Im neuen Zug der Berliner S-Bahn

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Im Modellabteil der neuen S-Bahnzüge
Im Modellabteil der neuen S-Bahnzüge
Bild: Nadine Hanuschke

Berlin (kobinet) Berlin braucht dringend neue S-Bahnzüge. Fahrgäste mit eingeschränkter Mobiliät befürchten, dass die in Auftrag gegebenen neuen Züge weniger barrierefrei sein werden als alte. Nach mehrfach vorgebrachter Kritik und Petitionen an das Abgeordnetenhaus von Berlin hat Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Die Grünen) in dieser Woche zu einem Ortstermin im  S-Bahnwerk Schöneweide eingeladen. Hier steht ein Modell der neuen Zugreihe in Originalgröße, das der Hersteller angefertigt hat. Nadine Hanuschke war dabei. Ihren Bericht mit Foto aus der Sicht der Betroffenen veröffentlicht kobinet heute. Wie sie erfahren hat, wird es an der Nullserie wohl keine Veränderungen geben, weil der Prozess schon zu weit fortgeschritten sei.

Bericht von Nadine Hanuschke

Die Mitgliederversammlung des Berliner Behindertenverbands hatte Ende Juni einstimmig eine Resolution verabschiedet, die eine berechtigte und sachliche Kritik gegen die neu geplante S-Bahn zum Inhalt hatte. Auch wegen dieser Resolution sah sich wohl Staatssekretär Kirchner veranlasst zum 06.07. in aller Frühe zu einem Vor-Ort Termin einzuladen. Um 07:30 Uhr galt es im S-Bahnwerk Schöneweide zu sein. Gekommen waren dann dann unter anderen einige Abgeordnete aus dem Abgeordnetenhaus, der Landesbehindertenbeauftragte Dr. Schneider, ein Vertreter vom Hersteller Stadler und für diese Uhrzeit erstaunlich viele Menschen mit Behinderungen verschiedenster Art.

Durch die Veranstaltung im S-Bahnwerk in Schöneweide führten dann der Staatssekretär und die Leiterin der Abteilung Fahrgastmarketing und Produktinnovation, Frau Annekatrin Westphal. Die Stimmung war von Anfang an distanziert: Tenor von Seiten der Veranstalter: „Eigentlich ist schon alles gesagt. Alle Verbände der Nutzergruppen wurden gehört. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, mit dem Leute die in einer wachsenden Stadt leben wollen, leben müssen."

Nachfragen von den Anwesenden wurden als Vorwurf verstanden und zum Teil ziemlich lapidar abgetan. Ein Beispiel gefällig? Frau Westphal gab bei der Begehung in dem Modell des Mehrzweckabteils auf die berechtigte Kritik, dass dieses Abteil zu klein und zu eng ist zum Besten: „Es gibt ja nur 10 Prozent der BerlinerInnen die eine Behinderung haben und damit ja eine eher kleine Nutzergruppe darstellen." Es ist hinlänglich bekannt dass diese Zahl in den nächsten 20- 30 Jahren enorm zunehmen wird. Mindestens solange sollen auch die neuen Züge auf den Schienen unterwegs sein.

Es besteht nach wie vor die Kritik, an der Einstiegssituation. Hier stehen die Rampe, die horizontale Spaltüberwindung und die Haltestangen in der Kritik. Die Veranstalter wollten nur zwei RollstuhlfahrerInnen den Zugang zum Modell erlauben. Daran hat sich nur kaum jemand gehalten. Gut so, schließlich wollte man eine alltagstaugliche Situation darstellen - eine rappelvolle S-Bahn. Schnell stellte sich heraus, dass das Abteil tatsächlich zu klein war. Es bestand zum Beispiel nur die Möglichkeit mit dem Rollstuhl rückwärts raus zufahren, denn drehen war in dieser Enge nicht möglich. Dabei waren Fahrräder und Kinderwagen noch nicht mal dabei.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die Haltestangen in den Eingangsbereichen, die nicht für Rollstuhlfahrer vorgesehen sind. Angeblich sind sie dort verbaut, weil sie mehr Sicherheit für die stehenden Fahrgäste bieten sollen. Tatsächlich dienen sie der Fahrgastlenkung.
Dem Rollstuhlfahrer wird die Selbstbestimmung beim Benutzen der S-Bahn durch dieses Hindernis abgesprochen – ja schlicht unmöglich gemacht.

