Markus Ertl kämpft für Barrierefreiheit im Netz

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Markus Ertl
Markus Ertl
Bild: Markus Ertl

Lenggries (kobinet) Markus Ertl aus Lenggries weiß spätestens seit der Zeit seiner nachlassenden Sehkraft wie wichtig Barrierefreiheit bei den Informationstechnologien sind. Auf seiner Seite unter dem Motto „lasst mich auch dabei sein" – Facebook barrierefrei - und nicht nur dort - setzt sich Markus Ertl u.a. als Inklusionsbotschafter für den Abbau von Barrieren ein. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit ihm über sein Wirken und seine Erfahrungen.

kobinet-nachrichten: Sie sind ja seit kurzem neben Ihrem sonstigen Engagement als Inklusionsbotschafter aktiv. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Markus Ertl: Um zu verstehen warum mir das so wichtig ist, möchte ich ein bisschen weiter ausholen. Meine Vita war bisher nicht sehr geprägt von meiner Behinderung. Ich selbst und auch die Leute um mich herum haben zwar immer gewusst, dass ich eine fortschreitende Netzhauterkrankung habe und ich am Ende gar daran erblinden kann, aber das spielte in meinem Leben nur immer eine sehr untergeordnete Rolle. Ab dem Tag, an dem ich das erste Mal mit Blindenstock durch meinen Heimatort gelaufen bin, war alles anders. Dies hat mich selbst zu tiefst erschreckt und zum Nachdenken gebracht. Mir selbst ist es auch wichtig, mich als Mensch in der Gesellschaft zu hinterfragen, und hier stelle ich natürlich die Frage: Werde ich auf das behindert sein reduziert oder ist es gar meine eigene veränderte Wahrnehmung, geprägt durch meine eigene Sinnesbeeinträchtigung? Gewiss ist es ein Stückchen von beiden. Aber leider erlebe ich es immer wieder, dass ich jetzt für Dinge gelobt werde, die für mich Selbstverständlich sind, Fragen zum Thema Blindheit gestellt werden, die mich erst einmal fest durchschnaufen lassen und ich eine Art der Bevormundung von mir wildfremden Menschen erfahre, die ich nicht zulassen möchte. Da ich aber meinen Mitmenschen unbedingt die Chance geben möchte, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ich mit meiner Behinderung wirklich brauche,
aber was mir jeder unbedingt noch zutrauen kann, da ich es selbst ja auch tue, informiere ich gerne über mein Leben.

Zu meinen Beschreibungen gehören natürlich Alltagssituationen von mir, die sich jemand ohne diese Sinneseinschränkung gar nicht vorstellen kann. Banalitäten, wie zum Beispiel, wie orientiere ich mich in meiner gewohnten Umgebung bis hin zu wie mache ich das auf der Toilette (war wirklich mal eine Frage an mich). Es sind aber auch Situationen, welche mir als freiheitsliebender Mensch so wichtig sind, dass ich natürlich einen Weg dahin erst finden musste und ich dies um so mehr genießen kann, wie zum Beispiel der Blindenskilauf oder meine fast schon übertriebene Grillleidenshaft. Aber ich beschreibe mein Leben immer als ganz normal, nur dass ich gewisse Dinge halt anders mache. Aber ich mache es halt einfach. So suche ich immer wieder das Gespräch, informiere, gebe Auskunft und grenze natürlich auch ab, was mir wirklich hilft und auf was ich gerne verzichten kann. Ich kann auf Mitleidsgehabe und auf aufgedrängte Hilfestellungen gerne verzichten.

kobinet-nachrichten: Was hilft Ihnen?

Markus Ertl: Mir hilft es, wenn ich eine faire Chance bekomme, mich am Leben, sei es in der Arbeit, meiner Familie oder in jeder anderen gesellschaftlichen Verantwortung als Mensch selbstbestimmt einbringen kann und dabei mein Handicap eine nur sehr untergeordnete Rolle spielt. Diese Chance erlebte ich früher ohne Blindenstock auch und schön langsam kehrt dies auch in mein Leben zurück, weil viele Mitmenschen mir diese Verantwortung wieder zutrauen und ich die Chance bekomme. Hier will ich Botschafter sein, um zu informieren, es vorzuleben und jeden zu ermutigen, seinem Gegenüber, ob mit oder ohne Behinderung, die faire Chance zu geben, die er verdient. Aber bitte die gleiche Chance auf beide Seiten!

kobinet-nachrichten: Welche Erfahrungen machen Sie, wenn Sie das Internet, bzw. soziale Medien nutzen, konkret in Sachen Barrierefreiheit?

Markus Ertl: Ich selbst habe das Gefühl, dass viele, auch viele aus der IT-Branche oder den Online-Redaktionen, gar nicht wissen, dass es eine Barrierefreiheit in der Informationstechnologie gibt. Bei dem Thema wird oft nur an Rampen, Fahrstühle und an Behinderten-WC´s gedacht. Natürlich ist das mindestens so wichtig, aber jeder hat seine besonderen Bedürfnisse nach Barrierefreiheit, um am Leben fair teilhaben zu können. Bei Menschen mit meiner Sinnesbeeinträchtigung ist dies halt neben den Blindenleitsystem unter anderem auch die Informationstechnologie, deren barrierefreier Zugang mir faire Teilhabe ermöglicht. Und da dieses Wissen in unserer Gesellschaft noch nicht weit verbreitet ist, lässt mich meine Erfahrung regelmäßig verzweifeln.

