Teilhabe bei herausforderndem Verhalten

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Ausschnitt aus dem Titel der Broschüre
Ausschnitt aus dem Titel der Broschüre
Bild: Lebenshilfe Bayern

Erlangen (kobinet) Eine jetzt online offerierte Handreichung des Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern will Wege zur Teilhabe bei herausforderndem Verhalten aufzeigen. "Kratzen, beißen, schlagen – sich selbst oder andere. Wenn Menschen mit geistiger Behinderung herausforderndes Verhalten zeigen, bringen sie sich, ihre Angehörigen und das Personal in den Einrichtungen der Behindertenhilfe häufig an ihre Grenzen", so die Lebenshilfe.

Die 44-seitige Broschüre soll den Beteiligten Hilfestellung geben und Lösungswege aufzeigen. Die Fachpublikation biete einen umfassenden Überblick aus Wissenschaft und Praxis. Es werde untersucht, "welche Gründe und Folgen es haben kann, wenn Menschen mit Behinderungen das bestehende Unterstützungssystem durch ihr herausforderndes Verhalten sprengen".

Die Handreichung liegt als gedruckte Broschüre vor und kann kostenfrei heruntergeladen werden.

Lesermeinungen zu “Teilhabe bei herausforderndem Verhalten” (9)

Von kirsti

Aus der „Handreichung“ aus dem Gedächtnis zitiert:

„geistige Behinderungen“ seien vergesellschaftet mit „psychisch und psychotisch “! Dies sei in der Vergangenheit nicht im Fokus der Beurteilung gewesen. Behinderte seien eher noch Psychotiker als die sogenannte Normalbevölkerung; das „herausfordernde Verhalten“ sei somit nicht Folge des Unverständnisses der Umgebung, sondern gerade das Merkmal und die Ursache ihrer Behinderung.

Welch kühne Behauptung! Da werden Behinderten – dabei ist es meiner Meinung nach vollkommen gleich, welche „Behinderungsart“ vorliegt -, attestiert, ihr Verhalten sei unverständlich und herausfordernd, da sie qua Behinderung gerade psychotisch seien.

Diese unbewiesene Behauptung stellt m.E. eine Diskriminierung der besonderen Art dar, da Ursache und Wirkung vertauscht werden. Es ist dem Menschen angeboren, psychotisch oder „herausfordernd" zu reagieren, wenn er unverstanden wird, ihm Unrecht oder Unheil widerfährt.

Ein klassisches Beispiel aus der Neuzeit: Verfolgte des Nazi- Regimes, die bislang „normal“ waren, mutierten sehr schnell zu Psychotikern mit „herausforderndem“ und unverständlichen Verhalten.

Die Mutter des Schriftstellers Ortheil, die durch Kriegsfolgen vier Söhne verloren hatte, „vergaß“ im Laufe der Zeit ihre Sprache und wurde mutistisch, d.h. sprachlos! Eine verständliche, "herausfordernde" Reaktion!

Von Gisela Maubach

Zitat aus dem Beitrag:

"Wenn Menschen mit geistiger Behinderung herausforderndes Verhalten zeigen, bringen sie sich, ihre Angehörigen und das Personal in den Einrichtungen der Behindertenhilfe häufig an ihre Grenzen" . . .

Hierzu möchte ich einen Eintrag im Mitteilungsheft der WfbM meines Sohnes im Sommer 2014 zitieren:

"Hallo Frau Maubach,
ich wollte ihnen kurz eine Rückmeldung über das Verhalten von . . . geben.
Er zeigt sich schnell agressiv u. schlägt ohne Vorwarnung direkt zu. Heute wollte ich ihn bei verschiedenen Situationen abholen, ich ging auf ihn zu, sprach ihn an und er schlug sofort zu. Vor einiger Zeit warnte er vorher durch Geräusche, ignorierte man diese Geräusche, dann schlug er erst. Er hat mich zum Glück nicht erwischt. Wollte ihnen das nur mitteilen.
Lg . . . "

Im Sommer 2016 hat mein Sohn die WfbM verlassen und lebt tagsüber nun mit persönlicher Assistenz, so dass er auch seinen individuellen Bewegungsdrang ausleben darf.
Nun zeigt er sich als lebensfroher Mensch mit erkennbar hoher Lebensqualität!

In unserem Fall war keine Broschüre nötig, um Lösungswege aufzuzeigen. Das Umwandeln von einrichtungszentrierter in personenzentrierte Leistung hat schon ausgereicht.
Bedauerlich nur, dass man als Mutter so hartnäckig dafür kämpfen muss . . .