Andreas Scheibner nutzt einen Rollator und fasst seinen Eindruck der Veranstaltung so zusammen: „Ich fühle mich nicht ernst genommen von den Vertretern der S-Bahn und dem Hersteller. Die Haltestangen sind kontraproduktiv. Sie müssen entfernt werden."
Damit spricht er aus, was dem Vernehmen nach alle fordern. So sieht sich Frau Westphal genötigt „eine Prüfung ob das denn möglich sei" in Erwägung zu ziehen.

Der Landesbehindertenbeauftragte Herr Dr. Schneider hat das Treffen so geschildert: „Es gibt keine Offenheit der S-Bahn gegenüber den Änderungsvorschlägen." Er hegt allerdings die Hoffnung, dass es etwas mehr Platz in dem Mehrzweckabteil geben wird.

„An der Nullserie wird es wohl keine Veränderungen geben, weil der Prozess schon zu weit fortgeschritten ist", sagt Frau Westphal.

Ein paar mal betont sie: „Es gab einen Beteiligungsprozess, der inzwischen abgeschlossen ist." Die Erfahrung von Menschen mit Behinderung ist leider in der jüngsten Vergangenheit diese: Wir werden gefragt, damit man sagen kann, dass wir gefragt wurden. Unsere Argumente werden gehört, aber nicht verstanden und schon gar nicht umgesetzt, sagt ein Teilnehmer dieser Zusammenkunft. Jens Hanuschke weiter: „Echte Beteiligung zeigt sich darin, dass wir eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe leben. Davon war heute leider nichts zu spüren."

Herr Schmidt-Block, blind und ebenfalls Kritiker der neuen S-Bahnreihe erklärte: "Es gab eine ernsthafte Diskussion mit Werksvertretern und dem Hersteller. „Für blinde Menschen ist das Türfindesignal zu leise, sogar in der relativ ruhigen Werkshalle." Wie mag das erst sein, wenn die Bahn im Normalbetrieb mit Umgebungsgeräuschen fährt. Schmidt-Block weiter: „Die Höhe der Taster ist nicht optimal. Sie sind zu niedrig." Es bleibt abzuwarten, ob diese Kritik auf die Bereitschaft trifft, hier für Abhilfe zu sorgen.

Die eine Stunde die uns vor Ort zugebilligt wurde vergeht wie im Flug. Staatsekretär Kirchner und die Abgeordneten müssen los, weil sie an diesem Tag noch eine Plenarsitzung vor sich haben. Vor dem S-Bahnwerk und nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung, gibt es dann den Vorschlag und den Wunsch der Anwesenden, die Abgeordneten sollten bei der S-Bahn nachfragen, wie weit die Bestellung der sogenannten Nullserie ist und ob nicht doch die Änderungsvorschläge berücksichtigt werden können. Die Abgeordnete Stefanie Fuchs von den LINKEN sagte zu, mit ihrer Fraktion zu sprechen und bei einem Übereinkommen auch mit den anderen Fraktionen einen geeigneten Weg zu finden, gegenüber der S-Bahn dranzubleiben. Auf die Frage, wie sie den Vor-Ort-Termin empfunden hat, antwortet sie: „Es war schon zum Teil grenzwertig, wie die Verantwortlichen auf die angesprochenen Probleme reagiert haben."

 

Lesermeinungen zu “Im neuen Zug der Berliner S-Bahn” (19)

Von Dr. Theben

@Arndt Hellinger

danke für den hilfreichen Beitrag. Es ist in der Tat rechtlich schwierig, hier in Regress zu gehen.

Was die (mangelnde) Einbeziehung der Betroffenen angeht, wurde die auch vom noch amtierenden LfB Dr. Schneider in der letzten Anhörung im Sozialausschuss des Abgeordnetenhauses Ende des vergangenen Monats kritisiert.

