Barrierefreie Wohnungen - das wäre schön!

Veröffentlicht am von Gerhard Bartz

Zwei Stufen vor der Eingangstür
Zwei Stufen vor der Eingangstür
Bild: Kassandra Ruhm

Bremen (kobinet) Kassandra Ruhm aus der Hansestadt Bremen hat eine Posterserie unter der Bezeichnung "Bunt ist schöner“ aufgelegt. Zugrunde liegen die Interessen und Probleme von behinderten Menschen, auf die Ruhm mit ihren Postern bildlich hinweist. Die Serie ist im Internet aufzurufen, gleiches gilt auch für die Druckdateien der Poster. Obgleich die Wohnungsnot gravierende Ausmaße annimmt und für Menschen mit Bedarf an Barrierefreiheit noch drastischer ausfällt, streitet man sich vielerorts über Verwässerungen von Bauordnungen.

In der Tat wären barrierefreie Wohnungen schön!
Ein Kommentar von kobinet-Redakteur Gerhard Bartz

Schön natürlich, damit Menschen mit Behinderungen selbst Wohnungen finden, mehr noch aber, weil sie dann auch Bekannte, Freundinnen und Freunde, selbst ungünstig wohnende Familienangehörige besuchen könnten. Denn oftmals enden solche Besuche auf dem Gehweg.

Mit etwas Gesetzes- und Verfassungstreue der Bundesregierung hätte das Bundesteilhabegesetz Abhilfe geschaffen. Einmal durch die Regelungen zur Barrierefreiheit. Und dann durch eine einheitliche Finanzierung von Nachteilsausgleichen. Denn die bisherige Regelung (meist: ambulantes Wohnen = Kostenträger Kommune, Behindertenanstalt = überörtlicher Kostenträger) nimmt uns unsere Freizügigkeit. Hinzu kommen die Restriktionen hinsichtlich der Wohnungsgrößen durch die Kostenträger. Oftmals endet die Förderung des barrierefreien Wohnungsbaus an einer bestimmten Quadratmeterzahl. Auf einen Elektrorollstuhl Angewiesene sind daher bei der Möblierung stark eingeschränkt. Familien mit einem Rollstuhlnutzer finden kaum barrierefreie Wohnungen. Nach unserer Ansicht kann eine Behörde nur dann eine Wohnung versagen, wenn sie gleichzeitig eine wirklich passende Wohnung vorweisen kann. Wenn ein behinderter Mensch mit Bedarf an Nachteilsausgleichen versucht, von Kommune A nach Kommune B umzuziehen, beginnt das diskriminierende Prozedere der Beantragung der Kostenübernahme erneut. Schlimmer noch: Wer aus einer Anstalt ausziehen will (wohlgemerkt, sein gutes Recht!), muss zu einem deckungsgleichen Zeitpunkt eine Wohnung mieten und die Assistenz personell und finanziell gesichert haben. Eine beinahe unlösbare Aufgabe. Hätte der Gesetzgeber die Menschenrechte aller Menschen im Sinn, hätte er die Finanzierung der behinderungsbedingten Nachteilsausgleiche an sich gezogen. Wetten, dass es dann binnen kurzer Zeit barrierefreie Wohnungen gäbe? Denn dann hätten die Kommunen keinerlei Anlass mehr, sich mit Händen und Füßen gegen die Ansiedelung behinderter Menschen zu wehren. Meine zwischenzeitlich verstorbene Frau ist 1981 aus einem Heim ausgezogen. Ab 1990 brauchten wir wegen dem Wegfall der Zivis die Leistungen der Sozialhilfe. Vor Gericht zeterte das Sozialamt: „Wenn wir das zulassen, dann wollen dort alle raus!“ Man wusste also, dass man dort Menschen gegen ihren Willen aufbewahrt. Würde kein überörtlicher Träger diese Kosten übernehmen, nirgends wären solche Anstalten entstanden.

Es sind also nicht nur die zwei Stufen, die uns das Leben erschweren. Es ist das Denken, das uns auf vielerlei Weise aussperrt.

Zwei weitere Stolpersteine zur Barrierefreiheit sind unschwer bei den Hüterinnen und Hütern der DIN-Normen und bei den Frauen und Männern der Architektenzunft auszumachen. Wie lange soll es dauern, bis die Normen endlich modernisiert werden? Wie lange noch können es sich diese Architekten erlauben, öffentliche Bauten mit Barrieren zu planen? Und wie lange noch planen sie Wohnungen, die erst behinderte Menschen und später oftmals die Inhaber selbst aussperren? Kann man nicht barrierefrei bauen, ohne dass es gleich auf die Optik eines Altenheimes hinausläuft? Wir sehen es als Aufgabe der Architekten, mit einer entsprechenden Beratung die Kundschaft behutsam darauf aufmerksam zu machen, dass man in einer Wohnung auch alt und eventuell gebrechlich leben kann, wenn man ein paar Dinge berücksichtigt. Wir erwarten, dass bei Architekturwettbewerben nicht mehr die Bauten siegen, die von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern Klettertouren erfordern. Wichtiger ist es, wie ein Mindestmaß an Barrierefreiheit eingehalten wird. Das wäre beispielhaft und der Preise wert!

Die Schaffung barrierefreier Wohnungen ist zwingend erforderlich, um die Inklusion zu ermöglichen. Um das zu verwirklichen, müssen die Kosten der Nachteilsausgleiche vom Bund übernommen werden. Alles andere schränkt die Freiheit behinderter Menschen weiter verfassungsverletzend ein.

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