Es gibt sehr gut gemachte Seiten, die sich aktiv um eine Barrierefreiheit bemühen. Sei es, weil diese dazu gesetzliche Vorgaben erfüllen oder weil diese eine gesellschaftliche und für sich wirtschaftliche Chance dahinter erkannt haben. So haben Institutionen auf Bundesebene ein Bundesgleichstellungsgesetz (BBG) samt Verordnung für die Barrierefreiheit in der Informationstechnologie (BITV 2.0) zu erfüllen. Und bereits hier gibt es gravierende Unterschiede. Mag hier die Grundstruktur der www-Seiten eine blindentechnische Navigation vermuten lassen, ist die Zugänglichkeit bei einigen durchgängig, jedoch bei vielen sehr lückenhaft. Hier merkt man schnell die Unwissenheit auf der redaktionellen Seite. Überschriften werden nicht gekennzeichnet, Graphiken nicht beschrieben und Links nicht eindeutig gekennzeichnet. Und sollten Sie hier die besten Hilfsmittel verwenden, sagen die auch nicht mehr an, als ihnen auf der anderen Seite im Netz präsentiert wird.
Viele Apps, die einem das Leben erleichtern könnten, sind nicht barrierefrei. Fehlende Beschriftungen von Links, Graphiken und Navigationselementen machen es uns Blinden unmöglich, diese zu verwenden
Social Media, für viele Menschen ein täglich genutzter Weg, um mit Freunden in Kontakt zu sein, sich in Gruppen auszutauschen, sich zu informieren oder gar etwas zum Schmunzeln zu finden, ist auch oder sogar besonders für Menschen, welche selbst nicht mehr so leicht den Weg in die Gesellschaft schaffen, ein hervorragendes Medium, um am Leben teilhaben zu können.

Aber hier erlebt man auch so allerlei Ausgrenzung, auch auf Seiten, die hier einer gesetzlichen Verpflichtung unterliegen würden. Hier heißt es dann schnell zum Beispiel, dass Facebook mit der fehlenden Möglichkeit von Alternativtexten Schuld hat. Facebook hat wirklich nur die automatische Bildbeschreibung im Einsatz, um im Bild versteckt einem blinden Nutzer zum Beispiel das Bild zu erklären. Diese Erklärung ist nur eben sehr rudimentär und sie erfragen höchstens so etwas wie "Bild zeigt vermutlich 2 Menschen im Freien, Sonnenbrille und lächeln." So etwas hilft einem aber doch nicht wirklich weiter. Dazu kommt, dass es bereits Standard ist, Text in ein Bild mit einzubinden. Visuell sicherlich sehr ansprechend, aber nicht zugänglich für unsere Hilfstechnologie. Um hier fair teilhaben zu dürfen, ist aber nur ein Alternativtext außerhalb des Bildes notwendig. Leider haben hier viele der Redaktionen für diese Lösung nur gerne wieder ein anderes Problem.
Eine Freude ist deshalb für mich jedes Lichtlein, das ich mit meinem Projekt "Lasst mich auch dabei sein FB barrierefrei" bisher anzünden durfte und diese Seiten nun auch barrierefrei posten.

kobinet-nachrichten: Was müsste Ihrer Ansicht nach getan werden, dass sich die Situation entscheidend verbessert?

Markus Ertl: 1. Der Gesetzgeber müsste hier ein klares Signal in Richtung Inklusion und fairer Teilhabe geben. Das kürzlich geänderte Bundesbehindertengleichstellungsgesetz (BBG) geht hier nicht über eine Verpflichtung auf Bundesebene hinaus. Ein klares Bekenntnis zur konsequenten Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention müsste viel tiefer in der Gesellschaft, bei den Ländern und Kommunen und in der freien Wirtschaft verankert werden. Auch wenn dies vonseiten der Regierung negiert wird, bin ich sicher, dass nur der gesetzliche Rahmen für eine einheitliche Barrierefreiheit im Netz sorgen kann.

2. Zudem müssen auch die zur Barrierefreiheit verpflichteten Institutionen die gesetzlichen Vorgaben konsequent umsetzen und sich nicht mit schlecht gemachten Seiten bereits nach BITV 2.0 mit "wir sind barrierefrei" rühmen. Als besonders schlecht gemacht finde ich hier zum Beispiel ein Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Hier ist so gut wie alles nicht barrierefrei.

3. Viele der Betroffenen müssen immer wieder Sturm laufen, damit diese bestehenden Verpflichtungen erfüllt werden. Hartnäckigkeit ist hier gefragt.

4. Wir brauchen Verbündete im Kampf für eine Inklusion. Dabei sollten auch wir Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen uns gegenseitig mit dem Thema Barrierefreiheit unterstützen. Mein Motto heißt: "Mach du mir bitte deine Beiträge auf Facebook barrierefrei, ich frage den Bäcker am Eck, wann er eine Rampe baut".

5. Und dann natürlich immer wieder bei den Unternehmen nachfragen, welche barrierefrei Lösung die uns anbieten können. Nur durch die hartnäckige Konfrontation mit dem Thema merken diese auch, welche großen Chancen darin stecken. Oder warum liefern sich Apple und Android das Duell um die beste accesibility auf dem Markt? Die pure Gutheit wird es sicherlich nicht sein.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche in Sachen Inklusion frei hätten, welche wären dies?

Markus Ertl: Wo ist hier die Fee?;-) Wunsch 1 - ich würde mir eine inklusive Schule wünschen, eine für ALLE!
Wunsch 2 - ich würde allen die Erleuchtung wünschen, dass in jeder Andersartigkeit etwas Bereicherndes steckt. Ohne Angst, ohne Vorbehalte und ohne Vorurteile.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Markus Ertl: Gerne, und ich danke Ihnen immer für die guten Berichte. Ich bin ein eifriger Leser Ihrer Nachrichten.