Und was behindert mich?

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Befragung auf dem roten Sofa am 5. Mai 2017 in Ulm
Befragung auf dem roten Sofa am 5. Mai 2017 in Ulm
Bild: Angela Rubens

Ulm (kobinet) In diesem Jahr stand der Ulmer Aktionstag zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung unter dem Motto „mittendrin statt außen vor - ... und was behindert mich?" mit einer großen Befragungsaktion der Bevölkerung. Nun wurden die Ergebnisse der Befragung in Ulm vorgestellt, wie Angela Rubens von der Kontaktstelle Selbsthilfe Körperbehinderter Ulm/Alb-Donau-Kreis berichtet.

Bericht von Angela Rubens

Alle BesucherInnen bei dem Veranstaltungsort beim Stadthaus und rund um den Münsterplatz waren aufgefordert, in den Mitmachaktionen 'auf dem roten Sofa', in Gesprächen und auf Fragebögen ihre Hindernisse mitzuteilen, wo sie im Alltag auf Barrieren in Ulm stoßen, um auf die Beseitigung dieser Barrieren von der Kommunalen Seite und der Gesellschaft her mit Verbesserungen einzuwirken. Die SchülerInnen der Klasse 6S der Valckenburgschule Ulm - Berufliches Bildungszentrum - des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums beteiligten sich als Projekt an der Befragungsaktion. Gut vorbereitet führten sie zusammen mit geistig behinderten Menschen der Theatergruppe einer Behinderteneinrichtung, die mit selbstgemachten Masken die Vielfalt in der Gesellschaft darstellten, gemeinsam in Gruppen die Befragung der Ulmer Stadt- und Marktbesucher durch. Anschließend werteten sie anhand der 262 ausgefüllten Fragebögen der Stichprobenbefragung in einem Kreis, Balken- und Säulendiagramm die Barrieren in der Gesellschaft, im Arbeitsleben, im öffentlichen Bereich, für Hör- und Sehbehinderte und in sonstigen Bereichen aus.

Über 400 Antworten wurden dabei verarbeitet, die dann noch detaillierter aufgeschlüsselt von den Akteuren des Aktionstag-Veranstalters der "Interessengemeinschaft mittendrin" ausgewertet wurden. In dem jetzt stattgefundenen gemeinsamen Pressegespräch wurde festgestellt, dass bei den Barrieren im öffentlichen Raum die meisten bei dem Öffentlichen Nahverkehr genannt wurden, gefolgt von Treppen, zu hohen Bordsteinen, schlechter Straßenbelag und zu wenig Parkplätze, sowie zusätzlich die derzeitigen vielen Baustellen in der Ulmer Innenstadt. Hörbehinderte Menschen beanstandeten den Lärm und u.a. den fehlenden Notruf für Schwerhörige, fehlende ÖPNV-Anzeigen in Schriftform, fehlende Gebärden- und Schriftsprachdolmetscher bei Gerichten, Behörden, Veranstaltungen usw.

Bei den Barrieren in der Gesellschaft wurde gravierend der respektlose Umgang mit Menschen mit Behinderungen genannt, gefolgt von fehlender "verständlicher" und "leichter" Sprache bei Behörden und Leistungsträgern, fehlende Informationen für Menschen mit Behinderung und geringe finanzielle Mittel. Bei den Barrieren am Arbeitsplatz wurde hauptsächlich das fehlende Wissen in den Betrieben über die Arbeit von Menschen mit Behinderung genannt und deren großen Probleme, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Diese Ergebnisse spiegeln auch die Aussagen, die bei der Befragung am Aktionstag auf dem "roten Sofa" von einer Journalistin moderiert wurde.

Für die SchülerInnen war das eine besondere lehrreiche Projektaktion, zumal die wenigsten bisher Kontakt zu Menschen mit Behinderungen hatten. Nach der jetzigen Ergebnisveröffentlichung werden diese auch der Stadt Ulm und dem Stadtrat übergeben. Die Akteure der Interessengemeinschaft mittendrin hatten mit dem Aktionstag das Ziel, viele BürgerInnen anzusprechen, um auf die besonderen Belange von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen – miteinander ins Gespräch kommen und Informationen weitergeben – Bedarfe der verschiedenen Behinderungen thematisieren und die Fragen dazu beantworten – Inklusion fördern – selbstbestimmte, gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen.

Beim Aktionstag am 5. Mai wurden viele Informationen zum Thema Barrierefreiheit, Bewusstseinswandel in der Gesellschaft für die Belange der Menschen mit Behinderung gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention, zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung an Stellwänden und Informationstischen angeboten. Die in der IG mittendrin aktiven örtlichen VertreterInnen der Behindertenverbände und der Selbsthilfegruppen informierten auch mit ihren Flyern über ihre Arbeit und führten gute Gespräche mit den vielen Besuchern. Sie forderten für alle Menschen mit Behinderung eine selbstbestimmte, gleichberechtigt und volle Teilhabe mit Partizipation auch in der Öffentlichkeitsarbeit nach dem Motto: "Nichts über uns ohne uns".

Das ‚Cafe Vielfalt' lud ein an Kaffeetischen zum Verweilen und Gespräche führen bei Kaffee, kalten Getränken und leckeren frischen Crepes, die nach Wunsch gefüllt wurden. Höflich und zuvorkommend wurden die Besucher von SchülerInnen der Spitalhof-Gesamtschule bedient. Für diese war das auch ein ganz besonderes Erlebnis. Dieser Aktionstag in Ulm war ein voller Erfolg, wozu auch das herrliche Frühsommerwetter mit viel beitrug. Gefördert wurde dieser Aktionstag dankenswerter Weise wieder von der Aktion Mensch. Die ‚Interessengemeinschaft mittendrin' ist seit 10 Jahren eine Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung in Ulm, der Inklusionsbeauftragte der Stadt Ulm, Vertreter der Behindertenverbände sowie der Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Selbsthilfegruppen. Sie setzen sich ein für die Umsetzung der Inklusion in allen Bereichen der Gesellschaft.