Erstaunen über vermeintliche unabhängige Beratung

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Britta Schade
Britta Schade
Bild: ZsL Stuttgart

Stuttgart (kobinet) Derzeit überbieten sich traditionelle Träger, die bisher wenig mit der Selbstbestimmung behinderter Menschen, einer ernsthaften Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und noch weniger mit einer unabhängigen Beratung von behinderten Menschen für behinderte Menschen zu tun hatten, darin, sich im Lichte des Bundesteilhabegesetzes zu positionieren. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Britta Schade, die an einem Workshop zur unabhängigen Teilhabeberatung des Paritätischen in Baden-Württemberg teilgenommen hat.

kobinet-nachrichten: Diese Woche haben Sie an einem Workshop zur unabhängigen Teilhabeberatung - Chancen und Möglichkeiten des Paritätischen Landesverbandes Baden-Württemberg teilgenommen. An wen hat sich das Angebot gerichtet und was war Ziel der Veranstaltung?

Britta Schade: Das Angebot war an alle Mitglieder des Paritätischen Landesverbandes Baden-Württemberg der Fachgruppen der Behindertenhilfe, wie die Selbsthilfegruppen, gerichtet. Teilgenommen haben viele Vertreter*innen von Ortverbänden der Lebenshilfe, von Werkstätten, vom Landesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte (LVKM), der Reha Südwest, wie auch einige wenige aus Selbsthilfegruppen. Ziel war gemeinsam zu erarbeiten, wie ein Antrag zur unabhängigen Teilhabeberatung aussehen kann. Es wurde zudem diskutiert, was Peer Counceling und was unabhängige Beratung ist.

kobinet-nachrichten: Sie waren als Vertreterin des Zentrum selbstbestimmt Leben (ZsL) Stuttgart dabei, Ihr seid der Selbstbestimmt Leben Bewegung verbunden und dem Dachverband Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) angeschlossen. Eure Leitlinien sind schon immer unabhängige Beratung und Beratung mit den Methoden des Peer Counceling. Wie haben die anderen Teilnehmer*innen dies dargestellt?

Britta Schade: Ich war sehr erstaunt, dass fast alle Teilnehmer*innen unabhängig beraten und auch Peer Counceling betreiben. Berater*innen in Beratungsstellen der Lebenshilfe haben dies anscheinend als Selbstverpflichtung, dass sie unabhängig beraten. Eine Beraterin einer solchen Beratungsstelle meinte sogar, sie kenne sich in den Wohneinrichtungen anderer Träger besser aus, als bei ihren eigenen und diese Unabhängigkeit sei immer oberste Priorität. Alle Berater*innen beraten anscheinend parteilich, das heißt, beraten im Sinne des Ratsuchenden.

kobinet-nachrichten: Und wie ist es mit dem Peer Counseling?

Britta Schade: Peer Counceling bieten anscheinend viele der Teilnehmer*innen in Peer Gruppen innerhalb der Einrichtungen an, das heißt, die Bewohner*innen oder Werkstattmitarbeiter*innen tauschen sich in Gruppenangeboten aus. Der Austausch in Selbsthilfegruppen wurde ebenfalls als Peer Counceling dargestellt.
Ein anderes Thema war die Tandem-Beratung für die Menschen mit Lernschwierigkeiten (leider scheint bei den Mitarbeiter*innen der Lebenshilfe immer noch das Wort „geistige" Behinderung gebräuchlich zu sein). Da stellte sich die Frage, wie diese gehen könne, wer mit wem und wer die Menschen mit Lernschwierigkeiten ausbilde. Auch stellte sich die Frage, ob es auch Peer-Beratung sei, wenn sich betroffene Eltern gegenseitig beraten oder eine Beratungsstelle nach dem Konzept des Peer Counselings haben.

kobinet-nachrichten: Was nimmst du aus der Veranstaltung mit?

Britta Schade: Wir - sowohl vom Dachverband der ISL – wie auch wir hier in Stuttgart im ZsL auf Landesebene brauchen klare Definitionen was unabhängige Beratung ist, was Peer Counseling und was eine Tandem-Beratung ist, um nur die wichtigsten Punkte zu nennen. Viele Beratungsstellen von den unterschiedlichen Trägern stehen in den Startlöchern, um sich zu bewerben – sehr viele davon haben Wohnangebote, Werkstattplätze oder auch Assistenzdienste – und alle können ihre Beratung als unabhängig darstellen und haben auf einmal schon jahrelang Peer Counseling "gemacht".

Es müssen sowohl auf Bundeseben wie auch auf Landesebene klare Vergabekriterien erarbeitet werden und auch der Wunsch, dass die Entscheidungen über die Vergabe mit Selbstvertreter*innen getroffen werden, berücksichtigt werden. Es ist wirklich traurig zu sehen, was alles auf einmal unabhängig ist und wer alles schon immer Peer Counseling macht. Hier gibt es eine ähnliche Entwicklung wie beim Begriff "selbstbestimmt leben", der auch von Behinderteneinrichtungen aufgegriffen wird, wo anscheinend ja auch alle Menschen selbst bestimmt leben können, wohnortnah und ganz im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention.

kobinet-nachrichten: Wie haben Sie sich bei diesem Workshop gefühlt?

Britta Schade: Ich habe mich sehr komisch gefühlt. Was besonders "anstrengend" war, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, andere fühlen sich durch mich angegriffen, indem ich meine Positionen der Selbstbestimmt Bewegung vertrat. Das Fachfrauen meinten, sie könnten genauso gut, auch ohne Behinderungserfahrung, andere Menschen mit Behinderung beraten. Außerdem sei ich als Nutzerin eines Rollstuhles auch anders behindert als wenn ich blind sei oder lernbehindert – das ist ja dann immer das Lieblingsargument – wer denn diese Menschen berate und vertrete. Was dann eine Fachfrau als "Argument" gelten lassen konnte, war als ich meinte, es sei ja auch wichtig als "Vorbildfunktion" als Mensch mit Behinderung in der Beratung zu sein. Es kam immer auf, was mir sehr oft in diesen Diskussionen begegnet, dass sich Fachleute in ihrer Kompetenz angegriffen fühlen oder meinen, ich wolle sie ihnen absprechen.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.