Grüße

Dr. Theben

Von Arnd Hellinger

@Lesebrille:
@Dr. Theben:

Die Sache mit den "Fördergeldern" ist etwas schwierig, weil hier - anders als in anderen Verkehrsverbünden - die S-Bahn Berlin GmbH ihre Züge selbst beschaffen und finanzieren muss. Sie bekommt an öffentlichen Zuwendungen also "nur" ein Leistungsentgelt entsprechend den pro Jahr gefahrenen Zugkilometern sowie die gesetzlich festgelegten Erstattungssätze etwa für die kostenlose Beförderung Behinderter sowie derer Assistenzpersonen. Die Anforderungen an die neuen Züge wurden von den Ländern Berlin und Brandenburg bzw. dem VBB in der EU-weiten Ausschreibung für den ab 2021 gültigen Verkehrsvertrag definiert...

Insofern sehe ich hier leider nicht, wer da von wem auf welcher Rechtsgrundlage "Fördergelder" zurückfordern könnte. :-(

Von Lesebrille

@Dr. Theben:
Ein freundliches Hallo nach Berlin, Herr Dr. Theben,
und ja, ich verstehe, Pseudobeteiligung und so... . Nicht neu und immer wieder auf der persönlichen Ebene widerlich und im Endeffekt für die Tonne!

Und meinen Denkfehler habe ich, glaube ich, auch verstanden: Berlin müsste die Förderung von sich selbst wiederverlangen, korrekt?
Liebe Grüsse aus Frankfurt

Von Dr. Theben


Von Dr. Theben
Mittwoch, 19. Juli 2017 11:28

@Lesebrille

ich entschuldige mich für die verspätete Antwort.

Ich sehe hier zwei Probleme:

1. Die Betroffenen werden beteiligt,aber erst hinterher, also wenn die Messen gesungen sind...Das muss sich ändern. Übrigens: Beteiligen heißt nicht gleich Mitbestimmen. Kein Betroffener maßt sich an, der S-Bahn in ihre unternehmerische Entscheidungsgewalt hineinzuregieren. Aber der Sachverstand der Betroffenen sollte doch rechtzeitig abgefragt werden, wenn er wirklich vom betreffenden Unternehmen gewünscht ist...

2. Klar gibt es Definitionen für Barrierefreiheit. Vorliegend aber stellt sich die Frage gilt das hier für den jeweiligen Wagon, oder eben den ganzen ZUg.

Und schließlich:Zweckwidrig verwende Fördergelder können vom Fördernden zurückgefordert werden. Na dann viel Spaß Land Berlin.

Grüße von

DR. Theben

Von Lesebrille

@Dr. Theben:
Also ich lese den Text in der PDF so: Es ist ja nett, dass ihr behinderten Nutzer*innen was gesagt habt, aber Zusagen haben wir eh keine gemacht, also geht uns auch Eure Beschwerde am bürokratischen Hintern vorbei.

Korrekt? Wenn ja wäre das sehr putzig...! Soweit ich weiss, gibt es a) eine Verpflichtung zur Barrierefreiheit, nicht einem neuen Barriereaufbau
und b) gibt es doch die Öffentliche Förderung bis 2019.

Frage: Darf man die bei Nichterfüllung zurückfordern?

Liebe Grüsse

Von Dr. Theben

Zum Hintergrund der divergierenden Positionen verweise ich auf den TOP 1 der Sitzung der AG Bauen und Verkehr bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt vom 8.November 2016 hin.

http://www.stadtentwicklung.berlin.de/bauen/barrierefreies_bauen/download/20161108_protokoll_agbau.pdf

Solidarische Grüße

Dr. Martin Theben

Von Arnd Hellinger

@Normalverbraucher:

Niemand bestreitet, dass z, B. Gehbehinderte auch Haltemöglichkeiten benötigen, um im Falle einer Gefahrenbremsung - die wird bei Überschreiten der örtlich zulässigen Geschwindigkeit oder Überfahren eines Haltesignals ohne Zutun des Lokführers ausgelöst, während das Ziehen der Notbremse "nur" eine Sprechverbindung zum Führerstand aufschaltet - nicht zu stürzen, gar keine Frage. Hier geht es jedoch darum, ob diese zwingend in Form zweier vertikaler Stangen mitten in den Türräumen realisiert werden muss..

