Bundespräsident wirbt für Inklusion

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Frank-Walter Steinmeier beim Jahresempfang 2017
Frank-Walter Steinmeier beim Jahresempfang 2017
Bild: Irina Tischer

Berlin (kobinet) Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat heute beim Jahresempfang der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen im Café Moskau in Berlin dafür geworben, dass "möglichst viele bei der Inklusion mitmachen und selbst erleben, dass Offenheit und Toleranz zu einem besseren Miteinander führen, von dem alle etwas haben." Vor über 500 Gästen Verena Benteles aus Politik, Verbänden und Selbsthilfeorganisationen erklärte Steinmeier, Ziel sei eine Gesellschaft, in der jeder Mensch, mit oder ohne Behinderung, nicht nur gleiche Rechte, sondern auch gleiche Chancen hat und überall dabei sein kann – in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel und in der Freizeit. "Aber Sie alle wissen auch: Ein solcher gesellschaftlicher Wandel lässt sich nicht durch Revolution von heute auf morgen verwirklichen, sondern nur durch schrittweise Reformen und beharrliches Engagement", so der Bundespräsident.

"Für viele Menschen mit Behinderung ist der Weg in ein selbstbestimmtes Leben nach wie vor schwer. Noch immer werden Behinderte im Alltag diskriminiert, noch immer gibt es viele Barrieren, das zeigt auch der jüngste Teilhabebericht der Bundesregierung. Dabei gilt oft, liebe Frau Bentele, Sie haben es gesagt: Mehr Lebenskomfort und Chancengleichheit kosten nicht unbedingt mehr Geld. Manchmal würde schon eine kleine Rampe oder eine Speisekarte in Brailleschrift eine große Veränderung bedeuten", sagte Steinmeier in seiner Ansprache.

"Inklusion ist, trotz des sperrigen Begriffs, kein Thema nur für Experten. Jede und jeder kann in seinem Umfeld einen Beitrag leisten. Und es ist wichtig, dass wir mehr über gelungene Inklusion sprechen. Natürlich gibt es auch Probleme, Spannungen und Konflikte! Wie sollte es anders sein bei einem so großen und komplexen Projekt? Aber wir dürfen nicht zulassen, dass alles schlechtgeredet wird", so der Bundespräsident. "Zur Aufklärung über Inklusion gehört auch, dass wir entschieden einem Missverständnis entgegentreten: Wer gleiche Rechte und gleiche Chancen fordert, der redet gerade nicht der Gleichmacherei das Wort. Menschen mit Behinderungen sind so unterschiedlich wie Menschen ohne Behinderungen, sie leben auch so unterschiedlich und legen genauso viel Wert auf ihr Anders-Sein. Es ist schön, dass wir die Vielfalt unserer Gesellschaft auch heute Nachmittag hier im Café Moskau erleben können."

Der Bundespräsident dankte allen, die der Inklusion Gesicht und Stimme geben, hier im Saal und im ganzen Land, allen, die sich beruflich oder ehrenamtlich für ein gleichberechtigtes Miteinander einsetzen: "Sie sind es, die Verantwortung leben und Verständnis fördern. Sie bringen unsere Gesellschaft voran."

Privatwirtschaft zur Barrierefreiheit verpflichten

Nach dem Grußwort des Ehrengastes forderte Verena Bentele in ihrer Rede unter anderem die Abschaffung der pauschalen Wahlrechtsausschlüsse von Menschen mit rechtlicher Betreuung in allen Angelegenheiten: „Bürger in diesem Land zu sein, das bedeutet auch ein Wahlrecht zu haben, es gibt nichts Elementareres in einer Demokratie." Als weitere Forderung nannte sie die Verpflichtung der Privatwirtschaft zur Barrierefreiheit. Produkte und Dienstleistungen müssen barrierefrei gestaltet werden, damit alle Menschen teilhaben können.

Frank-Walter Steinmeier und Verena Bentele beim Jahresempfang 2017

Frank-Walter Steinmeier und Verena Bentele beim Jahresempfang 2017

Den Perspektiven für Arbeit für Menschen mit Behinderungen im Zeitalter der Digitalisierung widmete sich der Impulsvortrag der Zukunftsforscherin Cornelia Daheim zum Thema „Arbeit der Zukunft". Deutschland befände sich durch die Digitalisierung in einer Zeit des Umbruchs, von der auch die Inklusion profitieren könnte. Veränderungen ließen sich gerade auch zugunsten von Menschen mit Behinderungen nutzen. „Digitale Barrierefreiheit ist eine Grundvoraussetzung und Bildungszugang ein zentraler Hebel für eine inklusive Arbeitswelt", so Daheim.

Lesermeinungen zu “Bundespräsident wirbt für Inklusion” (2)

Von Speedwheel

Allen voran gibt es bei den Discounter wie Aldi, Lidl, Netto und Penny Probleme mit dem Rollstuhl durch die Gänge und Kassenschleusen zu kommen. Die Gänge werden durch achtloses Personal zugestellt und die letztgenannten Kassenschleusen sind viel zu eng was zum einklemmen der Finger führen kann. Weiterhin besteht das Problem, dass es keine geeigneten Einkaufskörbe für Rollstuhlfahrer gibt. Was in allen Verkaufseinrichtungen fehlt ist ein Leitsystem und Preisauszeichnungen für blinde Menschen. Auch diese haben ein Recht selbstständig einkaufen zu können.

Von Uwe Heineker

Bereits Bundespräsident Heinemann traf in seiner Weihnachtsansprache 1970 folgende Aussage:

„Eine Gesellschaft, die alte Menschen und behinderte Menschen aller Art nicht als natürlichen Teil ihrer selbst zu achten und zu behandeln weiß, spricht sich selbst das Urteil. Unsere grundsätzlich auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtete Gesellschaft ist nur dann in Ordnung, wenn sie behinderten Menschen volle Achtung, volle Gemeinschaft und ein Höchstmaß an Eingliederung gewährt“

Grundlegend geändert hat sich seitdem kaum etwas und wird auch so bleiben, solange die hartnäckigen und verkrusten Denkmuster und Strukturen nicht überwunden werden ...

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