Armut auf neuem Höchststand

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Dr. Sigrid Arnade
Dr. Sigrid Arnade
Bild: ISL

Berlin (kobinet) Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen, so der Befund des aktuellen Armutsberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der dieses Jahr wieder unter Mitwirkung weiterer Verbände und Fachorganisationen erschienen ist. Nach Aussagen des Verbandes markiert dieser Höchstwert einen mehrjährigen Trend wachsender Armut. Er fordert die Politik zu einem entschlossenen Handeln in der Arbeitsmarktpolitik, beim Wohnungsbau, in der Bildung und dem Ausbau sozialer Dienstleistungen und Angebote in den Kommunen auf. Voraussetzung für eine offensive Armutsbekämpfung sei ein rigoroser Kurswechsel in der Steuer- und Finanzpolitik. Erstmals ist die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) Mitherausgeber. Erstmals enthält der heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellte Bericht ein Kapitel zu "Behinderung und Armut", das Sigrid Arnade und Claudia Scheytt verfasst haben.

Erstmals ermöglicht der Bericht des Paritätischen einen Zehn-Jahres-Vergleich. Auffällig sei dabei der Rückgang der Armutsquote in allen ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Berlins. Auf der anderen Seite stieg die Armut in allen westdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Hamburgs und Bayerns merkbar an. Als besondere Problemregionen identifiziert der Bericht im Zehn-Jahres-Vergleich die Länder Berlin und Nordrhein-Westfalen. Unter Berücksichtigung der Bevölkerungszahl, der Bevölkerungsdichte und der längerfristigen Trends müssten das Ruhrgebiet und Berlin als die armutspolitischen Problemregionen Deutschlands angesehen werden.

Alarmierend sei im Zehn-Jahres-Vergleich insbesondere die Armutsentwicklung bei Rentnerinnen und Rentnern. Ihre Armutsquote stieg zwischen 2005 und 2015 von 10,7 auf 15,9 Prozent und damit um 49 Prozent, ein völliger "Ausreißer in der Armutsstatistik". Durchgreifende Reformen in der Alterssicherung seien daher unausweichlich, um Altersarmut vorzubeugen.

Der Armutsbericht enthält neben empirischen Daten zur Armutsentwicklung in Deutschland Analysen zur Lebenssituation und Armut einzelnen Personengruppen (Alleinerziehende, Kinder und Jugendliche, Arbeitslose, Alte Menschen, Geflüchtete, Migranten, Menschen mit psychischer Erkrankung, Menschen mit Behinderung) sowie zu Querschnittsthemen (Wohnungslosigkeit, Gesundheit und Armut). Herausgeber des Armutsberichts sind der Paritätische Gesamtverband, das Deutsche Kinderhilfswerk, der Volkssolidarität Bundesverband, die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, der Deutsche Kinderschutzbund, der Verband alleinerziehender Mütter und Väter, der Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte, die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, PRO ASYL und die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL).

Gemeinsam fordern die Organisationen von der Politik entschlossenes Handeln und eine Sozialpolitik, die alle Menschen mitnimmt. Es sei Zeit für einen sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel, um Armut zu bekämpfen und eine Verringerung sozialer Ungleichheit zu erreichen.

Für den 27. und 28. Juni 2017 kündigen die Organisationen den nächsten großen armutspolitischen Hauptstadtkongress an, für den u.a. auch der DGB und die Nationale Armutskonferenz als Mitveranstalter gewonnen werden konnten.

Den Bericht, weitere Infos und eine detaillierte Suchfunktion nach Postleitzahlen sind auf www.der-paritaetische.de/armutsbericht, Details zum Armutskongress am 27. und 28. Juni 2017 in Berlin unter www.armutskongress.de

Auf der ISL-Webseite gibt es einen O-Ton von Sigi Arnade und ihr Statement auf der  Pressekonferenz.

Lesermeinungen zu “Armut auf neuem Höchststand” (7)

Von Ernst


Von Sven Drebes
Donnerstag, 9. März 2017 18:53
@Interessierte:

"Nur der Vollständigkeit halber, die Abgeordneten-Pensionsreform in Baden-Württemberg wurde nach ein paar Tagen zurück gezogen."

Wieso dass denn, hatte man versehentlich die Reform mit den Regelsätzen der Grundsicherung verwechselt?

Von Sven Drebes

@Interessierte:
Nur der Vollständigkeit halber, die Abgeordneten-Pensionsreform in Baden-Württemberg wurde nach ein paar Tagen zurück gezogen.

