Endlich Ferien nach erfolgreichem Zeugnis

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Entspanntes Lernen im Garten
Entspanntes Lernen im Garten
Bild: Stephanie Fuhrmann

Berlin (kobinet) Endlich Sommerferien - ein paar Wochen ohne Schule, ein wenig erleben, Urlaubsziele und Freizeit. Längst vergessen: das Zeugnis der Grundschule. Klingt so weit ganz gewöhnlich, doch das ist nicht selbstverständlich für alle. Im Zeitalter der Inklusion wird der Ruf nach Sonderschulen so laut wie nie zuvor und Inklusion gestaltet sich in vielen Bereichen schwierig. Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung. Für einen Erstklässler mit Autismus in Berlin fand der Tag der Zeugnisübergabe an einer Regelschule statt, was für ihn, der sehr tief im Spektrum liegt, nicht selbstverständlich ist. Er hatte in seiner ersten Klasse an der SGB VIII 35a-Maßnahme "Fernschule/Bewegtes Lernen" des Vereins White Unicorn teilgenommen.

Bericht von Stephanie Fuhrmann von White Unicorn

Strahlender Sonnenschein, aber nicht zu heiß, das war bestimmt mit ein Faktor für die gute Stimmung am großen Tag der Zeugnisübergabe. In ruhiger Atmosphäre bekam der Erstklässler feierlich sein Zeugnis überreicht. Besser gesagt: zwei Zeugnisse, denn auch die Grundschullehrerin der Fernschule hatte die Leistungen bewertet. Diese Maßnahme ist der erste Schritt zu einem Universellen Design. In Kooperation mit der Deutschen Fernschule e.V. wurde dies geschaffen, als Grundstein für die bald kommende Veränderung in den nächsten Jahrzehnten.

Eine Lehrerin begleitet hierbei gemeinsam mit einem Rehabilitationspädagogen den Fernunterricht. Zur Vermittlung der Lerninhalte des Fernschulmaterials orientiert man sich an dem Konzept des bewegten Lernens, ganz im Sinne der Potentialentfaltung. Auf diese Weise kann Überlastung durch Barrieren im Pädagogischen und Räumlichen vermieden werden. Zugleich wird der Rahmenlehrplan in vertrauter Umgebung zu Hause eingehalten, in der für das Kind alle Barrieren regulierbar sind.

Das Besondere an dieser Maßnahme ist, dass die Schulpflicht dabei erhalten bleibt. Es ist eine Basis bildende Maßnahme, um aufbauend  die Barriereregulierbarkeit an Schulen zu gestalten. Eine Schulanbindung kann langfristig über Telepräsenz, Hausunterricht, eigens eingerichteten Lernräumen und weiteren Verringerungen von Barrieren gestaltet werden. Dies kann von den Schulen selbst realisiert werden.

Rückblick – Was tut sich im Bereich der Diversität?

Im letzten Schuljahr wurde vor allem deutlich, dass Barrieren für autistische Kinder noch sehr unbekannt sind. So richtig viel hat sich hier nicht getan. Meist wissen alle Lehrkräfte die Listen der Defizite auswendig. Aber, wie sie entstehen und welche Zusammenhänge es gibt, muss derzeit bei jedem Autisten einzeln erfragt werden. Das führt letztendlich zu einem weitestgehend unerforschen Sammelsurium. Bereits Temple Grandin hat in den 1990ern gewusst, dass manches (wie Lautstärke, oder Berührungen und vieles mehr) für Autisten nicht bzw. schwer zu ertragen ist. Erste Wege führten in den letzten Jahrzehnten zur Anerkennung der Tatsache, dass Autisten ihre Barrieren kompensieren dürfen, ja tatsächlich sogar müssen. Viel wichtiger wäre es allerdings, es gar nicht erst zu Überlastung kommen zu lassen.

An Schulen ist dies meist schwierig zu lösen. Es wird mit klaren Regeln und festen Rahmenbedingungen, Begleitern und strenger Struktur versucht, auf die „Sensorische Überlastung“ zu reagieren. Der Nutzen daraus ist: in einer unwirtlichen Welt etwas zu haben, woran man sich entlanghangeln kann. Meist gestaltet es sich allerdings eher wie ein Strohhalm zum Festklammern. Da die Belastung durch die Barrieren oft dennoch enorme Auswirkungen mit sich bringt, sind Therapien und Medikation dann das, was notwendig scheint, um in dieser Umgebung existieren zu können. Wobei festzuhalten ist, dass diese nur die Symptome aufgreifen und lindern, aber nicht die Ursache beseitigen.

Ziel ist es, durch die Gestaltung geeigneter Rahmenbedingungen die Folgen der Überlastung für die autistischen Kinder zu vermeiden. Das soziale Behinderungsmodell hat aber in einer vom Bismarck-Modell geprägten Gesellschaft (noch) wenig Raum und Möglichkeiten. Die UN-Behindertenrechtskonvention bietet allerdings eine Veränderungsgrundlage. Das angestrebte Ziel nennt sich „Universelles Design“. Alle Kinder sollen in diesem Modell teilhaben können, so wie sie sind, auch wenn sie vielfältiger Natur geboren wurden – wie eben Autisten, „sie sind anders, nicht weniger“ - Zitat Temple Grandin

Eine inklusive Lebens-Kultur braucht vor allem deshalb einen begleiteten Entwicklungsprozess, da unser Land 40 Jahre durch Integration und Separation geprägt wurde. Um nun die drohende seelische Behinderung der autistischen Kinder an Regelschulen abzubauen, bei voller sozialer und Bildungsteilhabe, braucht es neue Konzepte, die dann auch ganz praktisch umgesetzt werden!

Vorausblick

Im kommenden Jahr wird die Pilot-Maßnahme auf ein weiteres Kind in Schleswig-Holstein für den Vorschulbereich erweitert. Dies dient der Entwicklung eines autistenfreundlichen Umfeldes. Um den Familien gerecht zu werden, die sich von außerhalb Berlins an das Projekt wenden, wird das Projekt in seinem Aufgabenfeld deshalb nun auf Bundesebene erweitert.

Der Verein ist derzeit selbst verantwortlich für die entstehenden Kosten. Unterstützen kann man diesen über  „betterplace – Schulprojekt für autistische Kinder“ - http://white-unicorn.org/?mod=fernschulebewegteslernen