreren ehrenamtlichen und professionellen Moderatorinnen fungierte.

kobinet-nachrichten: Sie sind gerade dabei eine EX-IN-Ausbildung zu machen. Worum geht es da genau?

Dana Bretthauer: Das EXPEERIENCED-INVOLVEMENT-Projekt (EX-IN), also Einbeziehung von Erfahrenen, ist ein Europäisches Projekt, dass darauf setzt, Experten durch Erfahrung in die psychiatrische Landschaftt zu bringen. Schon allein die Schaffung einer absolut sinnsttiftenden Tätigkeit für Erfahrungsexperten trägt viel zur Inklusion krisenerprobter Experten bei. Grundsätze von EX-IN sind, dass jeder psychisch erkrankte Mensch das Potential zur Genesung hat. Weiterhin kann immer Verantwortung fürs eigene Leben übernommen werden und eine Beteiligung an Entscheidungen muss immer möglich sein. Zuletzt geht der EX-IN-Gedanke soweit zu sagen, dass jeder Mensch selbst weiß, was ihm gut tut oder nicht. Natürlich kann diese Haltung begleitend entwickelt werden.

Theoretisch liegt dem EX-IN-Prinzip ein salutogenesicher, ressoucenorientierter Ansatz zugrunde. Themen wie Empowerment, Recovery und Trialog wird viel Raum gegeben. Ebenso den aufbauenden Kursinhalten wie Fürsprache, Beratung, Begleiten und Assessment (Das ist hier als Erweiterung von Diagnostik zu verstehen). Immer werden dabei die eigenen Erfahrungen der Kursteilnehmer als wichtiges Element mit einbezogen. Nichtzuletzt wurden aber auch rechtliche Grundlagen wie zum Beispiel die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen oder das PsychKG behandelt.

kobinet-nachrichten: In der Krisenpension in Berlin-Schöneberg machen Sie derzeit Praktikum. Ist das Teil der Ausbildung und was ist genau die Krisenpnsion?

Dana Bretthauer: Während der EX-IN-Ausbildung sind zwei Pflichtpraktika zu absolviern. Eines davon habe ich über zwei Monate in der Krisenpension durchgeführt. Die Krisenpension ist vor einigen Jahren als private Alternative zur Psychiatrie entstanden. Es wurde eine Wohnung angemietet, Doppel- und Einzelzimmer eingerichtet und ehrenamtliche Mittarbeiter unterschiedlichster Professionen und sogar schon ein EX-Inler haben die Menschen aufgenommen und während ihrer Krisen begleitet. Heute gehört die Krisenpension zu Pinel und kann hauptsächlich von Mitgliedern der Techniker Krankenkasse genutzt werden. Am Prinzip hat sich aber wenig geändert. Es ist ein Ort der Ruhe und Entspannung. Es gibt neun Schlafplätze und nur Ein- bis Zwei-Bett-Zimmer. Im Wohnzimmer gibt es Spiele, Farben, Papier und anderes Bastelmaterial. Im sogenannten weichen Zimmer können sich die Gäse zurückziehen, wenn sie absolute Ruhe und Entspannung wünschen. Ein Computer steht zur Verfügung. Die gemütliche Küche wird morgens zum gemeinsamen Frühstück, da gibt es allerdings keine festen Zeiten, und abends zum gemeinsamen Abendbrot genutzt. Das Einkaufen und das Kochen übernehmen die Gäste mit Hilfe der Mitarbeiter selbst. Das Abendessen ist das einzige verbindliche Zusammentreffen aller. Aber auch dies wird nicht mit Strenge durchgesetzt. Für die Medikamente sind die Gäste selbst verantwortlich. Sie können sich aber von den Mitarbeitern unterstüzen lassen. Die Gäste werden animiert, Angebote außerhalb der Krisenpension wahrzunehmen und auch in Kontakt mit ihrer Wohnung zu bleiben. Jeder kann kommen und gehen, wann er will. Nur die Nachtruhe ist einzuhalten. Es sind jederzeit ein bis zwei Mitarbeiter vor Ort, auch nachts. So haben die Gäste immer einen Ansprechpartner. Für Gespräche oder Netzwerkgspräche steht ein Besprechungsraum zur Verfügung. Weiterhin gibt es für Notfälle eine Hotline bzw. die 112.

Sowohl die meisten Gäste als auch ich sind von der Krisenpension als wirklich angenehmen Rückzugsort während Krisenzeiten überzeugt. Ich bin weiterhin davon beeindruckt, wie viel man einfach mit Ruhe, Geduld, Freiraum und intensiver Begleitung auf Augenhöhe bei ganz verschiedenen Leiden ausrichten kann.

kobinet-nachrichten: Was muss Ihrer Meinung nach für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen getan werden, damit Diskriminierungen abgebaut werden und Inklusion möglich wird?

Dana Bretthauer: Das sind große Fragen, die ich nur in Bezug auf den Freizeitbereich beantworten möchte´. Alles andere würde den Rahmen sprengen. Zunächst einmal braucht es meiner Meinung nach Geduld und kleine Schritte. "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!" Inklusion muss in den Köpfen der Menschen beginnen - auf beiden Seiten! Momentan sind Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen relativ in die Gesellschaft integriert und die Inklusion steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt besondere Angebote für pychisch beeinträchtigte Menschen, die auch zahlreich genutzt werden. Im Bereich Sport gibt es beispielsweise kostenlose Angebote für psychisch beeinträchtigte Menschen und die sind gar nicht schlecht. Nachbarschaftshäuser und Volkshochschulen haben aber auch gute Angebote für jedermann. Sinnvoll wäre es und eben ein Schritt, beide Angebote für alle zu öffnen und das auch publik zu machen, so wie es das INN-Projekt jetzt in Angriff nimmt. Durch den so überhaupt erst entstehenden Kontakt, bei dem Diagnosen keine Rolle spielen müssen, kann auch der Diskriminierung entgegengewirkt werden.

Nun heißt es aber eben auch den Weg zur Inklusion zu ebnen und den Menschen eine wirkliche Wahl zu geben. Zunächst müssen die Menschen über ihre Möglichkeiten zur Teilhabe informiert werden. Dann braucht es aber eben auch Wegbegleiter. Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen haben mitunter große Selbstwertprobleme, weinig Energie oder Angst, das Haus zu verlassen, U-Bahn zu fahren oder unter vielen Menschen zu sein. Diese Barrieren können nur ganz geduldig und behutsam begleitend überwunden werden und es muss Vorbilder geben, die schon mit ihren Barrieren umgehen können. So kann schon ein gemeinsames Kaffeetrinken beim Bäcker um die Ecke Inklusion bedeuten.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview und vor allem viel Erfolg bei Ihrem Wirken.