Bundesteilhabegesetz von Ableismus geprägt

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Dr. Sigrid Arnade
Dr. Sigrid Arnade
Bild: ISL

Berlin (kobinet) Vor kurzem hat die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) eine Broschüre veröffentlicht, in der es um das recht neue Thema "Ableismus" ging. Wie passt das in eine Zeit, in der mit dem Bundesteilhabegesetz neue Rahmenbedingungen in der Behindertenpolitik geschaffen werden? Dies und vieles andere wollte Ottmar Miles-Paul von den kobinet-nachrichten wissen, der mit Dr. Sigrid Arnade, der Geschäftsführerin der ISL, sprach.

kobinet-nachrichten: Wie passt das Thema Ableismus in eine Zeit, in der mit dem Bundesteilhabegesetz (BTHG) neue Rahmenbedingungen in der Behindertenpolitik geschaffen werden?

Dr. Sigrid Arnade: Das passt hervorragend, denn das BTHG ist das beste Beispiel für Ableismus: Fundamentale Menschenrechte behinderter Menschen (das Recht auf freie Wahl von Wohnform und Wohnort) werden immer noch unter Kostenvorbehalt gestellt, wobei sich die Situation eher noch verschlechtern wird. Etwas Vergleichbares würde niemandem bei Menschen ohne Behinderungen einfallen. Zum Beispiel wird die Versammlungsfreiheit nicht eingeschränkt, wenn eine Kommune klamm ist. Das ist gut und richtig, aber wieso werden die Menschenrechte behinderter Menschen als Menschenrechte zweiter Klasse behandelt. Das ist doch Ableismus pur!

kobinet-nachrichten: Wie waren denn die ersten Reaktionen auf die Broschüre?

Dr. Sigrid Arnade: Wir haben viel Lob dafür bekommen, was mich überrascht hat, denn meist erhalten wir gar keine Reaktionen auf neue Publikationen. Es wurde bedauert, dass es die Broschüre nicht auch als Printversion gibt.

kobinet-nachrichten: Im Text der Broschüre werden Strategien beschrieben, um sich gegen Ableismus zu wehren. Was ist Ihrer Meinung nach das sinnvollste Mittel?

Dr. Sigrid Arnade: Meiner Ansicht nach ist es zunächst wichtig, sich der Mechanismen des Ableismus bewusst zu sein oder zu werden, um Reaktionen der Umwelt einordnen zu können und nicht persönlich zu nehmen. Dann halte ich, wie viele Interviewpartner*innen auch, Empowerment-Kurse für ein sinnvolles Instrument, um die eigenen Widerstandskräfte zu stärken.

kobinet-nachrichten: In der RTL-Undercover-Sendung des Teams Wallraff über Behinderteneinrichtungen, die vor wenigen Tagen hohe Wellen geschlagen hat, werden gravierende Missstände in den Einrichtungen aufgedeckt. Helfen diese Strategien auch Menschen, die in einer solchen Einrichtung leben und arbeiten?

Dr. Sigrid Arnade: Empowerment-Kurse und unsere Ableismus-Broschüre sind kein Allheilmittel, aber helfen können sie schon – da bin ich mir sicher.

kobinet-nachrichten: Es ist ja immer schwer, Fachbegriffe in verständliche Sprache zu übersetzen. Bei Rassismus weiß mittlerweile jeder, was das ist. Wie könnte man Ableismus leichter verständlich übersetzen oder finden Sie es sinnvoller, diesen Begriff, so wie er ist, in den Alltag einzuführen?

Dr. Sigrid Arnade: Der Begriff Ableismus ist schrecklich schwere Sprache, das stimmt. Aber bislang ist mir kein leichterer Begriff für dieselben Inhalte begegnet. Ich fürchte, wir müssen in den sauren Apfel beißen und den mühsamen Weg gehen, diesen Begriff und das dahinter liegende Konzept bekannt zu machen. Unsere Broschüre bedeutet ja einen Schritt in diese Richtung.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank.

Link zur 20-seitigen Broschüre "Ableismus erkennen und begegnen" mit Cartoons von Phil Hubbe, die vom AOK Bundesverband finanziell gefördert wurde und in den Formaten pdf und pdf-barrierefrei als Download kostenlos auf der ISL-Webseite erhältlich ist.