Sozialverband entsetzt über CDU-Pläne

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Adolf Bauer
Adolf Bauer
Bild: SoVD

Hannover (kobinet) Entsetzt hat der Sozialverband Deutschland (SoVD) in Niedersachsen auf die heutige Ankündigung des christdemokratischen Spitzenkandidaten Bernd Althusmann reagiert, die Inklusion auf Eis zu legen. „Das Moratorium in der Inklusion ist eine Schnapsidee", kritisiert der SoVD-Landesvorsitzende Adolf Bauer, „wir sind entsetzt darüber, dass ein Stopp der Schließung von Förderschulen auch nur in Erwägung gezogen wird."

Immer wieder hatte die niedersächsische CDU in der Vergangenheit betont, Förderschulen erhalten zu wollen. Das widerspricht allerdings dem Prinzip der Inklusion in der Bildung. „Inklusion ist ein Menschenrecht. Deutschland ist verpflichtet, sie umzusetzen und voranzutreiben. Wir fragen uns allen Ernstes: Wie kann man eine Pause bei einem Menschenrecht einlegen oder Rechte sogar wieder beschneiden?", so Bauer. Das sei absurd. „Die CDU und ihr Spitzenkandidat tun gerade so, als sei dieses Recht verhandelbar. Das ist allerdings schlichtweg unmöglich."

Dazu komme, dass es keinen Elternwillen gegen die Inklusion gebe. „Dieses Gerücht wird nicht wahrer, wenn es immer wiederholt wird." Die Argumentation, dass es noch Probleme bei der inklusiven Beschulung von Kindern in Niedersachsen gäbe, hält Bauer für vorgeschoben: „Natürlich läuft noch nicht alles optimal. Aber deshalb hört man doch nicht auf. Stattdessen sollte man es besser machen." Selbstverständlich koste das Geld. „Aber wir haben ja in den vergangenen Tagen immer wieder gehört, dass durch die Steuereinnahmen genügend Geld vorhanden ist. Es muss nur richtig verteilt werden", findet der SoVD-Landesvorsitzende.

Für den SoVD sei die Inklusion ein unverrückbarer Pfeiler in einem sozialen Konzept. Wenn die CDU das anders sähe, sei das keine Voraussetzung für eine Zusammenarbeit in dieser Sache.

Lesermeinungen zu “Sozialverband entsetzt über CDU-Pläne” (11)

Von Sven Drebes

Hallo SpeedWheel,

wenn man am Regelschulsystem festhalten will, haben Sie Recht. Dann sollte man aber auch so ehrlich sein, weiter von Integration statt von Inklusion zu sprechen.
Inklusion stellt dagegen das Schulsystem vom Kopf auf die Füße und schaut sich jeden Schüler einzeln an. Dann wären zahlreiche andere Probleme mit gelöst:
- Heute langweilt sich ein Teil der Klasse oft, während ein anderer Teil abgehängt ist, was zu Frust bei beiden führt.
- Nur wenige können alles gleich gut.
- Viele haben mal einen Durchhänger.
Natürlich geht das nicht, wenn eine Lehrkraft vor 25 oder 30 Schülern steht und große Teile der Zeit einen Monolog hält.

Von Behindert_im_System

Wie kann man mit schlechter Theorie nur glauben die mangelnde Praxis wäre durch eine Schönrederei zu ersetzen?

Von Lesebrille

@kirsti: Natürlich gilt Inklusion für alle!

Das Problem ist nur, dass genau das immer wieder angezweifelt und auch sehr aktiv dagegen gearbeitet wird. Und wenn selbst behinderte Menschen glauben, sie könnten fröhlich selektieren - wobei sie selbst natürlich zu den Inkludierbaren gehören - dann wird mir schlicht übel!

