Blindenwerkstatt muss schließen

Veröffentlicht am von Hartmut Smikac

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Bild: kobinet/ht

Berlin (kobinet) Nach einer aktuellen Nachricht des Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) muss nun die Blindenwerkstatt in Berlin (Steglitz-Zehlendorf) schließen. Ihre Arbeit lohnt sich seit Jahren nicht mehr finanziell: Die Mitarbeiter der Blindenwerkstatt in Steglitz-Zehlendorf arbeiten als Bürstenzieher, Korb- und Stuhlflechter, doch produzieren zu teuer. Deshalb muss die Werkstatt schließen. Einige wissen jetzt nicht mehr weiter.

In diesem Bericht stellt der Sender Reinhold Mupupa vor. Er ist Korbflechter und arbeitet seit 25 Jahren in der Blindenwerkstatt Steglitz-Zehlendorf. Sie war für ihn die Rettung, als er nach dem Mauerfall aus der damaligen DDR kam. Dort hatte er gehofft, dass die Ärzte ihm helfen könnten. Eine Kriegsverletzung in Angola ließ ihn erblinden – doch die Behandlung blieb erfolglos. Mit der Schließung der Blindenwerkstatt steht ihm ein weiterer Tiefschlag bevor. "Meine Arbeit ist weg. Ich weiß jetzt nicht, was ich als nächstes mache, keine Ahnung", sagt Mupupa. "Ob ich jetzt neue Arbeit finde, weiß ich nicht. Ich bin ja schon 55. Was kann ich jetzt noch machen, eine neue Ausbildung oder was? Es ist schwierig und traurig."

Wie ihm so ergeht es auch den anderen 13 blinden und sehbehinderten Menschen, die hier als Bürstenzieher, Korb- und Stuhlflechter arbeiten. Ihre Arbeit lohnt sich seit Jahren finanziell nicht mehr. Der Verkauf der Produkte deckt die Herstellungskosten nicht. Dadurch entstehen jährliche Verluste von 350.000 Euro. Diese habe das Blindenhilfswerk bisher übernommen, sagt die Geschäftsführerin Andrea Pahl. Doch das sei nicht mehr zu stemmen.

"Das eine sind natürlich die Lohnkosten: Wir sind erster Arbeitsmarkt, wir müssen Mindestlohn zahlen seit 2015", so Pahl. Früher habe es deutliche Unterschiede in der Leistungsbezahlung gegeben. "Jetzt muss aber auch der, der nicht so leistungsstark ist, mit Mindestlohn bezahlt werden, nur können Sie diese Kosten eben nicht weitergeben über die Produkte – seien es die Besen, sei es die Auftragsarbeiten im Stuhlflechtbereich oder auch bei den Korbsachen – das ist eben nicht finanzierbar."

Deshalb beschloss das Blindenhilfswerk vor einem Monat die Schließung der Werkstatt. Ein weiterer Grund dafür: Großkunden sind nach und nach weggefallen und bestellen lieber billig in China. Auch die Kommunen und Bezirke kaufen nicht mehr bei der Blindenwerkstatt ein. Denn nach einem Senatsbeschluss vor zehn Jahren müssen öffentliche Einrichtungen den billigsten Anbieter nehmen. Und billig sind die Waren aus der Blindenwerkstatt nicht. "Da müssten Sie für so ein Produkt nachher 15 Euro bezahlen", so zitiert der RBB und fährt fort: "...wenn Sie wirklich alles zusammenrechnen an Material, Lohnkosten, Vertriebskosten und so weiter. Und das bezahlt keiner. Wenn Sie dann ne Nagelbürste anbieten für fünf bis sechs Euro auf‘m Markt, was natürlich Handarbeit ist und sehr schön, dann gibt‘s auch Kunden, die sagen, ich krieg sie für 99 Cent bei Rossmann."

Nun will die Geschäftsführerin ihren behinderten und den fünf sehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern helfen, eine neue Arbeit zu finden. Die Werkstattleiterin Silvia Fröschner ist gelernte Korbmacherin. Sie würde gern in ihrem Beruf weiterarbeiten.

"Es gibt noch ganz viele kleine Betriebe, wo nur ein Chef und ein Angestellter ist, ansonsten gibt es noch die USE, die große Union Sozialer Einrichtungen, die haben auch Stuhlflechtereien und Korbmachereien, aber es sieht schwierig aus", sagt sie.

Zusammenfassend stellt der RBB fest: "Noch bleibt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Zeit, sich neu zu orientieren. Die Blindenwerkstatt wird voraussichtlich in den ersten Monaten des nächsten Jahres endgültig geschlossen werden."

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