Sven Drebes zur Pride Parade

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Pride Parade am 13. Juli 2013 in Berlin
Pride Parade am 13. Juli 2013 in Berlin
Bild: kobinet/sch

Berlin (kobinet) Vorschläge für die Glitzerkrücke der Pride Parade sind noch möglch. Das erfuhr kobinet heute von Sven Drebes, Mitglied im Organisationsbündnis der "Behindert und verrückt feiern - Pride Parade Berlin". Der promovierte Volkswirt (auf dem Foto links) äußerte sich im Interview mit dem Berliner kobinet-Korrespondenten über Beweggründe dieser Aktion, die erstmals im Juli 2013 stattfand.

kobinet: Die 4. Pride Parade in Berlin steigt am 15. Juli. Du warst immer in der ersten Reihe dabei. Auch in diesem Jahr?

Sven Drebes: Das legen wir immer erst kurz vorher fest, ist also noch offen. Wir versuchen immer möglichst viele unterschiedliche Leute - zum Teil aus dem Organisations-Bündnis, zum Teil andere - in der ersten Reihe zu haben. Dass ich bisher immer dabei war, war teilweise Zufall, teilweise lag es auch daran, dass ich einer der Menschen im Bündnis mit einer auffälligen Beeinträchtigung bin.

kobinet: Verleiht ihr wieder die "Glitzerkrücke"?

Sven Drebes: Ja, und wir suchen noch Vorschläge. Wer uns Institutionen, Verbände oder Personen vorschlagen will, die behinderte oder verrückte Menschen in letzter Zeit besonders diskriminiert oder ausgegrenzt haben, kann das per E-Mail unter pride-parade@gmx.de oder über Facebook tun.

kobinet: Vor den anstehenden Bundestagswahlen wird wieder zwischen dem Neuköllner Hermannplatz und dem "Kotti" in Kreuzberg "behindert und verrückt gefeiert". Mit welcher politischen Botschaft gehen die Leute auf die Straße?

Sven Drebes: Wir demonstrieren gegen Diskriminierungen, Fremdbestimmung, die kapitalistische Verwertung des Menschen und für echte Barrierefreiheit, „Ganzhabe", Inklusion und ein respektiertes Leben in Würde. Behinderte und verrückte Menschen sollen über ihr Leben selbst bestimmen können. Das muss endlich akzeptiert werden. Auch nach mehr als zehn Jahren UN-BRK und rund 50 Jahren Behinderten-, Krüppel- und Psychiatriebetroffenen-Bewegung ist das alles andere als selbstverständlich. Noch immer müssen behinderte Menschen oft kämpfen, wenn sie nicht in einer Werkstatt arbeiten oder nicht in einem Heim oder mit 30 noch bei ihren Eltern wohnen wollen. Immer noch machen es die Psychisch-Kranken-Gesetze vieler Bundesländer möglich, Menschen in die geschlossene Psychiatrie einzuweisen, wenn der bloße Verdacht besteht, dass sie sich selbst etwas antun könnten. Zusätzlich ist die gesellschaftliche Stimmung deutlich nach rechts gekippt, vor allem seit der letzten Pride-Parade vor zwei Jahren.

Damals war für mich kaum vorstellbar, dass Begriffe wie "Leitkultur" diesseits der AfD wieder ernsthaft diskutiert würden. Derzeit werden zwar "Gleichberechtigung" und der Schutz bestimmter "Minderheiten" zur angeblichem "Leitkultur" in Deutschland gezählt. Wenn man aber sieht, wie sich die Fans der sogenannten "deutschen Leitkultur" z.B. gegenüber Frauen, queeren, behinderten oder verrückten Menschen verhalten oder wie deren Politik aussieht. kann man das nur als Lüge bezeichnen. Immerhin wollen dieselben Leute Förderschulen, Werkstätten und Wohnheime erhalten, Zwangsbehandlungen erleichtern, verrückte Straftäter lebenslang wegsperren, die Ehe zwischen Geld verdienendem Mann und Kinder erziehender Hausfrau zum einzig akzeptablen Lebensmodell machen sowie Geflüchtete möglichst schnell wieder abschieben und ihnen bis dahin nur soviel Unterstützung geben, dass sie noch ins Flugzeug steigen können. Für uns ist deshalb klar: Inklusion und "Leitkultur" schließen sich aus, und wir kämpfen für echte Inklusion!

kobinet: Seit Jahresbeginn ist teilweise das Bundesteilhabegesetz in Kraft. Die davon Betroffenen wollten viel mehr. Darum die Parole im Aufruf zur Pride Parade: "ganzhaben statt teilhaben". Wo siehst Du Verbündete, um in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen verbriefte Rechte in Deutschland tatsächlich umzusetzen.

Sven Drebes: Zunächst müssen wir untereinander solidarischer sein: gut verdienende behinderte Menschen, solche die in Werkstätten arbeiten, arbeitslos sind oder nicht arbeiten können, körperlich beeinträchtigte, blinde, taube und verrückte Menschen sowie Menschen mit Lernschwierigkeiten oder chronischen Erkrankungen, selbst Betroffene und Angehörige usw. Da hat es letztes Jahr Fortschritte gegeben, es ist aber noch viel Luft nach oben. Darüber hinaus sollten wir mehr mit anderen benachteiligten und ausgegrenzten Gruppen zusammen arbeiten: Frauen, Trans*, Inter*, Schwule, Lesben, Migrant*innen, Geflüchtete usw. Das alles funktioniert aber nur, wenn wir über unseren Tellerrand schauen.

Das heißt, wir dürfen nicht nur Solidarität und Unterstützung erwarten, sondern auch selbst solidarisch mit Anderen sein. Das funktioniert wiederum nur, wenn wir akzeptieren, dass Benachteiligungen und Ausgrenzungen nicht hierarchisiert werden dürfen - es darf nicht zum Streit dazu kommen, wer am schlimmsten ausgegrenzt wird. Und wir müssen uns fragen, wo es uns besser als Anderen geht - Stichwort Geflüchtete - oder wir selbst Andere ausgrenzen. Das Projekt "Umsetzung der BRK" muss also Teil des gemeinsamen Projekts "Schaffung einer inklusiven Gesellschaft" werden.

kobinet: Vielen Dank für das Interview.

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