Personalsituation in Einrichtungen unwichtig?

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Corinna Rüffer
Corinna Rüffer
Bild: Irina Tischer

Berlin (kobinet) Wohnt ein behinderter Mensch in einer Wohneinrichtung, wird dieser Wohnheimplatz in Hessen oder Nordrhein-Westfalen durchschnittlich mit etwa 50.000 Euro im Jahr finanziert und in Brandenburg immerhin mit 37.000 Euro. In Mecklenburg Vorpommern dagegen nur mit knapp 23.000 Euro. Das zeigt eine Übersicht, die regelmäßig von den Sozialhilfeträgern erstellt wird, der sogenannte Kennzahlenvergleich. Die behindertenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Corinna Rüffer hat bei der Bundesregierung nachgefragt, wie diese Unterschiede zu erklären sind.

"Gleichwertige Lebensverhältnisse lassen sich nicht herstellen, wenn die finanziellen Möglichkeiten so weit auseinander gehen. Mit zehn Euro kann ich mir einfach mehr kaufen, als mit zwei. Menschen mit Behinderungen haben aber in Hessen und Mecklenburg Vorpommern das gleiche Recht auf Teilhabe. Die Bundesregierung wimmelt diese Bedenken in ihrer Antwort schlicht ab und erklärt noch dazu, aus Unterschieden in der Personalausstattung könne man keine Rückschlüsse ziehen über Umfang und Qualität der Leistung. Das ist ignorant, wenn nicht gar rücksichtslos gegenüber Menschen mit Behinderungen und den Beschäftigten in Wohneinrichtungen. Schließlich geht es darum, ob behinderte Menschen in Begleitung ihr Wohnheim verlassen können und gleichzeitig noch genug Personal da ist, um anderen auf die Toilette zu helfen. Zu wenig Personal schränkt die Selbstbestimmung behinderter Menschen ein. Und wer zu wenig Kolleginnen und Kollegen hat, ist schneller überlastet und kann sich den Menschen nicht so widmen, wie es eigentlich erforderlich wäre", so Corinna Rüffer in einer Presseerklärung zur Beantwortung ihrer Anfrage.

Link zur Antwort der Bundesregierung auf die schriftliche Frage von Corinna Rüffer

Lesermeinungen zu “Personalsituation in Einrichtungen unwichtig?” (1)

Von Clemens Selzer

So ganz falsch - fürchte ich - wird die Antwort der Bundesregierung wohl nicht sein: Die unterschiedlichen Personalkosten sind u.a. auch darauf zurückzuführen, das man zwar bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Engagement der Beschäftigten in Wohneinrichtungen lobt, aber bei der Bezahlung dieses Personals in vielen dieser Einrichtungen einen alles andere als respektvollen Umgang mit seinem Personal pflegt: Da gibt es Einrichtungen, die zahlen relativ ordentlich. Ihre Träger sind Mitglied des Arbeitgeberverbandes, sie zahlen Tariflohn und werden deshalb wohl auch höhere Personalkosten haben, was auch Auswirkungen auf die Fallkosten hat. Aber es gibt auch Einrichtungen, die sind nicht Mitglied des Arbeitgeberverbandes und drücken sich damit auch vor der ordentlichen Bezahlung ihres Personals nach dem Tarifvertrag. Sie zahlen Hungerlöhne nahe am Mindestlohn. Sie zahlen Löhne, von denen man nicht leben kann. Manchmal sind sie extra dazu sogar aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten. Ihre schlechten Arbeitsbedingungen wirken sich nicht nur auf die "Höhe" der Fallkosten aus: Sie fördern auch miserable Arbeitsbedingungen für das Personal und mindern die Qualität ihrer Arbeit. Eine ordentliche "Betreuung" und Förderung der Selbstbestimmung der Menschen mit Behinderung wird damit erschwert oder gar unmöglich gemacht.
Allerdings muss man auch sagen: "Vorbildlich" verhalten sich auch Einrichtungen mit relativ ordentlichen Löhnen deshalb noch lange nicht: Fast alle Träger haben nämlich eines gemeinsam: Sparen am Personal wollen sie alle und nutzen auch jede Gelegenheit dazu. Sie tragen alle dazu bei, die Selbstbestimmung der BewohnerInnen zu behindern und eine wirklich inklusive Gesellschaft zu verhindern.

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