Von Interessierte

http://www.stern.de/tv/staatspension--so-machen-sich-abgeordnete-die-taschen-voll-7325800.html

Wenn es unseren Abgeordneten dringend erscheint, werden Entwürfe erstaunlich schnell durchgeboxt. Schauen wir mal, wie lange der Widerspruch der Bevölkerung sich durchsetzt.

Wenn sich selbige für Verbesserungen, einsetzen, wo es wirklich Not tut, hätte niemand etwas dagegen. Aber gegen diese Egoisten kommt niemand an.

Von Annika

In Zeiten des Neoliberalismus werden die Eliten immer Reicher und die "Armen" bekommen allenfalls die Krümel vom Tisch.
Der "Sozialstaat" verschwindet immer mehr und die Einzelnen sehen zu, wie sie noch irgendwie durchkommen.
Menschen mit Behinderungen sind leider die Ärmsten der Armen und erhalten kaum Beachtung. Die Möglichkeit, dass sich hier etwas ändert, ist gering und geht nur über Protest.

Von Tomtom

Armut ist ein gutes Zwangs-und Manipulationsmittel. Bei vielen reicht schon die Drohung damit ,und sie spuren . Also ist sie gewollt ! Die Reichen und Mächtigen wollen keine freien , selbständigen Menschen , sondern Ja-Sager und Mitläufer .
Ich weiß , wovon ich rede , ich habe 2 solcher Typen in der Familie,meine Eltern. Was ich im Jahr an Rente bekomme , verspaßen sie in einem Urlaub , was ich im Jahr an Wohngeld bekomme , geben sie im Monat für Essen aus . Wieso unterstützen sie mich nicht - Weil ich nicht wie ein braver Pudel pariere , ihrem Lebensstil , ihrer Einstellung huldige. Wieso werden sie nicht von Amtswegen verpflichtet- weil in diesem Land eben auch die Reichen geschützt werdén , sélbst gegen ihre eigenen Kinder. VG.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen, lehne ich dennoch ab. Es sollten Bedingungen gestellt werden , deshalb plädiere ich für ein Bürgergeld.

Von Annika

Ich habe mich in diesem Zusammenhang mit dem "bedingungslosen Grundeinkommen" beschäftigt und bin der Meinung, dass dieses einige Probleme lösen könnte. Jeder (auch Kinder) hätte ein Einkommen, von dem er leben könnte ohne bürokratische Hürden nehmen zu müssen. Menschen mit Behinderungen müssten, wenn sie nicht wollen, auch nicht in Sonderwelten arbeiten, sondern könnten sich engagieren, wo sie Lust dazu haben. Arbeit gibt es ohnehin nicht für alle und an anderer Stelle könnte Geld gespart werden. Wer seinen Angehörigen pflegen will, muss nicht arbeiten, da er ja ein Einkommen hat...
Wie das finanziert werden könnte, kann man beim NETZWERK GRUNDEINKOMMEN nachlesen.
Die Gesellschaft muss sich wieder mehr in Richtung Lebensqualität entwickeln könnnen.

Von Cyra2003

Und das wir mal an die " nicht Fitten " denken !
Eingliederungshilfe darf nicht mehr Einrichtungsgebunden sein.
Wenn ein Elternteil oder ein Assistenzgeber mit unserem Kind durch die Stadt geht usw. Ist das mehr Inklusion als in einer Werkstatt unter auskrenzung der Öffentlichkeit für Taschengeld statt Mindestlohn ausgenutzt zu werden !

Die wohl Ärmsten Deutschlands - Menschen mit Behinderungen und alte Menschen in stationären Einrichtungen

von Mike Behrens (Die erste kurze Veröffentlichung zu den tatsächlichen Zuständen?)

In vielen Einrichtungen (z.B. auch AWO) werden nur um die 280 Euro inklusive Bekleidungspauschale (Rechnungen müssen vorgelegt werden) gezahlt. Wer arbeitsfähig ist (diese Entscheidung fällt oft die Einrichtungsleitung) bekommt Centbeträge pro Stunde dazu. Bei Arbeit bekommt die Einrichtung Hunderte pro Person im Monat zusätzlich. Es herrscht - wohl auch daher - Nötigung zur Arbeit, fast Zwang.
In den Werkstätten ausserhalb, gibt es oft ein Akkordsystem mit 9 Lohnstufen. Ständiges Mobbing wegen Centbeträgen im Akkord.
Meistens gewinnen die Einrichtungen bestimmte Industrieaufträge gegen die Gefängnisse. 0 Privatleben bei Mehrbettzimmern und häufigen Kontrollen. Offizielle Angaben zu den finanziellen Leistungen: "Erwachsene Behinderte in stationären Einrichtungen (bis 2019): Regelbedarfsstufe 3 = EURO 327,00 (2016: EURO 324,00)"

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