Da lohnt dann schon ein kurzer Blick zum "anderen" Berliner Nahverkehrsdienstleister BVG: Der nämlich verzichtet bei allen seit 1994 gebauten und bestellten U_ und Straßenbahnzügen konsequent auf Mittelstangen, ohne dass es hierdurch vermehrt zu Fahrgastunfällen gekommen wäre. Die neuen U-Bahnen sind daneben mit Längssitzen ausgestattet, so dass sie mit Rollstühlen, Rollatoren oder Kinderwagen auf ganzer Zug- bzw. Halbzuglänge durchfahren werden können - wichtig etwa bei technischen Türstörungen.

Insofern bleibt unklar, warum man hier seitens SenUVK und S-Bahn Berlin GmbH nicht einfach die Konzeption der U-Bahn übernommen hat...

Dem Konsortium Stadler/Siemens ist hier übrigens keinerlei Vorwurf zu machen: Schienenfahrzeuge werden nämlich nach den Vorgaben der Besteller sowie Zulassungsbehörden entwickelt und gefertigt...

Von lisa s

@Otto Normalverbraucher

„Wenn Sie von 10 oder 20 Prozent Menschen mit Behinderung reden, denken Sie auch mal darüber nach, dass nur ein kleiner Teil dieser Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Gerade viele ältere Menschen können nicht gut laufen und benötigen einen Sitzplatz.“
Sie widersprechen sich. Gerade wenn Ältere „nicht gut laufen“ können kommt zuerst der Rollator, später der Schiebe- oder der E-Rolli.


„Schwangere benötigen einen Sitzplatz. Blinde benötigen einen Sitzplatz“
Natürlich. Und Sie meinen, es gäbe nicht genug Sitzplätze auch für diese Menschen?

„Wo sollen all diese Menschen sitzen, wenn der Zug ausschließlich aus Mehrzweckbereichen besteht? Wie viele Rollstuhlplätze wären Ihrer Meinung nach in einem Halbzug angemessen?“
Jaja, die bösen, bösen Behinderten, die alle anderen ausgrenzen wollen… lustig.
Wer lesen kann ist klar im Vorteil… https://www.change.org/p/bettina-jeschek-die-s-bahn-will-rollstuhlfahrer-ausgrenzen-stoppen-wir-das

Von lisa s

Hi @Otto Normalverbraucher
Wir sprechen von völlig unterschiedlichen Sachen.
Sie sprechen von „... ein schönes Fahrzeug…“, und ich spreche von existenziellen Notwendigkeiten.
Und ja, ich bin der Ansicht, daß jede Form von Behinderung bei einem Fahrzeugmodell berücksichtigt werden muss, insofern könnte tatsächlich der Eindruck entstehen ich würde für alle Behinderten sprechen. Aber nein, ich behaupte nicht, daß ich in der Lage wäre zu sagen was Menschen mit anderen Behinderungen benötigen.
Und Sie? Für wen sprechen Sie denn?

„Was hindert Sie daran, die Mehrzweckbereiche in der Mitte zu nutzen?“
Weil ich dort womöglich gar nicht einsteigen kann? Oder selbst wenn ich an dem einen Bahnsteig dort einsteigen könnte käme ich möglicherweise an meiner Zielhaltestelle gar nicht hinaus?
Ich sehe, Sie sind neu bei dem Thema?

„Was haben Sie für ein Problem damit, dass die Rollstuhlstellplätze auch von anderen Personen genutzt werden können, wenn sie grad nicht von einem Rollstuhlfahrer benötigt werden?“
Wie kommen Sie denn zu so einer Behauptung? Sie sollten vielleicht doch meine Petition auf change.org aufmerksam lesen, dann wüßten Sie was das Problem ist.