Kleine Ergänzung zu Ihrem Hinweis:Die Hilfsschule ist definitiv älter, das ist korrekt. Die Sonderpädagogik wurde jedoch im Nationalsozialismus als Fach entwickelt und löste die Heilpädagogik ab. Siehe auch:
https://de.wikipedia.org/wiki/Sonderp%C3%A4dagogik_im_Nationalsozialismus
http://www.taz.de/!5292139/

Von kirsti

Liebe Lesebrille,
das was zu sagen ist, ist gesagt! Inklusion gilt für Alle!! Nur eine kleine „rechthaberische“ Anmerkung am Rande zu Ihrer These: „Die „Sonderpädagogik“ ist ein Kind der Nationalsozialisten“. Das stimmt so nicht ganz: Die „Hilfsschulen“ haben eine längere Geschichte, sie sind bereits früher entstanden – z.T. auch in bester Absicht, „schwache“ Kinder zu fördern-, einen guten Überblick über die Geschichte der Hilfsschule mit zahlreichen Literaturbelegen bietet Kirsten Knaack in „Die Hilfsschule im Nationalsozialismus“. Lesenswert vor allem die Kapitel 4.1. „Von der Gründung der Hilfsschule bis 1933“ sowie 4.2. „Die Hilfsschule von 1933 – 1945“, sowie natürlich das gesamte Buch.

Von Alexander Drewes

Es verwundert nicht allzu sehr, dass ein körperlich beeinträchtigter Mensch hier der Segregation von kognitiv beeinträchtigten Schülern das Wort redet.
Es gibt nach der UN-BRK keinen Anspruch auf Segregation. Dass schulische Inklusion vielfach problematisch ist, liegt zunächst einmal am Unwillen der Kultusministerialbürokratie und den Schulverwaltung(en), Inklusion auch tatsächlich umsetzen zu wollen. Ich lebe hier in Kassel in einer von mehreren "Modellregionen" in Hessen, in denen schulische Inklusion vorrangig umgesetzt werden soll. Sowohl für sinnesbeeinträchtigte als auch für kognitiv beeinträchtigte Kinder gibt es - selbst hier - nicht einmal Handreichungen des Schulamtes oder des Hessischen Kultusministeriums. Die Lehrerschaft ist im günstigsten Fall völlig überfordert, im ungünstigsten Fall betreibt sie offensive Obstruktion (ich erlebe das selber seit vier Jahren bei meiner jüngsten Ziehtochter, die blind und Autistin ist). Nichtsdestotrotz ist die (schulische) Inklusion dringend notwendig, allein der soziale Aspekt und das Fehlen der segregativen Dunstglocke sind für beeinträchtigte Kinder ein Segen. Ansonsten gilt hier, was man auch im Regelfall aussagen kann: Wer etwas will, sucht nach Antworten. Wer etwas nicht will, sucht nach Gründen. Gründe für die angebliche inklusive Nicht-Beschulbarkeit von beeinträchtigten Kindern lese ich von den Gegnern oder den Skeptikern der Inklusion zuhauf, Antworten haben sie keine oder wollen sie aus Bequemlichkeit keine haben.

Von Uwe Heineker

... dabei empfahl der Deutsche Bildungsrat bereits 1973 (!) den integrativen Unterricht ...

http://www.nibis.de/~infosos/bildungsrat_1973.htm

Von Lesebrille

Kleines P.S. an die Bundes- und Landesregierungen:

Wer die Inklusion an Schulen (sowie Ausbildung und Beruf) ohne Geld, oder allenfalls mal für einen Aufzug hier oder da, umsetzen will, treibt die Exklusion der nächsten Generationen behinderter Menschen - trotz anderslautendere Sonntagsreden - bewusst und gewollt voran.

Von Lesebrille

Die "Sonderpädagogik" ist ein Kind der Nationalsozialisten. Sicher, an den Förderschulen hat sich einiges geändert seit damals. Eine selbstreflektive Auseinandersetzung mit den Inhalten der eigenen Pädagogikgrundlagen im geschichtlichen Kontext passiert allerdings in den seltensten Fällen.

Ich habe im Zuge eines Ehrenamtes in einer Förderschule gearbeitet. Nett und lieb zu den Schüler*innen waren alle Mitarbeiter*innen. Aber ein Ansatz zur Inklusion war nicht vorhanden. Diese Kinder und Jugendliche lebten durch die Bank in einer Parallelwelt, schön geschützt und hässlich abgegrenzt zu den Mitmenschen drumherum. Unter der Woche hatten sie, Dank Ganztagsunterricht, auch kaum eine Chance, dieser Ausgrenzung zu entkommen.