Von TN

Hallo Frau Dagmar B.,
ich stimme Ihrem Kommentar unumwunden zu. Menschen mit der Zuschreibung namens Schwerstbehinderung wird ausschließlich und offen eine Schuld für ihr Sosein zugeschrieben, was völliger Humbug ist.
Und: Gibt es eine Broschüre, ein Buch, das da heißt: 'Vom Umgang mit herausfordernden Nichtbehinderten'? Soweit mir bekannt, gibt es so ein Buch, jedenfalls im Verzeichnis lieferbarer Bücher in Deutschland nicht.
Wenn ständig von Schwerstbehinderten als Schuldigen geschrieben und gesprochen wird, braucht sich niemand zu wundern, wenn das Abtreiben (das Nichthabenwollen!) behinderter Kinder fröhliche Urständ' feiert und Behörden hämische Briefe den betreffenden Eltern schreiben. Briefe, die dem Inhalte nach den Schwerstbehinderten signalisieren, dass sie nichts wert seien in der Gesellschaft. Und eine Wertzuschreibung zu einem Menschen darf es schon gar nicht geben. Denn dann gibt es immer Verlierer/innen und (vermeintliche, gesellschaftlich tolerierte) Gewinner/innen.

Von rgr

Das die der Handreichung zu Grunde liegende Forschung Mängel aufweist, ist auch der Autorin Barbara Dengler aufgefallen. Auf den Seiten 18 und 19 hat sie dies dokumentiert. In so fern stimme ich dem Kommentar von Inge Rosenberger zu. Die These wurde nicht bearbeitet.

Zitat:

'Der Fragebogen wurde an Wohnstätten der Lebenshilfe in Bayern verschickt mit der Bitte, diesen an interessierte Bewohnerinnen und Bewohner oder Gremien von Menschen mit Behinderungen weiterzuleiten. Es erfolgten 129 Rückmeldungen. Viele Einrichtungen wiesen darauf hin, dass der Fragebogen von Menschen mit Behinderungen und ihren Unterstützerinnen und Unterstützern in Gremien (z.B. Bewohnervertretung) intensiv
besprochen und dass allein das Ansprechen der Themen „Angst, herausforderndes Verhalten und Umgang damit“ von allen Beteiligten begrüßt wurde. Dabei ist jedoch nicht erfasst worden, ob und wie viele Menschen, die herausforderndes Verhalten zeigen, an der Abfrage teilgenommen haben. Die Abfrage konnte wegen der durchwegs offenen Fragestellung nicht wissenschaftlich ausgewertet werden.'

Zitat Ende.

Die Adressaten der Handreichung sollten auf diesen Mangel deutlicher hingewiesen werden.

Von Dagmar B

Eine sehr seltsame Handreichung mit erschreckender Grundlage. Die Grundlage : Menschen mit herausforderndem Verhalten werden permanent weitergereicht , bzw. die Betreuung ist unsicher ( Teufelskreis) Die These " herausforderndes Verhalten als sinnvolles Reagieren auf Zumutungen in Einrichtungen " wird überhaupt nicht bearbeitet .Vielmehr , so lese ich es , sollen Menschen , die in großen Gruppen überfordert sind , trotzdem unter Anwendung von allerlei medizinischem , psychologischem und pädagogischem Hokus Pokus an Großgruppen angepasst werden. Eine Trostschrift für Aufseher in Massenverwahranstalten. Fern , ganz fern von Inklusion . Schlimm !!

Von Inge Rosenberger

@TN, als Mutter einer Tochter mit herausforderndem Verhalten kann ich hier keine Schuldzuweisung erkennen, sondern eine aussagekräftige und nüchterne Tatsachenbeschreibung.
Weder ein Verschweigen der Realität noch Umschreibungen helfen den Familien, sondern nur die entsprechende Unterstützung im Alltag und bei der Durchsetzung von Ansprüchen dem Kostenträger gegenüber.

Von rgr

Hallo TN!

Ich schätze Kobinet für seinen Service. Das was zur Rezension feil geboten wird, findet hier ein waches und kritisches Publikum.

Aber jetzt zur Sache: Wer tritt heran und macht den Chefarzt?


Fragt provozierend,
der Götz

Von TN

Hierzu noch eine 'Handreichung' zu verfassen, ist mehr als zynisch.
Weshalb wird auf solche gequirlte Sch.... bei kobinet verwiesen?

Von TN

Gemäß Aussage der Lebenshilfe Bayern: ".... "Kratzen, beißen, schlagen – sich selbst oder andere. Wenn Menschen mit geistiger Behinderung herausforderndes Verhalten zeigen, bringen sie sich, ihre Angehörigen und das Personal in den Einrichtungen der Behindertenhilfe häufig an ihre Grenzen", so die Lebenshilfe.

Eine Bankrotterklärung der Lebenshilfe Bayern und eine unbedingte Schuldzuweisung an die Angehörigen von Schwerst(mehrfach)behinderten!

Hiernach müssen bei der Lebenshilfe Bayern abenteuerliche, mittelalterliche Verhältnisse vorherrschen und Schwerst(mehrfach)behinderte ständigen Anfeindungen der Lebenshilfe Bayern ausgesetzt sein. Die tatsächlichen Unfähigen sind ganz offensichtlich bei der Lebenshilfe Bayern zu finden.

Wenn schon bei einem so genannten Selbsthilfeverband, wie der Lebenshilfe, solche diskriminierenden 'Lebensweisheiten' (Ironie: aus) vorhanden sind, wie mittelalterlich dürften hiernach die in Jugendämtern und anderswo in Bayern auf den Ämtern gepflegten 'Auffassungen' über Schwerst(mehrfach)behinderte, die in Bayern leben und von den Ämtern Leistungen verbescheidet bekommen, sein?

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