„Wo würden Sie die Haltestangen anbringen, wenn nicht dort, wo sie jetzt sind? Dazu ein Hinweis: um sich sinnvoll festzuhalten sollte man nicht weiter als 30cm von der Haltestange entfernt sein.“
Darauf gebe ich Ihnen gerne zu einem späteren Zeitpunkt eine Antwort, sobald ich meine Recherchen abgeschlossen habe.

„Was stört Sie an den Haltestangen? Um mal mit Ihren Argumenten zu kommen: Die entsprechenden Türen "sind ja gar nicht für Sie gedacht und daher erwähnen wir sie nicht." Also alles im Grünen Bereich.“
Achso? Sie würden gerne auf nur 4 Einsteigemöglichkeiten einer S-Bahn beschränkt werden?

Von Otto Normalverbraucher

@Lisa S:
Um ehrlich zu sein, beim Lesen des Artikels platzt mir der Kragen. Man sieht bei der neuen S-Bahn, dass sich dort viele Gedanken gemacht wurden, um ein schönes Fahrzeug für alle Fahrgäste zu bauen. Es ist schon bezeichnend, mit welcher unsäglichen Arroganz der Autor daherkommt und behauptet, die neue S-Bahn sei die schlechteste S-Bahn aller Zeiten.

Obwohl Sie wehement so tun, als vertrete das die Meinung aller Behinderten, und damit versuchen, alle Menschen mit Behinderung in ein schlechtes Licht zu rücken, kann ich Ihnen versichern: Ich habe keine Wut auf Behinderte.

Ich weiß, dass ein Vollzug aus zwei Halbzügen besteht und habe auch nirgendwo etwas Gegenteiliges behauptet.

Was hindert Sie daran, die Mehrzweckbereiche in der Mitte zu nutzen?

Was haben Sie für ein Problem damit, dass die Rollstuhlstellplätze auch von anderen Personen genutzt werden können, wenn sie grad nicht von einem Rollstuhlfahrer benötigt werden?

Wo würden Sie die Haltestangen anbringen, wenn nicht dort, wo sie jetzt sind? Dazu ein Hinweis: um sich sinnvoll festzuhalten sollte man nicht weiter als 30cm von der Haltestange entfernt sein.

Was stört Sie an den Haltestangen? Um mal mit Ihren Argumenten zu kommen: Die entsprechenden Türen "sind ja gar nicht für Sie gedacht und daher erwähnen wir sie nicht." Also alles im Grünen Bereich.

Wenn Sie von 10 oder 20 Prozent Menschen mit Behinderung reden, denken Sie auch mal darüber nach, dass nur ein kleiner Teil dieser Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Gerade viele ältere Menschen können nicht gut laufen und benötigen einen Sitzplatz. Schwangere benötigen einen Sitzplatz. Blinde benötigen einen Sitzplatz. Wo sollen all diese Menschen sitzen, wenn der Zug ausschließlich aus Mehrzweckbereichen besteht? Wie viele Rollstuhlplätze wären Ihrer Meinung nach in einem Halbzug angemessen?

Von lisa s

Hallo @Otto Normalverbraucher,

wow! Haben Sie eine Wut auf Behinderte.. wer hat denn Ihnen was getan?

