Gegen Windmühlen kämpfen

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Laura Gehlhaar an ihrem Schreibtisch in Berlin
Laura Gehlhaar an ihrem Schreibtisch in Berlin
Bild: Andi Weiland

Berlin (kobinet) In einer Verlagsbeilage "Leben mit Behinderung" der Berliner Zeitung kritisiert heute Laura Gehlhaar die Ausgrenzung. Die Bloggerin, Aktivistin und Publizistin gelangt oft an einen Punkt, "an dem man das Gefühl hat, gegen Windmühlen zu kämpfen", sagte sie im Interview mit Stefanie Paul.

"An dem Punkt merkt man, dass man eben doch nicht so gehört wird, wie in der eigenen Blase. Auf Veranstaltungen sind ja irgendwie konsequent immer die gleichen Leute, die alles toll finden und applaudieren. Sie sind Teil deiner eigenen Filterblase. Aber außerhalb ist es schwierig, die Leute zu erreichen", so Frau Gehlhaar.

Die 34-Jährige hat in den Niederlanden und Berlin Sozialpädagogik und Psychologie studiert. Sie glaubt, Politik und Gesellschaft seien überfordert, "weil die Behinderten plötzlich laut und sichtbar werden. Und plötzlich - oh Himmel - die gleichen Rechte haben wollen." In den vergangenen Jahrzehnten lebten sie am Rande der Gesellschaft. "Alles war ruhig, aber plötzlich kommen die Leute an und fordern etwas. Das scheint viele zu überfordern." Für die Zukunft wünscht sie sich: "Man sollte Behinderte weder als die großen Helden darstellen noch als Opfer. Sondern einfach als gleichberechtigte Menschen."

Lesermeinungen zu “Gegen Windmühlen kämpfen” (2)

Von Uwe Heineker

Menschen mit Behinderung spielen sowohl im Bewusstsein der Öffentlichkeit als auch auf der politischen Agenda bislang so gut wie keine Rolle.

Insofern handelt es sich auch um einen Verdrängungsmechanismus, um sich eben nicht mit dieser "unbequemer" Thematik auseinander setzen zu müssen.

Somit spiegeln sich die (negativen) Ergebnisse sozialpsychologischer Einstellungsforschung zum gesellschaftlichen Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung (http://bidok.uibk.ac.at/library/cloerkes-einstellung.html) wider.

Bereits Bundespräsident Heinemann traf in seiner Weihnachtsansprache 1970 folgende Aussage:

„Eine Gesellschaft, die alte Menschen und behinderte Menschen aller Art nicht als natürlichen Teil ihrer selbst zu achten und zu behandeln weiß, spricht sich selbst das Urteil. Unsere grundsätzlich auf Leistung und Wettbewerb ausgerichtete Gesellschaft ist nur dann in Ordnung, wenn sie behinderten Menschen volle Achtung, volle Gemeinschaft und ein Höchstmaß an Eingliederung gewährt“

Grundlegend geändert hat sich seitdem kaum etwas und wird es auch so bleiben, solange die hartnäckigen und verkrusten Denkmuster und Strukturen nicht überwunden werden ...

So gesehen ist die UN-Behindertenrechtskonvention der gesellschaftlichen Entwicklung weit voraus und kann somit als Husarenstück der (internationalen) Behindertenbewegung bezeichnet werden.

Von Annika

Ich teile das Empfinden, dass sich Menschen heute von Behinderten eher überfordert sehen und deshalb auch nicht mehr so freundlich reagieren als alles noch "geordneter" war.
Auch haben die Menschen "außerhalb" zusehends um ihre eigene Existenzsicherung zu kämpfen. Vielleicht geht es auch einfach um einen ehrlicheren Umgang miteinander und um die Erkenntnis, dass die Meisten ihre Schwierigkeiten haben, in einem neoliberalen, kapitalistischen System mithalten zu können.
Sozusagen einen Mensch-Mensch-Kontakt, Solidarität...

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