Sie wurden in Spezialbussen gebracht und wieder heimgefahren. Die anderen Schulen in der gleichen Strasse waren durch Zäune voneinander getrennt, die Pausen verschoben wahrgenommen.

Das ist eine Parallelwelt, die staatlich gewollt und seit Jahrzehnten genauso finanziert wird! Dass diese Schule dabei längst räumlich an ihre Grenzen kam und auch baulich in den 80er/90ern hängenblieb, interessiert ebenso nicht ernsthaft.

Türchen auf, behindertes Kind rein, Türchen zu! Wer solch eine Ghettoisierung schätzt und weiterhin erhalten möchte, macht sich, aus meiner Sicht, der Menschenrechtsverletzung mitschuldig.
Dem Menschenrecht auf Teilhabe.

Ein Menschenrecht, das sich die Verweiger*innen selbst niemals nehmen lassen würden - da bin ich mir sicher!

Von Lesebrille

Korrektur: Es muss natürlich heissen: "Hier wird also gar keine "Sau durch's Dorf" gejagt..."

Von Lesebrille

Ich kann dieses ewige Gejammere darum, dass behinderte Kinder in Regelschulen nicht inkludiert werden können, nicht mehr hören!

Ich bin vor über 40 Jahren in eine Regelschule eingeschult worden, geburtsbehindert und rollstuhlnutzend. Vor über 40 Jahren sprachen die Schulen, die mich aufnahmen, weder von Integration, noch von Inklusion, sie nahmen mich einfach auf.

Als ich studierte, waren allein in meinem Fach vier andere rollstuhlnutzende Student*innen eingeschrieben.

Dass dieses Land, im Gegensatz zu meinen Schulen damals, 40 Jahre gepennt hat, ist kein Grund, die Konflikte auf dem Rücken der behinderten Kinder und deren Eltern auszutragen.

Und @"Speedwheel": Die Vorbehalte, die Sie da anbringen, sind die selben Vorbehalte, die es vor 40 Jahren uns Rollstuhlnutzer*innen gegenüber gab.
Dass Sie sich als inkludierbar definieren, aber bitte bitte keine intellektuell eingeschränkten Kinder an Regelschulen dafür halten, sagt mehr über Sie, als über das Thema selbst.

Hier wird also gar "Sau durch's Dorf" gejagt, sondern vielmehr einer Forderung Nachdruck verliehen, die durch die UN-Behindertenrechtskonvention sehr wohl gedeckt ist.

Von Speedwheel

Eine Inklusion in eine Regelschule ist nur dann möglich, wenn die Voraussetzung gegeben sind. Wenn ein Kind lediglich eine Körperbehinderung hat und den Unterrichtsstoff ohne weiteres folgen kann, dann spricht auch nichts dagegen. Wenn aber kognitive Einschränkungen zu verzeichnen sind, dann muss es immer eine Einzelfallentscheidung sein. Inklusion in Regelschulen sowie Gymnasium sollte immer eine Einzelfallentscheidung sein.
Die Förderschulen haben ihre Daseinsberechtigung. Diese abschaffen zu wollen ist eine Schnapsidee. Es gibt Kinder, welche diese Formen brauchen. Die Eltern sollten auch weiterhin die Wahlfreiheit haben. Wer glaubt die Inklusion auf Teufel komm raus - Methode durchprügeln zu wollen, schadet diesen Kindern mehr als das man ihnen hilft. Setzt Euch mit den Eltern dieser Kinder zusammen. Denn sie kennen ihre Sprösslinge besser und sollten nach einer gründlichen Abklärung es auch selbst entscheiden dürfen. Also hören Sie endlich auf die Sau durch's Dorf zu jagen! Übrigens habe ich selbst auch ein Handicap. Ich bin seit zwei Jahren durch die Verstärkung der Spastik auf den Rollstuhl angewiesen.

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