Berliner Werkstatträte reagieren auf ISL-Kritik

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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Bild: kobinet/ht

Berlin (kobinet) Mit einer Stellungnahme hat der Vorstand der Berliner Werkstatträte auf die Kritik der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) unter dem Motto "Echte Chancen statt Showeffekte" an der für den 12. Oktober in Berlin geplanten Atkon "Schichtwechsel" zwischen MitarbeiterInnen aus Unternehmen und MitarbeiterInnenn in Werkstätten reagiert. "Wir wollen zeigen welch tolle teilweise schwere Arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) geleistet werden", heißt es u.a. in der Stellungnahme der Werkstatträte.

Der Aktionstag "Schichtwechsel" wird von der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (LAG WfbM) und den Berliner Werkstatträten (BWR) initiiert. Hier tauschen Mitarbeitende aus Berliner Unternehmen mit Beschäftigten aus Werkstätten für behinderte Menschen für einen Tag den Arbeitsplatz. Die ISL erwartet von allen Beteiligten aus Politik und Wirtschaft, u.a. von der Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach, die diesen Tag in einer WfbM verbringen werden, dass sie genau hinschauen und sich nicht blenden lassen.

Im folgenden veröffentlichen die kobinet-nachrichten die Stellungnahme des Vorstands der Berliner Werkstatträte im Wortlaut:

Stellungnahme des Vorstands der Berliner Werkstatträte zu der Pressemitteilung der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) vom 06.10.2017

Werkstatträte sind die Interessenvertretung der Werkstattbeschäftigten die alle 4 Jahre von den Beschäftigten aus deren Mitte gewählt werden. Von jeder Berliner Werkstatt gehören 2 Werkstatträte dem Beirat der Berliner Werkstatträte an, welche sich regelmäßig mehrfach im Jahr treffen. Dort wird der Vorstand der Berliner Werkstatträte gewählt.

Wir finden es schade, dass die ISL den Aktionstag Schichtwechsel so kritisch sieht. Der Zweck des Aktionstages ist es Barrieren und Vorurteile in beide Richtungen abzubauen und dies im Vorfeld bereits auf diese Weise anzugreifen zeigt nur noch mehr die Notwendigkeit dafür auf. Wir wollen zeigen welch tolle teilweise schwere Arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) geleistet werden. Da die meisten Menschen wenn Sie an eine WfbM denken nur Körbe flechten und Schrauben sortieren vor dem geistigen Auge haben. Wir sehen Werkstätten nicht als von der "Außenwelt abgeschottete Einrichtungen". Sie sind längst nicht mehr weit außerhalb der Städte hinter hohen Mauern versteckt, sondern überall in der Stadt verteilt und es arbeiten dort Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen zusammen Hand in Hand.

In Berlin vertreten wir als Vorstand der Berliner Werkstatträte die Rechte von mehr als 10.000 Werkstattbeschäftigten. In den letzten Jahren ist der Anteil an psychisch Kranken in den Werkstätten sehr angestiegen. Die Meisten von Ihnen kommen vom allgemeinen Arbeitsmarkt und viele möchten auf keinen Fall in diesen zurück. Auch wir wünschen uns eine wertschätzende Bezahlung. Eine Solche ist aber durch die aktuellen Gesetze nicht möglich und wie es scheint von der Politik auch nicht gewollt. Unsere Werkstätten würden uns gerne mehr bezahlen und unterstützen auch unsere seit Jahren bestehende Forderung nach abzugsfreien Sonderzahlungen.

Wie von der ISL richtig dargestellt sollten die Werkstätten den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt fördern. In jeder Werkstatt gibt es Menschen die uns helfen und genau dies tun, in erster Linie sind das Jobcoaches, Sozialpädagogen und Bildungsbegleiter. Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt dauert eine Ausbildung in der Regel 3 Jahre. In den Werkstätten haben wir nur 2 Jahre um uns ausbilden zu lassen obwohl davon ausgegangen werden kann, dass ein Mensch mit Beeinträchtigung Anspruch auf eine gleich lange oder längere Ausbildungszeit haben sollte. Auch das Recht auf Berufsschule (welches wir als Vorstand der Berliner Werkstatträte fordern) wird uns in Berlin bisher verwehrt. Dies macht es natürlich schwer die Menschen qualifiziert auszubilden damit sie bessere Chancen haben einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden.

Einen "echten inklusiven Arbeitsmarkt", von dem die ISL spricht, würden wir uns wünschen, aber davon ist Deutschland wohl weit entfernt.

Lesermeinungen zu “Berliner Werkstatträte reagieren auf ISL-Kritik” (2)

Von Behindert_im_System

Zitat:
"Einen "echten inklusiven Arbeitsmarkt", von dem die ISL spricht, würden wir uns wünschen, aber davon ist Deutschland wohl weit entfernt."

Echt und Inklusiv soll er sein der Arbeitsmarkt was ja vielleicht gar nicht so verkehrt wäre, nur wie will man einen solchen dann gestalten? Man liest vom Wunsch der Berufsschule, wie sollte nach den Vorstellungen der Werkstatträte und anderer denn diese anscheinend wichtige Frage angegangen werden? Ist man sich darüber vielleicht auch bewusst, dass dann diese Ausbildung vielleicht auch wieder nur über Sonderregelungen möglich wäre und was würde dann ein Abschluss mit Erfolg für den Absolventen Bedeuten? Hätte er dann mit seiner Behinderung die VIP-Karte für den freien Arbeitsmarkt in der Tasche und würden sich die Firmen dann um ihn reißen? Vielleicht ist ein derartiges Stück Papier für den einzelnen Menschen eine Bestätigung, aber wir dürfen nicht glauben, dass mit Berufsschule etc. sich alle Türen und Tore öffnen.

Zitat:

In Berlin vertreten wir als Vorstand der Berliner Werkstatträte die Rechte von mehr als 10.000 Werkstattbeschäftigten. In den letzten Jahren ist der Anteil an psychisch Kranken in den Werkstätten sehr angestiegen. Die Meisten von Ihnen kommen vom allgemeinen Arbeitsmarkt und viele möchten auf keinen Fall in diesen zurück.

Dies sollte uns zu denken geben und wir sollten uns die Frage stellen, ob das System welches wir uns mit Inklusion schön reden, nicht ein System derer ist welche zwar von der Würde schreien, aber doch im inneren etwas anderes denken und nur zum Erhalt der bestehenden Hierarchien und Systeme ihre ganzen Theorien verbreiten, um uns bei guter Laune zu halten?

Von Sven Drebes

Wenn behinderte Menschen in Werkstätten "tolle und teilweise schwere Arbeit" leisten, warum können sie das dann, selbstverständlich mit der benötigten Unterstützung, nicht auch woanders? Werkstatt-Lobbyisten sollten sich endlich entscheiden, ob sie "Arbeiten wie in der echten Wirtschaft" bieten oder mit Menschen arbeiten, die nur in der Werkstatt arbeiten können. Wenn sie "wie echte Wirtschaft" sein wollen, dann sollten sie auch entsprechende Löhne zahlen. Mit 200 oder 300 € Sonderzahlung ein- oder zweimal im Jahr ist es da nicht getan. Dann wären auch die Regeln der Grundsicherung kein Problem.

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