Wie auch immer, ich werde Ihnen nicht mit gleichem Unverständnis begegnen wie Sie es gegenüber Rollstuhlfahrern resp. Hör- und Sehbehinderten tun. Ich möchte Sie auch nicht erschrecken, jedoch darauf aufmerksam machen, daß Sie auch ein potenzieller Rollstuhlfahrer/Seh-/Hörbehinderter sind - schon mal daran gedacht?
Ab einem gewissen Alter steigt die "Chance" auf eine Behinderung rasant.
Die Prognoseist so gemeint: wenn in 10 Jahren 20% der Berliner Bevölkerung 65 Jahre alt und älter sein wird, dann wird eine ÖPNV gebraucht, die auch dieser Bevölerungsgruppe gerecht wird - auch wenn manch einer diese Alten lieber in Altenverwahranstalten "entsorgt" wissen möchte.
Sie irren sich: ein Vollzug besteht aus zei Halbzügen und verfügt über acht Mehrzweckbereiche. Was Sie meinen sind also Halbzüge mit vier Mehrzweckbereichen - je eine am Anfang und am Ende, zwei in der Mitte. Die mittleren sind nicht für Rollstuhlfahrer gedacht, sondern für Kinderwagen und Fahrräder, daher erwähnen wir sie nicht.
Wenn Sie also eine Gruppe gegen die andere ausspielen wollen, dann sollte Ihnen aufgefallen sein, daß Kinderwägen und Fahrräder in die acht Mehrzweckabteile eines Vollzuges einsteigen können, während Rollstühlen der Zugang nur in vier Mehrzweckbereiche gewährt wird. Wenn Sie also davon reden wieviele Sitzplätze durch die Mehrzweckbereiche verloren gehen, dann sollten Sie sich eher fragen, wieviele Sitzplätze auf das Konto der vielen Fahrrad- und Kinderwagenplätze gehen.

Wer sagt denn, die Haltestangen sollen ERSATZLOS wegfallen? Man sollte nicht von seiner eignen Gedankenlosigkeit ausgehen.

Ich hoffe, ich konnte Sie ausreichend informieren - beste Grüße!

Von lisa s

Liebe Frau Hanuschke,
Ihre Empörung über den Umgang mit Behinderten, u.a. auch bei diesem Termin, ist leicht nachvollziehbar - insbesondere wenn man diesen Umgang seit Jahrzenten aus eigenem Erleben kennt.
Ich könnte auch einiges weitere was mir bei diesem Termin auffiel noch hinzufügen, doch ich lasse es lieber - es hilft uns nicht einen Millimeter weiter.
Eines jedoch muss ich jedoch geraderücken:
Herr Staatssekretär Kirchner hat uns ganz ohne Not und Druck diesen Termin bereits am 12.06., anläßlich einer AG Verkehr-Sitzung, in Aussicht gestellt. Ich habe ihn einfach gefragt und er hat einfach aus dem Bauch heraus zugesagt. Ihm verdanken wir überhaupt diesen Termin und ihm verdanken wir überhaupt diesen Kompromiss.
Wer tatsächlich etwas unter Druck gewesen sein könnte war die S-Bahn, die ich seit November 2016 auf verschiedene Art und Weise ansprach: per Brief, per Flugblättern u.a. am 05.05., durch eine Petition an das Abgeordnetenhaus und eine auf change.org ( https://www.change.org/p/bettina-jeschek-die-s-bahn-will-rollstuhlfahrer-ausgrenzen-stoppen-wir-das ), in der AG Verkehr mit sorgfältiger Dokumentation der Mängel dieser S-Bahn, mit zwei Demos, die der "Spontanzusammenschluss - Mobilität für Behinderte" organisiert hatte, durch Gespräche mit Politikern, und natürlich mit Unterstützung des Behindertenbeauftragten, Herrn Dr. Schneider. Der BBV und andere Verbände kamen mir zuhilfe als der Termin zu misslingen drohte, weil viele Behinderte so einen frühmorgendlichen Termin schlicht nicht wahrnehmen können. Um aber schnellstmöglich ein Treffen aller Entscheider zustandezubringen, gab es aber nur diesen Termin.
Wir alle haben die Rechte von Behinderten auf die beste Weise verteidigt, wir müssen jedoch aufmerksam bleiben, daß die S-Bahn auch ja nichts vergisst.
Liebe Grüße!

Von Otto Normalverbraucher

[...]

In Ihrem Artikel behaupten Sie, dass der Anteil der Berliner mit Behinderung in den nächsten 20- 30 Jahren enorm zunehmen wird. Ich kann Ihnen versichern, wenn man so blöd ist, auf Sie zu hören, und alle Haltestangen weglässt, dann wird Ihre Prognose ganz schnell eintreffen.

Von Otto Normalverbraucher

[...]

