Viel in Bewegung in Nieder-Olm

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Gracia Schade
Gracia Schade
Bild: ZsL Mainz

Nieder-Olm (kobinet) Gracia Schade ist im Leben der Verbandsgemeinde Nieder-Olm tief verankert und setzt sich dort seit vielen Jahren für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention u.a. im Beirat für Menschen mit Behinderungen ein. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit der Rollstuhlnutzerin und Leiterin eines der modellhaften kommunalen Inklusionsprojekte, die von der Aktion Mensch gefördert und begleitet werden, darüber, was sich in Nieder-Olm schon getan hat, bzw. was es noch zu tun gibt. 

kobinet-nachrichten: Sie nutzen einen Rollstuhl und sind im Beirat für Menschen mit Behinderung der Verbandsgemeinde Nieder-Olm aktiv. Was machen Sie und der Beirat dort genau?

Gracia Schade: Der Beirat hat sich im Jahr 2010 gebildet, Markus Oberländer und ich sind die Vorsitzenden des Beirates für Menschen mit Behinderung. Der Beirat besteht aus 16 stimmberechtigten Mitgliedern, davon 8 Einwohner*innen aus der Verbandsgemeinde und 9 Vertreter*innen anderer Institutionen, beispielsweise von den Seniorenheimen und der Stiftung Nieder-Ramstädter Diakonie. Die Verbandsgemeinde Nieder-Olm selbst hat 2011 gemeinsam mit dem Beirat für Menschen mit Behinderung einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erstellt und seitdem zahlreiche der dort aufgeführten Maßnahmen umgesetzt. So wurde beispielsweise die Beschäftigungsrate von Menschen mit Behinderung erhöht und die Leichte Sprache bei Amtsschreiben eingeführt. Es wurden Praktikumsplätze geschaffen und Selbsterfahrungs- und Gebärdensprachkurse für die Verwaltungsmitarbeiter*innen angeboten.

kobinet-nachrichten: Nieder-Olm, wo liegt das genau und wie lebt es sich dort als behinderter Mensch?

Gracia Schade: Die Verbandsgemeinde Nieder-Olm, das Tor zum rheinhessischen Hügelland, zwischen Selz und Rebenhängen gelegen, wurde 1972 aus der Sitzgemeinde und Stadt Nieder-Olm sowie den sieben Ortsgemeinden Essenheim, Jugenheim, Klein-Winternheim, Ober-Olm, Sörgenloch, Stadecken-Elsheim und Zornheim gebildet. Die Verbandsgemeinde grenzt direkt an Mainz an. Aktuell hat die Verbandsgemeinde 34.500 Einwohner*innen. Es lebt sich in den Gemeinden sehr unterschiedlich, in manchen Orten hat man manchmal den Eindruck, als Mensch mit Behinderung ein Exot zu sein. Je mehr Begegnungen aber stattfinden, zum Beispiel auf Festen, um so selbstverständlicher wird der Umgang miteinander. Viele Vorbehalte sind ja nicht bös gemeint, man weiß einfach nicht, wie man miteinander umgehen soll und hat vielleicht auch Angst vor unbekannten Situationen.

kobinet-nachrichten: Welche Baustellen in Sachen Barrierefreiheit gibt es in Nieder-Olm noch?

Gracia Schade: In der Stadt Nieder-Olm hat man die beste Infrastruktur und kommt schon in vielen Bereichen gut zurecht. In den Ortsgemeinden ist die Situation sehr unterschiedlich. Hier herrschen immer noch große Probleme in Sachen Mobilität. Viele Straußwirtschaften, Gaststätten und auch Ärzte sind nicht barrierefrei oder nur sehr eingeschränkt. Langsam wächst aber dafür das Bewusstsein. Bezahlbarer barrierefreier Wohnraum ist auch hier absolute Mangelware.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche in Sachen Inklusion frei hätten, welche wären dies?

Gracia Schade: 1. Das wir in Deutschland nicht mehr darüber diskutieren, ob wir Inklusion umsetzen sollen oder wollen, sondern den Prozess kontinuierlich vorantreiben. Und dabei auch nicht überlegen, für wen geht Inklusion und für wen nicht. 2. Mehr Offenheit, neue Wege zu gehen, das wir uns von Misserfolgen nicht abschrecken lassen, sondern nach Lösungen suchen. Wenn wir Inklusion richtig verstehen und umsetzen bedeutet das auch, dass wir uns dabei nicht nur auf Menschen mit Behinderung konzentrieren. Es geht vielmehr um eine Gesellschaft für alle Menschen, unabhängig ihrer Herkunft, Behinderung, ihres Alters usw.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.