Aktiv im Gemeinderat von Ganderkesee

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Doris Josquin mit der Unterschriftenliste
Doris Josquin mit der Unterschriftenliste
Bild: Doris Josquin

Ganderkese (kobinet) "Behinderte Menschen in die Parlamente", so lautete ein Slogan, den die Behindertenbewegung in den 90er Jahren prägte. Auch wenn dies im Deutschen Bundestag nur bedingt angekommen ist, gibt es einige Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen, die sich in Parlamenten auf verschiedenen Ebenen engagieren und gewählt wurden. Doris Josquin aus dem niedersächsischen Ganderkesee ist eine von ihnen, mit der kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul über ihr Engagement sprach und die an einer Empowerment-Schulung in Bremen teilgenommen hat.

Doris Josquin ist nach ihren Worten 66 Jahre jung, denn mit 66 Jahren fange ja das Leben erst richtig an. Im Alter von zwei Jahren hat sie in Bremen in einer Kinderklinik Kinderlähmung bekommen. "Ich führe ein ganz normales Leben. Ich bin seit daher gehbehindert. Seit einiger Zeit sitze ich, wenn ich außer Haus bin, im Rollstuhl. So habe ich mir aus diesem Grund die Entscheidung, für den Gemeinderat zu kandidieren, nicht leicht gemacht. Ich bin aber die 2. Rollstuhlfahrerin. Froh bin ich, dass ich als ganz normale Rollstuhlfahrerin im Gemeinderat akzeptiert werde. Wir haben abgemacht, wenn ich Hilfe brauche, sage ich Bescheid", berichtet Doris Josquin.

"Letztes Jahr wurde ich für die SPD in den Gemeinderat von Ganderkesee gewählt. Ich bin noch parteilos. Die Entscheidung zu kandidieren, ist mir auch deshalb nicht leicht gefallen, weil ich knapp elf Jahre lang Vorsitzende des Arbeitskreises A.S.G. e.V., einer Selbsthilfe- und Initiativgruppe war. Wir haben viel in der Gemeinde Ganderkesee für Menschen mit Behinderung erreicht. So suchte ich eine neue Herausforderung. Mit Sabine Bretzke habe ich eine gute Nachfolgerin als Vorsitzende der A.S.G. gefunden. So sagte ich zu, zu kandidieren. Wir sind jetzt mit elf Ratsherren/Frauen die stärkste Fraktion im Gemeinderat." Für den 3. Listenplatz hat Doris Josquin kandidiert und wurde gewählt. "So bin ich jetzt seit 2017 im Gemeinderat. Es macht mir sehr viel Spaß, etwas zu bewegen. Ich sage immer, 'ich kann die Welt nicht verändern, aber vielleicht etwas besser machen'. Ich bin im Ausschuss für Gemeindeentwicklung, im Ausschuss Soziales und Gesellschaft und im Bildungs- und Kulturausschuss. Im Ausschuss für Soziales und Gesellschaft war ich schon neun Jahre beratendes Mitglied. Im Gemeindeentwicklungsausschuss war ich vier Jahre beratendes Mitglied als Vorsitzende des A.S.G. So war ich schon gut in der Materie drin. Auch der Besuch der Handelsschule und meine Ausbildung als Verwaltngsangestellte kommen mir als Ratsfrau zugute."

Auf die Frage, wie man in solchen Gremien etwas erreichen kann, antwortet Doris Josquin. "Ich denke, wenn man aktiv mitarbeitet, kann man auch etwas erreichen. Mein Antrag 'Alt verkauft an Jung' ist beschlossen worden. Das heißt, dass Senioren ihr großes und nicht barrierefreies Haus an junge Familien verkaufen. Sie bauen sich dafür ein kleines seniorengerechtes Haus auf einem kleinen Grundstück. In Ganderkesee gibt es einen Ratsbeschluss, wonach die Grundstücke sonst mindestens 700 qm groß sein müssen. Doppelhäuser mindestens 350 qm." Bei einem Beschluss, bei dem ein kleiner Discounter (bis 800 qm) in einem Baugebiet gebaut werden soll, hat Doris Josquin sich ausdrücklich dafür ausgesprochen, obwohl mehrere Gutachten dagegen sprachen. "Ich habe mich mehrfach dazu geäußert, dass man nicht nur das Wirtschaftliche, sondern auch das Menschliche berücksichtigen muss. Es gab einen Ratsherren aus unserer Partei, der über 400 Unterschriften gesammelt hat. Meine Meinung war, dass Opa Piepenring nicht Mal in diesem Bookholzberg unten ein trockenes Brötchen kaufen kann. Es gibt ein Bookholzberg unten und oben. Unten gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten. Der Bookholzberg oben hat größere Discounter. Es ist ein größerer Höhenunterschied zu überwinden. Mit dem Rad oder als Fußgänger ist das sehr schwer. Es gibt einen Fahrstuhl, um diesen Höhenunterschied zu überwinden. Er ist jedoch sehr schmutzig und oft defekt. Mit dem Rollstuhl oder Rollator ist es nicht möglich, den Berg hoch zu kommen. So bin ich beim Stand des demografischen Wandels der Meinung, man muss sich für die BürgerInnen einsetzen. Auch Kinder haben so eine Chance verdient, einzukaufen."

Auch das Freibad, das nach über 50 Jahren saniert wird, ist sehr wichtig für Doris Josquin. "Wir haben mit Henry Peukert einen tollen Leiter der Bäder und der Sauna. Die Sauna und die Umkleide für das Freibad und für die Sauna sowie der Umbau des Hallenbades ist schon Dank des Engagements des A.S.G. barrierefrei. Jetzt wird der Rest des Freibades geplant." Ferner hat die engagierte Kommunalpolitikerin in der letzten Zeit mehrere nichtöffentliche Anträge eingebracht. "Ich muß sagen, dass ich meine Entscheidung nicht bereut habe. Wenn man gut vorbereitet ist, kann man einiges bewegen", so das Fazit von Doris Josquin zu ihrem kommunalpolitischen Engagement.