Auch ich habe das Mock-Up der neuen S-Bahn besichtigt und was mir am negativsten auffiel waren diese penetranten Türtöne. Wenn dieses Rumgepiepe wie auf der Intensivstation nach Ihrer Behauptung zu leise ist, dann stellt sich bei mir unweigerlich die Frage, wie Sie bei den derzeitigen Fahrzeugen überhaupt die Tür finden. Vielleicht können Sie es mir ja erklären?

Von Otto Normalverbraucher

[...]

Auch ich habe das Mock-Up der neuen S-Bahn besichtigt. Dabei fiel mir die Anordnung der Haltestangen in den Türbereichen sehr positiv auf! Während man einen Rollstuhl oder Kinderwagen in den derzeitigen Fahrzeugen im Slalom schieben muss, kann man bei den neuen Fahrzeugen endlich geradeaus durchgehen. Die einzigen, für die das schlechter ist, sind diejenigen, die direkt im Türbereich stehen bleiben. Unter diesem Gesichtspunkt zu behaupten, das neue Fahrzeug sei weniger Barrierefrei, als das alte, zeugt entweder von einer schlechten Informationslage oder ist eine maßlose Frechheit!

Von Otto Normalverbraucher

[...]

Auch ich habe das Mock-Up der neuen S-Bahn besichtigt. Leider war nur ein Endwagen ausgestellt, sodass die Mehrzweckbereiche der Mittelwagen unerwähnt blieben bzw. nur auf den Schautafeln abgebildet waren. Ca. 90% der Fahrzeugbestellung besteht aus 4-Wagen-Zügen. Diese haben jeweils zwei End- und zwei Mittelwagen. Jeder Mittelwagen verfügt über ein "klassisches" Mehrzweckabteil mit 14 Klappsitzen, wie es die jetzigen Fahrzeuge haben. ZUSÄTZLICH verfügt jeder Endwagen über einen Mehrzweckbereich mit zwei Rollstuhlstellplätzen gemäß TSI PRM, wie sie vor Ort gezeigt wurden. Dieser Spaß kostet pro Halbzug 24 Sitzplätze, pro Zug 48. Unter diesem Gesichtspunkt zu behaupten, das neue Fahrzeug sei weniger Barrierefrei, als das alte, zeugt entweder von einer schlechten Informationslage oder ist eine maßlose Frechheit!

Von Joachim Flach

Es ist schon ausgespochen ignorant wie die Politik und die Entscheidungsträger mit den Bedürfnissen behinderter Personen umgehen.

Man könnte ja mal bei dem Hersteller nachfragen, warum diese neuen S-Bahnzüge schlechter konzipiert wurden, als die bisherigen.
STADLER DEUTSCHLAND
Stadler Pankow GmbH
Lessingstraße 102
D-13158 Berlin
Deutschland
Tel.: +49 30 91 91 16 16
Fax: +49 30 91 91 20 00
http://www.stadlerrail.com/de/meta/kontakt/

Von Speedwheel

Es ist schon bezeichnend mit welcher Ablässigkeit und Arroganz die S-Bahn AG gegenüber von Menschen mit Behinderung agiert und reagiert. Diese werden vor vollendete Tatsachen gestellt.
So nach dem Motto friss Vogel oder stirb!

Von ingrid

Na ja, wir Rollstuhlfahrer in Berlin sind ja so einiges gewöhnt. Da wo man Platz finden sollte kriegt man ja eh keinen und das tägliche Gerangel um die reservierten Flächen für Rollifahrer spart man sich dann lieber und steht halt mitten im Gang rum. Wird sich wohl erst ändern wenn die "normalen" Fahrgäste auf die Barrikaden gehen weil sie wegen Rollis, Rollatoren, Kinderwagen, Fahrrädern, Fahrradanhängern, Hundeanhängern usw auf dem Weg zur Arbeit keinen Platz mehr finden. Besonders bei Hitze, Regen, Minustemperaturen und zu den Schul- und KItazeiten stell ich mir das mit den neuen S-Bahnwagen einfach traumhaft vor. Da kommt Freude auf!

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