Ziel: Perspektivenwechsel

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Bild von Grit Kühlborn
Bild von Grit Kühlborn
Bild: Grit Kühlborn

Jena (kobinet) 2018 jährt sich das Inkrafttreten UN-Behindertenrechtskonvention auf internationaler Ebene zum zehnten Mal. Einer der zentralen Grundsätze dieser Konvention ist der Satz "Nichts über uns ohne uns". Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) führt ein bundesweites Modellprojekt unter dem Titel "CASCO – Vom Case zum Coach" durch. Hier geht es ganz praktisch auch um den Grundsatz "Nichts über uns ohne uns", wie Grit Kühlborn von der ISL in einem Beitrag über das CASCO-Projekt deutlich macht.

Beitrag von Grit Kühlborn

Das Ziel von CASCO und seiner Qualifizierung ist es, im Geiste der UN-Behindertenrechtskonvention Menschen mit Behinderung zu Referent*innen für eine menschenrechtsbasierte Behindertenpolitik auszubilden. Dies soll dazu führen, dass bei Themen und Fragen aus allen Lebensbereichen, die behinderte Menschen betreffen, ihnen zukünftig als Expert*innen in eigener Sache noch mehr Gehör verschafft wird. Tatsächlich finden sich in Aktionsplänen und Leitbildern der Rehabilitationsträger sowie der Träger der Behindertenhilfe entsprechende Absichtserklärungen, behinderte Menschen aktiv einzubeziehen und ihre Selbstbestimmung zu fördern. In der Praxis mangelt es jedoch bisher an entsprechend qualifizierten Referent*innen um diesen Worten auch Taten folgen lassen zu können.

Mit dem Anspruch an dieser Situation etwas zu verändern, startete im Jahr 2016 das mit Mitteln des Ausgleichsfonds geförderte Projekt "CASCO – vom Case zum Coach", das bis 2020 läuft und an dessen Ende die Schaffung eines Referentenpools für Fort- und Weiterbildungsangebote der verschiedener Träger stehen wird. Nach intensiver konzeptioneller Arbeit wurde im Sommer 2017 die Qualifizierung ausgeschrieben. Die Resonanz, die das Projekt seitdem erfährt, hat alle Beteiligten positiv überrascht. Das Interesse war und ist nach wie vor sehr groß. Auch der zweite Jahrgang, der im November 2018 in Mainz beginnen wird, ist infolge der hohen Anzahl eingegangener Bewerbungen bereits nahezu voll besetzt. Doch nicht nur die Zahl der Bewerber*innen spricht für einen guten Start des Projekts, sondern auch die Tatsache, dass bereits erste Buchungen der angehenden Referent*innen für Weiterbildungen vorliegen. So kooperieren beispielsweise das Deutsche Rote Kreuz und die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation sowie die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung mit der ISL.

Vom 1.-3. November 2017 fand das erste von zwei Präsenzseminaren im Bildungszentrum Erkner bei Berlin statt. Für die 16 Teilnehmer*innen mit unterschiedlichsten Behinderungen, die aus ganz Deutschland kamen, standen dabei Themen wie die UN-Behindertenrechtskonvention, die menschenrechtliche Sicht von Behinderung und ihre Auswirkungen auf das deutsche Sozialsystem, Fragen der Barrierefreiheit sowie das Konzept der Selbstbestimmung auf dem Programm. Ergänzend kamen praxisorientierte Übungen hinzu, in denen die Teilnehmer*innen sich eigene Stärken ebenso bewusst machen sollten, wie ihre ganz individuelle Wirkung als Referent*in mit Behinderung. Dabei waren die Grenzen zwischen fachlicher Diskussion und persönlichem Erfahrungsaustausch besonders interessant. Auf dieses erste Seminar folgen in dem dreiteiligen Aufbau der Qualifizierung nun ein Selbststudium mittels einer Onlinelernplattform sowie ein erster praktischer Einsatz der Teilnehmer*innen als Referent*in.

Themen des Selbststudiums sind beispielsweise ein Überblick über das Sozialsystem und die Sozialgesetzbücher, Informationen über das Persönliche Budget und Persönliche Assistenz, barrierefreie Gesundheitsleistungen sowie die Lebenssituation behinderter Frauen und Mädchen. Begleitet werden die Teilnehmer*innen während dieser Phase durch die Projektleitung sowie Expert*innen der einzelnen Themengebiete. Den abschließenden Teil der Qualifizierung bildet schließlich das zweite Präsenzseminar. Dieses findet vom 15.-17. Juni 2018 wiederum im Bildungszentrum Erkner statt. Dann werden die Reflektion des praktischen Einsatzes und methodische Fragen im Mittelpunkt stehen, bevor den Teilnehmer*innen der erfolgreiche Abschluss der Qualifizierung durch ein Zertifikat bescheinigt wird.

An dieser Stelle sei ein kurzer Ausblick auf den 2. Qualifizierungsjahrgang gewagt, denn Ort und Zeit für die Präsenzseminare stehen bereits fest: Sie werden vom 14.-16. November 2018 sowie vom 26.-28. Juni 2019 stattfinden. Ausrichtungsort beider Termine ist das Hotel INNdependence in Mainz.

Weitere Informationen finden Interessent*innen sowie potentielle Kooperationspartner*innen auf der Website www.casco.isl-ev.de. Darüber hinaus steht die Projektleitung für Nachfragen jederzeit per E-Mail unter bvieweg@isl-ev.de oder gkuehlborn@isl-ev.de sowie telefonisch unter 03641/234795 zur Verfügung.