Selbstbestimmung trotz unterschiedlicher Interessen gewährleisten

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Uwe Frevert
Uwe Frevert
Bild: kobinet/omp

Kassel (kobinet) Die Proteste von EinrichtungsmitarbeiterInnen gegen die Auflösung von Heimen in Schweden sind für Uwe Frevert vom Vorstand der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) ein Beispiel dafür, dass die Interessenslage behinderter Menschen und Betriebsräten bzw. Gewerkschaften nicht immer die gleichen sind. Deshalb plädiert er im Gespräch mit den kobinet-nachrichten dafür, genau hinzuschauen und Gemeinsamkeiten dort zu suchen, wo es diese gibt, aber auch verschiedene Interessenslagen zu benennen und im Kampf um Selbstbestimmung nicht nachzulassen.

Uwe Frevert war das Selbstbestimmungsrecht behinderter Menschen gerade bei der Gestaltung des Alltags schon immer besonders wichtig. Denn immer wieder erlebte er als Assistenznutzer selbst, bzw. bei anderen behinderten Menschen, wie schnell das Leben von anderen bestimmt werden und die Selbstbestimmung massiv eingeschränkt werden kann. Deshalb hat er auch entscheidend an der Entwicklung des Arbeitgebermodells in Deutschland mitgewirkt, bei dem behinderte Menschen selbst ihre persönlichen AssistentInnen anstellen und organisieren. Dabei steht für Uwe Frevert außer Frage, dass es gerade bei der Gestaltung von Löhnen viele Gemeinsamkeiten zwischen behinderten Menschen und AssistentInnen gibt. „Wenn schlechte Löhne gezahlt werden, sinkt auch die Zufriedenheit der AssistentInnen und es wird schwerer AssistentInnen zu finden und im Arbeitsverhältnis halten zu können. Deshalb haben wir immer großen Wert auf eine Anlehnung der Löhne an die entsprechenden Tarife gelegt", betont Uwe Frevert.

Dass es sich bei den Kleinbetrieben der behinderten ArbeitgeberInnen in der Regel keineswegs um ausbeuterische Betriebe handelt, zeigt sich für Uwe Frevert allein schon daran, dass die Dauer der Beschäftigungsverhältnisse von AssistentInnen bei behinderten ArbeitgeberInnen meist wesentlich länger als bei Ambulanten Diensten ist, wie Untersuchungen der Universität Kassel ergeben haben. "Wir sprechen hier auch von personenbezogenen Arbeitsplätzen, in denen ein gutes und klares Miteinander bei der Beschäftigung von AssistentInnen und das Aushandeln guter Löhne mit den Kostenträgern besonders wichtig ist", betont Uwe Frevert.

Dass es aber auch eindeutige Gegensätze gäbe, zeige sich beispielsweise immer wieder in bestehenden Einrichtungen, wo gewerkschaftlich gesteuerte Interessenvertretungen versuchen, dringend nötige Konversionsprozesse im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention bereits im Keime zu ersticken. Eine gemeinsame Aufbruchstimmung wie damals zu Zeiten der Psychiatrieenquete fehlt hier für Uwe Frevert eindeutig bei den vielen sogenannten Heimen der Behindertenhilfe. Auch bei Ambulanten Diensten habe er heute mehr den Eindruck, dass die Bedürfnisse der behinderten Menschen, für die die Dienste eigentlich da sein sollten, weit hinter den Forderungen der organisierten Beschäftigten zurückbleibe. Hier hätten sich einige Stilblüten entwickelt, die trotz des wichtigen Rechts für eine starke Interessenvertretung der Beschäftigten die Selbstbestimmung behinderter Menschen zusehends gefährden. So wie manche behinderte Menschen nicht adäquat mit ihrer Assistenz umgehen, schießen hier auch einige Betriebsräte weit über das Ziel hinaus, so dass wichtige Organisationen im ambulanten Bereich ins Straucheln geraten, ja sogar insolvent werden.

Für Uwe Frevert ist es wichtig, genau hinzuschauen, wenn es um Konflikte zwischen Betriebsräten und Organisationen geht, die behinderten Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben mitten in der Gemeinde mit den nötigen Hilfen ermöglichen wollen. Viele Gemeinsamkeiten lägen dabei auf dem Tisch, wie angemessene Löhne und für die Beteiligten passende Arbeitszeiten. Genauso wichtig sei es aber auch, mit Maß und Vernunft zu agieren, um die Selbstbestimmung behinderter Menschen in vollem Umfang zu ermöglichen. Wenn nun in der politischen Diskussion um die Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen in der Pflege gerungen werde, müsste dabei auch bedacht werden, wie die Situation der behinderten Menschen, die Pflege bzw. Assistenz nutzen, im Sinne von mehr Selbstbestimmung und Würde verbessert werden kann. „Vieles lässt sich dabei hoffentlich miteinander verbinden, die Erfahrung lehrt aber, dass die Belange behinderter Menschen meist hinten herunterfallen. Ein Blick in so manche stationäre Einrichtung genügt hierfür", so Uwe Frevert.

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